20 Jahre nach den Anschlägen von Rostock: Hörkino-Abend zum Thema „Lichtenhagen schon vergessen? Erinnerung an den Pogrom“ Auch Worte können töten

In der Veranstaltungsreihe "Lichtenhagen schon vergessen? Erinnerungen an den Pogrom von Rostock" ist im alten Sportamt in der Pauliner Marsch ein Hörkino gelaufen. Marc Millies vom Flüchtlingsrat schilderte die Hintergründe.
23.08.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Hasemann

In der Veranstaltungsreihe "Lichtenhagen schon vergessen? Erinnerungen an den Pogrom von Rostock" ist im alten Sportamt in der Pauliner Marsch ein Hörkino gelaufen. Marc Millies vom Flüchtlingsrat schilderte die Hintergründe.

Peterswerder. Rechte Gewalt und Anschläge werden in Westdeutschland oft als ostdeutsches Phänomen wahrgenommen. In der Gedenkreihe zum 20. Jahrestag der Anschläge von Rostock-Lichtenhagen veranstaltete das Aktionsbündnis "20 Jahre nach den Pogromen – Das Problem heißt Rassismus" einen Hörkino-Abend im alten Sportamt auf dem Peterswerder. Thema der Reportage "Nicht nur im Osten. Der rassistische Mob in Mannheim-Schönau 1992" waren fremdenfeindliche Ausschreitungen im Mannheimer Stadtteil Schönau.

Die Reportage zeigt, dass es auch im Westen Deutschlands rechte Gewalt gab und gibt, wie auch zuletzt der Anschlag in Woltmershausen gezeigt hat. Darauf wies Marc Millies vom Flüchtlingsrat Bremen hin und ergänzte: "Die Vorgänge wurden bagatellisiert, deswegen fand auch die Demo ,Aufklärung statt Vertuschung’ statt." Die Reportage solle aber auch zeigen, dass auch Worte töten können.

Die Hörfunkreportage von vier Mannheimer Journalisten aus dem Jahr 2007 schildert nicht nur die Ereignisse, sondern rückt insbesondere die Sprache der Medien und der Politiker in den Mittelpunkt. Die Ausschreitungen in Mannheim waren Teil einer langen Reihe von rassistischen Anschlägen und Gewalttaten Anfang der Neunziger in Ost- und Westdeutschland. In diese Zeit fielen auch die Morde der NSU, die erst jetzt aufgedeckt worden sind. Medien und Politiker hätten von "Dönermorden" gesprochen, kritisierte Millies, einige hätten aus Opfern Täter gemacht, in dem sie ihnen unter anderem Verbindungen zum organisierten Verbrechen unterstellt hätten.

Ähnlich verlief die Berichterstattung auch im Mannheimer Fall, wie die Reportage deutlich macht. Nachdem die Unterkunft, eine ehemalige Kaserne, in der Kriegsflüchtlinge aus Jugoslawien einquartiert worden waren, in Mannheim-Schönau von Jugendlichen und Bewohnern des Stadtviertels mit Steinen und Flaschen angegriffen worden war, meldete der "Mannheimer Morgen", dass es zuvor angeblich Provokationen aus der Unterkunft heraus gegeben habe. Ein ganzes Wochenende versammelten sich immer wieder Bewohner des Stadtviertels, zunächst keinesfalls Neo-Nazis, sondern sogenannte "ganz normale" Bürger, und attackierten die Unterkunft und Gegendemonstranten, die sich mit den Bewohnern solidarisierten.

Aufgeheizt war die Stimmung insbesondere dann, wenn ein Fußballspiel zu Ende ging oder ein Volksfest gefeiert wurde. Dann machten beispielsweise Gerüchte über eine Vergewaltigung die Runde, und die wütende und alkoholisierte Menge zog zu der Flüchtlingsunterkunft. Einige der Zuhörerinnen und Zuhörer reagierten fassungslos auf die Zitate aus den Zeitungen und vom damaligen Mannheimer Oberbürgermeister Gerhard Widder (SPD). Wie in Rostock-Lichtenhagen und anderswo implizierte die Wortwahl, dass es sich nicht um Opfer, sondern um Täter handele. Bezeichnend war, dass der Oberbürgermeister seine offenen Briefe stets an die "Lieben Schönauer Bürger" richtete, aber kein Wort des Bedauerns für die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft fand. Wenn antirassistische Gegendemonstranten von der Polizei und Schönauern attackiert worden waren, berichtete der "Mannheimer Morgen", angereiste Chaoten hätten eine offene Schlacht provozieren wollen. Antirassistische Demonstrationen wurden verboten und mit massivem Polizeieinsatz aufgelöst. Ein zynisches Mittel der Behörden, um die Lage in den Griff zu bekommen, war es, Gitter an den Fenstern der Unterkunft anzubringen. Und der Oberbürgermeister wurde mit dem Satz zitiert: "Die meisten Bewohner dürften den Brandanschlag ja nicht mitbekommen haben."

Im alten Sportamt in der Pauliner Marsch hing ein Plakat mit der Aufschrift "Worten können töten und töten" und daneben Äußerungen von weiteren Politikern. So sagte zum Beispiel der damalige CSU-Ministerpräsident Max Streibel: "Was sich jetzt abspielt, ist keine Ausländerfeindlichkeit. Übergriffe hat es immer gegeben." Nicht anders die Wortwahl von SPD-Politikern: "Glauben Sie, dass die Menschen es ruhig hinnehmen, wenn Millionen Ausländer ungeordnet in unser Land fluten?", fragte Georg Kronawitter von der SPD.

Verhalten wie vor 20 Jahren

Resultat der rassistischen Übergriffe war nicht der Schutz der Flüchtlinge und die Bekämpfung des Rassismus, sondern die Änderung des Asylverfahrensgesetzes. Damit habe sich die Politik der rechten Gewalt gebeugt, so der Tenor in der Diskussionsrunde. Es ging auch um die Frage, wie mit dem alltäglichen Rassismus im Freundes- und Bekanntenkreis umgegangen werden sollte. "Wo immer wir das bemerken, müssen wir deutlich intervenieren, eingreifen oder zumindest deutlich ansprechen, dass es totaler Mist ist, wenn jemand so was ablässt", sagte eine Frau. Andere fühlten sich von dem Verhalten der Bremer Polizei nach dem Brand in Woltmershausen an das der Behörden vor 20 Jahren erinnert: Erst auf Nachfrage habe die Polizei den Anschlag bestätigt, habe von einem möglichen Nachbarschaftsstreit gesprochen, als schon klar gewesen sei, dass die Täter "Sieg Heil" gerufen hatten.

Gegen Bagatellisierung und gegen das Vergessen läuft am Sonnabend, 25. August, die bundesweite Gedenkdemonstration in Rostock-Lichtenhagen, an der auch Bremer teilnehmen. Weitere Informationen auf www.lichtenhagen.net.

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