Die Geschichte von Faisal Auf der Suche nach Glück

Weil er in Italien nicht arbeiten darf, zieht Faisal täglich los und durchsucht Mülltonnen nach nützlichen Dingen. Was er findet, schickt er nach Ghana - in der Hoffnung seine Familie zu unterstützen.
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Auf der Suche nach Glück
Von Kristin Hermann

Zakiry Faisal beißt das erste Mal in seinem Leben in einen Hamburger. „So schmeckt also Europa“, sagt er. Der 22-Jährige schüttelt immer wieder mit dem Kopf. „Das ist so gut.“ Und dann sagt er einen Satz, der vieles über die Welt verrät, in der der junge Mann lebt, den alle nur Faisal nennen. „Ich habe nie gedacht, dass ich mal mit weißen Menschen am Tisch sitze und so etwas essen darf“, sagt er. Es ist Sonnabendabend, 19 Uhr. In dem Schnellrestaurant treffen sich junge Leute, die sich mit Burgern und Pommes auf einen Partyabend vorbereiten oder für die der Tag mit einem fettigen Menü endet. Für keinen von ihnen ist es etwas Besonderes. Für Faisal gehört es zu den Höhepunkten der vergangenen Monate.

Die Fast-Food-Kette liegt nur wenige Gehminuten von der Flüchtlingsunterkunft entfernt, in der Faisal untergebracht ist. Besonders ironisch: Die alte Hotelanlage in Campobasso, einer Kleinstadt etwa zwei Autostunden entfernt von Neapel, trägt den Namen Eden. Von dem Paradies ist allerdings nicht viel übrig geblieben. Die Flure und Zimmer, in denen die Geflüchteten untergebracht sind, sind stark renovierungsbedürftig. Einzig die Schildkröten im Eingangsbereich des Hotels erinnern daran, das hier vor Jahren Urlaubsgäste ein und ausgegangen sind.

Kaum einer hat seine Aufenthaltspapiere erhalten

Nun sind es etwa 100 Geflüchtete, die aus der Nähe italienischer Hafenstädte an diesen Ort gebracht wurden. In der Nähe des Hotels gibt es einige weitere dieser Unterkünfte. Wie in Deutschland wurden auch in Italien viele ältere Hotelkomplexe zu Flüchtlingsheimen umfunktioniert. Kaum einer, der in dem Camp wohnt, hat bisher seine Aufenthaltspapiere bekommen. Sie dürfen nicht arbeiten und warten wie Faisal auf ihre Anhörung bei einer Kommission, die am Ende entscheiden wird, ob sie bleiben dürfen oder nicht. Faisals Chancen stehen nicht gut, das weiß er. Ghana gilt derzeit als sicheres Herkunftsland. Es gibt Ghanaer in der Unterkunft, die seit vier Jahren auf eine Entscheidung warten. Eine Aufgabe haben sie nicht. Faisal hat Angst davor auch so zu enden – und dass er in Sachen reingezogen werden könnte, mit denen er eigentlich nie etwas zu tun haben wollte.

Weil das Warten einigen Bewohnern zu langweilig geworden ist, haben sie ihr eigenes Business gegründet. Und das besteht nicht selten aus Drogen und Prostitution. Besonders die Frauen aus Nigeria seien davon betroffen, erzählt Faisal. Man kann beobachten, wie sie mit den Männern in Zimmern verschwinden und kurze Zeit später wieder herauskommen. „Für zehn Minuten Sex bekommen sie zehn Euro. Für eine ganze Nacht sind es 50 oder 60 Euro. Das ist grausam“, sagt er. Meistens schafften die Frauen nicht in ihrem eigenen Hotel an, sondern kämen aus den umliegenden Unterkünften . Einmal hat Faisal einen Camp-Bewohner und eine der Frauen beim Sex überrascht . „Ich habe mich total geschämt“, sagt er. Mit Frauen will er momentan nichts zu tun haben. Auch nicht mit den italienischen. „Warum sollten die sich denn für mich interessieren?“, fragt er.

Der Camp-Leitung sind die Probleme bekannt. „Wir versuchen mit der Polizei zu kooperieren, doch die Kontrollen sind schwer“, sagt Salvatore dell’Oglio, Koordinator bei der gleichnamigen Organisation Eden, die die Unterkunft leitet. Die meisten der Frauen, die sich in den Camps prostituieren, hätten einen festen Freund, dem sie ihre Einnahmen am Ende übergeben. „Viele von ihnen wurden bereits in Libyen vergewaltigt und sind dadurch schwanger geworden. Die Kinder sind nur eine weitere Belastung für sie“, sagt Faisal. Oft würden Prostitution und Drogen im Camp eng miteinander zusammenhängen. Am Abend sieht man einige der Männer völlig zugedröhnt durch die Gänge laufen. Faisal schüttelt nur traurig mit dem Kopf, als er sie sieht.

Sprachkurse sind nicht verpflichtend

Zwar werden in dem alten Hotel jeden Tag Sprachkurse und andere Aktivitäten angeboten, doch die Teilnahme daran ist nicht verpflichtend. „Das ist das Problem daran“, sagt dell’Oglio. Die Flüchtlingsunterkunft sei in dem System der Italiener eigentlich nur als Übergangslösung gedacht, in dem die Menschen zwei bis drei Monate wohnen sollen. „Weil die Behörden aber überlastet sind, bleiben die Geflüchteten de facto dauerhaft. Doch trotzdem dürfen wir hier den Unterricht nicht verpflichtend gestalten. Das ist erst in der Stufe danach möglich“, sagt er. Viele der Bewohner gehen nur unregelmäßig zu dem Unterricht, weil sie glauben, dass Italien noch nicht ihre Endstation ist. Bei Faisal ist das auch so. Weil er fließend Englisch spricht, will er es in Großbritannien versuchen – vorausgesetzt, er bekommt seine Papiere.

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Von den kriminellen Machenschaften im Hotel Eden versucht er sich fernzuhalten – noch gelingt ihm das. Der 22-Jährige hat sich stattdessen eine Arbeit gesucht, mit der er sich legal etwas dazuverdient und die seinen Tag ausfüllt. Er ist mittlerweile so etwas wie der Händler des Camps. Tag für Tag macht sich Faisal dafür auf ins Stadtzentrum. Dort zieht er sich seine gelbe Warnweste und Handschuhe an und stülpt einen Atemschutz über das Gesicht. So ausgerüstet nimmt sich Faisal Mülleimer für Mülleimer in Campobasso vor. Aber nur die Tonnen, in denen keine Lebensmittel landen. Doch auch aus ihnen schlägt ihm ein beißender Geruch entgegen. Der junge Mann ekelt sich vor dem Wühlen im Müll. „Eigentlich sollte das niemand tun müssen, aber ich sehe darin einen Nutzen und hoffe, dass es nur auf Zeit ist“, sagt er.

Die Bewohner der knapp 50.000 Einwohner großen Stadt reagieren oftmals irritiert, wenn sie Faisal bei seinen Erkundungstouren beobachten. „Es kommt auch schon mal vor, dass ich beleidigt werde, aber ich ignoriere die Leute einfach. Ich glaube, einige von ihnen denken, wir sind Tiere und keine Menschen“, sagt er. Manchmal halten Autofahrer auch an, weil sie glauben, er suche nach Essen. Dann bieten sie ihm an, etwas aus dem Supermarkt mitzubringen. Faisal kennt mittlerweile fast jeden Mülleimer auf seiner Strecke. Er weiß, welche die Vielversprechendsten sind. „Ihr würdet euch wundern, was die Leute hier alles entsorgen.“ Und es stimmt. Auch an diesem Tag ist sein Streifzug ein Erfolg. Er findet einen Drucker, CDs und eine unversehrte Damenhandtasche.

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Zur Sache: Flucht in die Prostitution

Ein Großteil der afrikanischen Opfer von Menschenhändlern kommt aus Nigeria. Spezifisch für die nigerianischen Ausbeutungsstrukturen sind sogenannte Voodoo-Rituale, mit denen Schlepper und Zuhälter die Frauen in die psychische Abhängigkeit führen und kontrollieren. Die Schulden für Reise und Organisation sowie die fehlende Aufenthaltserlaubnis zwingen viele Frauen, in der Zwangssituation zu bleiben. Nach Einschätzungen der Internationalen Organisation für Migration sind etwa 75 Prozent der Nigerianerinnen, die 2016 im Mittelmeer gerettet und nach Italien gebracht wurden, potenziell Opfer von sexueller Ausbeutung.

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Inzwischen haben auch andere Geflüchtete den Nutzen dieser Container für sich entdeckt. In die Quere komme man sich allerdings nur selten. „Ich habe keine Lust, mich um diese Sachen zu streiten. Ich will einfach nur meine Ruhe“, sagt Faisal. Anders reagiert er, wenn sich jemand an seinem Fundus innerhalb des Camps vergreift. Dort hat er an verschiedenen Stellen seine gesammelten Schätze deponiert – Camp-Leiter Salvatore dell’Oglio ist damit einverstanden. Wenn sich daran jemand ungefragt bedient, kann der sonst so ruhige Faisal aus der Haut fahren. „Einmal habe ich deswegen jemanden verprügelt. Seitdem traut sich keiner mehr daran“, sagt er. „Ich arbeite hart für diese Dinge. Die kann man mir nicht einfach wegnehmen.“

Wenn Faisal über seine Fundstücke erzählt, ist er stolz. Einen Fernseher hat er dort schon gefunden und eine alte Playstation, vor der er häufig sitzt und Fußball spielt. Es gibt ihm das Gefühl, sich Sachen leisten zu können, die er sich mit den 2,50 Euro Taschengeld am Tag nicht finanzieren könnte. Sein Zimmer platzt mittlerweile aus allen Nähten. Doch der 22-Jährige will die vielen Dinge nicht nur für sich. Der Hauptgrund, warum er nach all den Sachen suche, sei seine Familie in Ghana. So absurd es klingt: Der junge Mann sammelt Dinge, die Europäer nicht mehr für gut befunden haben, um seine Familie in Ghana damit zu ernähren. Er weiß wie verrückt und gleichzeitig traurig das ist. Faisal zuckt mit den Schultern. „Was soll ich denn machen, wenn ich nicht anders für meine Familie sorgen kann?“, sagt er.

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Dafür hat er sich mit zwei anderen Ghanaern zusammengetan. Sie sparen ihr Taschengeld und jenes Geld, das sie durch den Verkauf einiger der Sachen im Camp erzielen, bis sie ausreichend zusammen haben, um einen Lkw damit nach Ghana zu schicken. Seit seiner Ankunft im November vergangenen Jahres hat Faisal schon drei Ladungen in sein Heimatland geschickt. „Mein Vater ist tot. Ich bin in meiner Familie der einzige, der sich kümmert. Ich bin für sie verantwortlich. Und wenn ich hier schon keinen Job haben darf, dann versuche ich es wenigstens auf diese Weise“, sagt er.

Ein Stück Heimat in Italien

Faisal wird traurig, wenn er über seine Familie spricht. Oft schaut er sich Fotos von ihnen auf seinem Handy an oder telefoniert mit ihnen über einen Messenger-Dienst. Manchmal ist die Sehnsucht nach ihnen so groß, dass er nicht weiß, was er machen soll. Dann holt ihn die Einsamkeit derart ein, dass er stundenlang umherwandert oder in seinem verdunkelten Zimmer vor dem Fernseher sitzt. So geht es dann tageweise, bis er sich wieder aufrappelt und von vorne anfängt.

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Um ein Stück afrikanische Heimat in die italienische Kleinstadt zu holen, kochen Faisal und seine Freunde fast jeden Tag in ihren Zimmern Banku, ein ghanaisches Nationalgericht. Erlaubt ist das eigentlich nicht. In der Großküche wird täglich für die Bewohner der Hotelanlage gekocht. „Aber wir können keine Pasta mehr sehen, und mit den Küchenchefs lässt sich nicht reden. Selber dürfen wir nicht kochen“, sagt Faisal. Die Zubereitung in den Zimmern artet deshalb jedes Mal in eine geheime Mission aus. Die Tür wird abgeschlossen, auf den Fluren Schmiere gestanden, damit niemand der Mitarbeiter etwas bemerkt.

Dann holen Faisal und seine Freunde die Zutaten für den Teigkloß heraus und schneiden Hühnchen, Tomaten und Zwiebeln für die Soße. Gekocht wird auf einer alten Herdplatte, die Faisal ebenfalls von seinen Streifzügen aus der Stadt mitgebracht hat. Mehl und Wasser werden mit einem alten Stuhlbein miteinander vermengt. „Keine Sorge, wir haben das Holz mittlerweile so oft in dem heißen Wasser benutzt, dass es wieder ganz sauber ist“, sagt Faisal und lacht. Am Ende der Prozedur liegt ein großer Teigkloß in dem Topf, daneben dampft die Soße mit dem Fleisch. Die jungen Männer sind stolz auf ihre Mahlzeit. Danach verschwindet alles wieder in den Schubladen der Schränke. Einmal in der Woche werden die Zimmer kontrolliert. Dann darf von dem Essen nichts mehr übrig sein.

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Hätte er gewusst, wie schwer der Alltag in Italien wird und was ihn in Libyen erwartet, hätte er Ghana niemals verlassen, sagt Faisal heute. Sein Wunsch für seine Zukunft klingt simpel: „Ich habe bestimmt nicht davon geträumt, Müll zu sammeln. Ich will endlich meinen Führerschein machen und als Lkw-Fahrer arbeiten.“ Das habe er bereits in Ghana gemacht, nur ohne eine Zulassung. Sein Chef habe ihn damals schlecht behandelt und geschlagen. „Ich dachte, in Libyen wird es besser, aber das Gegenteil war der Fall.“ Faisal wurde festgenommen und musste am eigenen Leib erfahren, wie brutal man dort mit Gastarbeitern wie ihm umgeht.

Deshalb hat der 22-Jährige eine klare Botschaft an diejenigen in seinem Heimatland, die auch planen nach Libyen oder Europa zu gehen. „Bleibt da, es ist nicht so, wie ihr euch das vorstellt. In Libyen werden Menschen gefoltert, eingesperrt, erpresst, und die Frauen werden vergewaltigt“, sagt er. Sein Geld hätte er stattdessen lieber in einen Führerschein in Ghana investiert. „Dann könnte ich jetzt vielleicht ganz anders für meine Familie sorgen und wäre bei ihnen“, sagt er.

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Zur Sache: Libyen

Libyen ist ein Staat in Nordafrika. Er grenzt im Osten an Ägypten und Sudan, im Süden an Niger und Tschad und im Westen an die Maghreb-Staaten Tunesien und Algerien. Im Norden befindet sich das Mittelmeer, von dem aus Schlepper die Überfahrt nach Europa organisieren. Das Land ist von Bürgerkriegen zerrüttet: In mehreren Regionen wird gekämpft. Die Unsicherheit, der wirtschaftliche Zusammenbruch und das Fehlen von Recht und Ordnung bedeuten große Herausforderungen für das tägliche Leben. Zusätzlich ist das Land gleichzeitig Ziel und Durchreisestation für Hundertausende Migranten, die dort als Gastarbeiter tätig sind.

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Ohne Libyen hätte er sich auch die Todesangst erspart, die er während und kurz vor der Überfahrt nach Italien verspürte. Faisal hatte sich zu dieser Zeit eine schwere Infektion in seinem linken Arm und Fuß eingefangen. Beide Gliedmaßen waren so extrem angeschwollen, dass Faisal kaum gehen oder greifen konnte. „Aber in den Lagern in Libyen haben wir keine ärztliche Hilfe bekommen. Ich wollte in meinem Zustand eigentlich gar nicht in das Schlauchboot einsteigen“, sagt er.

Doch ein Nein akzeptieren die Schlepper dort nicht. Hilfsorganisationen berichten immer wieder davon, dass einige der Migranten mit Waffengewalt in die Boote gezwungen werden. Ähnlich war es auch bei Faisal. Ein Zurück gab es diesem Moment für ihn nicht mehr. Schwimmen wäre für ihn mit den Entzündungen unmöglich geworden. Seine ersten Tage in Italien hat er in einem Krankenhaus verbracht. Von der Infektion ist heute nur noch ein weißer Fleck auf seiner dunklen Haut geblieben.

Die Erinnerung daran wird deutlich länger bleiben. Wäre auch sein Boot gekentert, er säße heute hier nicht – da ist sich Faisal sicher. Umso quälender sei das Gefühl, nun in einer endlosen Warteschleife gefangen zu sein. Der 22-Jährige sehnt sich danach, endlich loszulegen, sein Leben zu leben. Unabhängig zu werden und zu lernen, welche Bedeutung man hat . Faisal will sie kennenlernen, diese Welt, in der es normal ist, wenn Schwarze und Weiße zusammen am Tisch sitzen und sich einen Burger teilen.

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