Bremen Auf Germaniens Spuren

Menschen in Gruppen, seien es Anhänger von Fußballmannschaften oder Mitglieder einer Schülerclique, zeigen häufig das Bedürfnis, sich Eigenheiten ihrer Gruppe bewusst zu machen und diese zu betonen. Beobachten lässt sich dies auch bei Bewohnern von Ländern, bei Deutschen ebenso wie bei Engländern, Russen, Franzosen oder US-Amerikanern.
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Auf Germaniens Spuren
Von Jürgen Wendler

Menschen in Gruppen, seien es Anhänger von Fußballmannschaften oder Mitglieder einer Schülerclique, zeigen häufig das Bedürfnis, sich Eigenheiten ihrer Gruppe bewusst zu machen und diese zu betonen. Beobachten lässt sich dies auch bei Bewohnern von Ländern, bei Deutschen ebenso wie bei Engländern, Russen, Franzosen oder US-Amerikanern. In diesem Zusammenhang fallen Ausdrücke wie nationale oder auch kulturelle Identität. Sie sind unter anderem mit der Suche nach gemeinsamen Wurzeln verbunden. In Verbindung mit Deutschen taucht oft der Begriff Germanen auf. Was aber steckt überhaupt dahinter?

Antwort: Eine entscheidende Rolle für das Verständnis des Begriffs Germanen hat ein Werk des römischen Historikers und Politikers Tacitus (etwa 58 bis 120 nach Christus) gespielt. In dieser Schrift mit dem Titel „Germania“ beschreibt er unter anderem Sitten und Gebräuche verschiedener Stämme zwischen Rhein und Weichsel. Die gesamte Region erscheint als ein unwirtliches Land, „teils durch seine Wälder schaudererregend, teils widerlich durch seine Sümpfe“. Die Bewohner zeichneten sich nach Darstellung des Römers unter anderem durch Tapferkeit im Kampf, die Fähigkeit, Hunger und Kälte zu ertragen, und eine Lebensführung aus, die frei von Luxus war. Zu ihren Schwächen rechnete Tacitus die Trägheit. Ein einheitliches Volk der Germanen, wie es die Schrift nahelegt, gab es jedoch in Wirklichkeit niemals. Östlich des Rheins lebten in der Antike viele unterschiedliche Völker beziehungsweise Stämme. Die Chatten wurden ebenso zu den Germanen gerechnet wie beispielsweise die Cherusker, Langobarden und Markomannen. In einem Beitrag für das aktuelle Magazin der Goethe-Universität in Frankfurt am Main beschreibt Professor Thomas Paulsen, ein Experte für alte Sprachen, mögliche Gründe für Tacitus' Darstellung. Danach könnte der Historiker die Absicht gehabt haben, vor weiteren Auseinandersetzungen östlich des Rheins zu warnen und den kulturellen Verfall in Rom anzuprangern, indem er positive Eigenschaften der Germanen herausstellte.

Das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald erinnert an Arminius, der auch als Hermann der Cherusker bezeichnet wird. Seinen Nachruhm verdankt er Tacitus, der ihn „Befreier Germaniens“ nannte. Im Jahre neun nach Christus hatte Arminius ein Heer angeführt, das das Heer des römischen Feldherrn Varus besiegt hatte. Durch das im 19. Jahrhundert errichtete Hermannsdenkmal wurde Arminius zu einem Nationalhelden stilisiert. Tatsächlich ist über ihn aber vergleichsweise wenig bekannt. Er hatte viele Jahre für Rom gekämpft, war dann aber zu einem Gegner des Imperiums geworden. Was genau ihn leitete, ist unbekannt. Auch über den Ort der Varusschlacht wird seit Langem spekuliert. Als möglicher Schauplatz gilt Kalkriese, eine Region bei Osnabrück, in der Gegenstände aus der Römerzeit gefunden wurden.

Wie groß die Gefahr ist, aus der Deutung geschichtlicher Vorgänge falsche Vorstellungen abzuleiten, zeigt das Beispiel der Vandalen, die ebenfalls zu den Germanen gerechnet werden. An sie erinnert der Ausdruck Vandalismus, der häufig dann verwendet wird, wenn Menschen im öffentlichen Raum mutwillig etwas beschädigen oder zerstören. Nach den Worten des Geschichtsprofessors Konrad Vössing von der Universität Bonn, der 2014 ein Buch über die Vandalen veröffentlicht hat, ist die Praxis, in Verbindung mit blinder Zerstörungswut von Vandalismus zu sprechen, im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts aufgekommen, das heißt in der Zeit der Französischen Revolution. Historisch gerechtfertigt sei der Begriff nicht.

Nach Berichten römischer Autoren siedelten die Vandalen in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt östlich der Oder. Wahrscheinlich hat der Einbruch der Hunnen in Osteuropa im vierten Jahrhundert sie veranlasst, nach Westen zu ziehen. Im fünften Jahrhundert gelangten Vandalen nach Gallien, Spanien und Nordafrika. Laut Vössing gelang es ihnen dort, von den Römern beherrschte Gebiete einzunehmen und eigene staatliche Strukturen zu entwickeln. Dass später der Ausdruck Vandalismus entstanden ist, hängt mit einem Ereignis im Jahr 455 zusammen. Damals griffen die Vandalen Rom an und brachten wertvolle Gegenstände in ihre Gewalt. Wie der Bonner Historiker erklärt, handelten sie dabei aber keineswegs zerstörungswütig, sondern planvoll und diszipliniert. Mit dem Raub der Schätze sei erreicht worden, dass Rom kaum noch den Sold für seine Soldaten habe aufbringen können.

Der Ursprung des Adjektivs deutsch, das im Althochdeutschen „diutisc“ lautete, liegt im germanischen Substantiv „thiot“, was so viel wie Volk bedeutet. Deutsch steht seinem Sinn nach für „zum Volk gehörig“. Im Mittelalter stand dabei der Bezug zur gemeinsamen Sprache im Vordergrund. Die altfränkische Volkssprache wurde zur Zeit Karls des Großen „theodisca lingua“ genannt.

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