Sexueller Missbrauch

Aufruf zu einem Mentalitätswechsel

Jahre nach dem Skandal bei den Katholiken nimmt auch die evangelische Kirche Missbrauchsopfer in den Fokus. 770 Betroffene wurden inzwischen ermittelt.
12.11.2019, 18:33
Lesedauer: 3 Min
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Von Benjamin Lassiwe
Aufruf zu einem Mentalitätswechsel

Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs zog eine Zwischenbilanz.

Heimken/DPA

„Es ist kein leichter Schritt, hier zu sein“, sagt Kerstin Claus. Im Dresdner Kongresszentrum steht die Journalistin auf einer Bühne. Vor ihr sitzen die 120 Mitglieder der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dazu die leitenden Geistlichen und Juristen der 20 Landeskirchen und der Rat der EKD. Alles, was im deutschen Protestantismus Rang und Namen hat, ist anwesend. „Der Grund, warum ich zugesagt habe, diese Rede zu halten, ist, dass ich immer noch eine Vision habe, von einer Kirche, die vorangeht.“

Kerstin Claus wurde als Jugendliche von ihrem Gemeindepfarrer missbraucht. Sie ist die erste Betroffene von sexuellem Missbrauch, die vor der EKD-Synode spricht. Vor einem Jahr in Würzburg hatte die Synode einen Elf-Punkte-Plan beschlossen – am Dienstag zog die Vorsitzende des Beauftragtenrates der Evangelischen Kirche, Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs, eine Zwischenbilanz. Insgesamt seien der evangelischen Kirche mittlerweile 770 Missbrauchsopfer bekannt. 60 Prozent davon betreffen Fälle aus dem Bereich der Diakonie, etwa ehemalige Heimkinder. 40 Prozent ereigneten sich in Kirchengemeinden. Im Unterschied zur MHG-Studie der katholischen Kirche erfasst die EKD in ihrer Statistik alle sexuellen Übergriffe, auch zwischen Erwachsenen, Teilnehmern von Freizeiten und unter Beteiligung aller Berufsgruppen der Kirche, nicht nur der Pfarrer.

Neu auf den Weg gebracht wurde in Dresden ein Betroffenenbeirat, der sich im Frühjahr 2020 konstituieren soll. Zudem hat der Rat der EKD eine Gewaltschutzrichtlinie beschlossen. Sie legt Schutzstandards in den Gemeinden fest. „Immer dann, wenn Kinder involviert sind, gibt es keinen Ermessensspielraum“, betonte Fehrs. „Sexuell bestimmtes Verhalten bei Kindern ist immer und ohne Ausnahme sexualisierte Gewalt.“ Das durch einen TV-Bericht bekannt gewordene „Original Play“ in Kitas sei damit nicht vereinbar. Schwierigkeiten gibt es noch mit der Unabhängigen Zentralen Ansprechstelle der EKD: „Schon in den ersten Wochen hat sich gezeigt, dass der Bedarf der Anrufenden weit über eine reine Lotsenfunktion hinausgeht.“ Fehrs versprach ein Nachsteuern. Eine 2018 angekündigte Dunkelfeldstudie will man nun mit dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung angehen – um valide Ergebnisse zu erhalten, müssten dafür aber 100 000 Menschen befragt werden, erklärte das Mitglied des Beauftragtenrats, Nikolaus Blum. Der Unabhängige Beauftragte, Johannes-Wilhelm Rörig, signalisierte vorsichtige Zustimmung.

Einen offenen Dissens gibt es zwischen der EKD und den Betroffenen über die Frage, ob Entschädigungen gezahlt werden sollen. Nikolaus Blum betonte, dass die etwa in der katholischen Kirche genannten Entschädigungssummen „zwangsläufig zu Auseinandersetzungen über die Beweisbarkeit von Sachverhalten“ führen könnten, „also genau zu den Verfahren, die die Betroffenen über lange Zeit stark belasten und retraumatisieren würden.“ Kerstin Claus sieht das naturgemäß anders. Sexueller Missbrauch habe vielfältige biografische Folgen. Auch deswegen müsse es solch eine Debatte geben. Vor allem aber rief die Betroffene die evangelische Kirche zu einem Mentalitätswechsel auf. „Sie und ihre Kirche haben noch immer keine klare Haltung gefunden, was den Umgang mit uns Betroffenen angeht“, sagte Claus. „Sie werden Ihre Deutungshoheit aufgeben müssen.“ Und dann meldete sie auch ganz konkrete Forderungen an: „Täter dürfen nicht weiter im Verkündigungsdienst der Kirche stehen“, forderte Claus. „Gemeinden müssen von Vorwürfen erfahren, und dürfen über erwiesene Taten nicht im Unklaren gelassen werden.“

Doch zumindest die in Dresden anwesenden Opfervertreter attestierten der evangelischen Kirche auch, bei der Aufarbeitung voranzukommen. „Immer wieder habe ich Bischöfin Fehrs als unermüdliche Kämpferin erlebt, deren Anliegen es ist, ihre Kirche besser und professioneller aufzustellen“, sagte Claus. Auch der aus den Reihen der Opfer eines Kinderheims im baden-württembergischen Korntal stammende Detlev Zander bescheinigte der Kirche auf einer Pressekonferenz „einen sehr starken Willen, dass sie aufarbeiten und aufklären will.“ Allerdings müsse sie das auch umsetzen. „Ich habe oft das Gefühl, dass die Leitung der EKD Dinge beschließt, die Landeskirchen das dann aber nicht umsetzen.“

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