Kommentar über ein britisches Buch

Lobeshymne auf Deutschland

Es ist provokativ: Ausgerechnet ein Buch aus dem Königreich analysiert, warum die Deutschen angeblich vieles besser machen als die Briten. Eine Analyse von Katrin Pribyl.
12.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Lobeshymne auf Deutschland
Von Katrin Pribyl
Lobeshymne auf Deutschland

John Kampfners Buch geht mit dem britischen Unterhaus und Premier Johnson (M.) hart ins Gericht.

Jessica Taylor /House of Commons /AP /dpa

So viel wurde auf der Insel bereits über das Buch geschrieben, dass Boris Johnson es vermutlich auch kennt – und doch dürfte es nicht gerade zur favorisierten Bettlektüre des britischen Premiers zählen. „Why the Germans Do it Better“ („Warum die Deutschen es besser machen“) lautet der Titel des jüngsten Werks von Topkolumnist John Kampfner und nun ja, viel Erklärung braucht es kaum, warum es als provokativ gilt. Nicht nur, dass der Journalist äußerst kritisch mit seinem eigenen Land ins Gericht geht und es als „gefangen in einem zum Scheitern verurteilten politischen System und in Größenwahn“ beschreibt.

Ausgerechnet auf die Deutschen verweist der Publizist. Die Krauts, die regelbesessen gerne den Hobbypolizisten spielen, will er den Briten als Vorbild andrehen? Man möchte erwähnen: In diesem Jahr liegt das fast schon im Trend. Während der Corona-Krise blickten die Briten neidvoll über den Ärmelkanal, wo die Deutschen im Umgang mit der Pandemie bislang überwiegend richtig lagen. Daneben arbeitet sich Kampfner an vielen Themen ab, lobt die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel, den Mittelstand, den wirtschaftlichen Triumph seit der Finanzkrise und den Erfolg der Wiedervereinigung.

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Er zoomt zudem heraus und erkennt insbesondere in der Bescheidenheit und zuweilen Langeweile der politischen Kultur die Vorteile des deutschen Wegs, der sich immer wieder bewähre. Dort der unaufgeregte Stil der Kanzlerin, vor der Haustür der Entertainer Johnson. Dort Effizienz und eine Politik, die auf Ergebnisse und Konsensbildung abzielt. Hier viel Rhetorik und bombastische Ankündigungen aus der Downing Street, die gerne mit „weltbeste“ gespickt sind.

Manch stolzer Brite fühlte sich getroffen. Es handele sich um ein Literaturgenre nicht unähnlich des „Rache-Pornos“, lästerte ein Rezensent fast beleidigt im konservativen „Telegraph“. Kampfner karikiert nämlich einen Teil der Briten immer wieder als Plastikfähnchen schwenkendes, patriotische Lieder wie „Rule Britannia“ schmetterndes Volk, das sich hinter vergangenen Erfolgen versteckt und früherem Ruhm nachläuft. Und in dessen „politischen Nicht-System“ man improvisierend von einer Krise zur nächsten springe, während sich Deutschland als „Bollwerk für Anstand und Stabilität“ präsentiere.

Durch Deutschland gereist

Gleichzeitig provoziert Kampfner mit seiner These auch die Deutschen, das ist dem Publizisten wohl bewusst. Er war Auslandskorrespondent in Bonn und im Berlin der Wendezeit. Für seine Recherchen ist er nun abermals durchs Land gereist. Wenn er dabei den Titel seines Buchs verriet, lautete die Antwort der oft peinlich berührten Gesprächspartner stets: „Das können Sie nicht sagen.“

Kampfner kann. Brite eben. Herausgekommen ist ein Preisgesang auf die Bundesrepublik, der die tief sitzenden Selbstzweifel der Deutschen, den Hang zu Nörgeleien sowie die Scham auf die Vergangenheit anerkennt, aber auf charmante Weise vernachlässigt. „Ihr seid so viel besser, als ihr denkt“, ruft Kampfner den Deutschen zu, die auf etliche Dinge stolz sein könnten, sie aber aufgrund ihrer Kriegsgeschichte oft verstecken.

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Immerhin, Kampfner – man will ihm fast dafür danken – erkennt auch Schwächen, zum Beispiel ist ihm der digitale Rückstand aufgefallen. Doch die größte Kritik findet sich im Kapitel zur deutschen Außenpolitik, wenn er etwa auf die schwache Haltung gegenüber Russland verweist. Mit seinem Untertitel „Notizen aus einem erwachsenen Land“ schiebt er der Bundesrepublik eine Verantwortung in der Welt zu, die sie bislang nicht in Gänze zu übernehmen bereit scheint. Deutschland habe sich, statt eine Führungsrolle zu übernehmen, in einem Kokon bequem gemacht.

Auch von den Briten lernen

Natürlich sind einige Beschreibungen Kampfners sehr durch die rosarote Brille betrachtet. Und natürlich machen die Deutschen „es“ nicht bei allem und überall besser. Im Gegenteil, in manchen Dingen stünde es ihnen gut, von den Briten zu lernen. Stichwort Gelassenheit. Oder Humor.

Vermutlich ist es aber diese erfrischende Außenansicht, die vonnöten ist, um die Deutschen auf der Weltbühne nach vorne zu schubsen. Im Jahr 2020 ist es wohl nicht einmal mehr überraschend, dass dies ausgerechnet ein Brite tut.

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