Migrantenboot Schuldzuweisungen nach Unglück im Ärmelkanal

Am Mittwoch kenterte ein Boot mit Migranten im Ärmelkanal. Frankreich und Großbritannien machen sich gegenseitig für das Unglück verantwortlich und werfen einander mangelnde Kooperationsbereitschaft vor.
25.11.2021, 18:15
Lesedauer: 3 Min
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Von Susanne Ebner und Birgit Holzer

Die meisten von ihnen waren Kurden und stammten aus dem Irak oder dem Iran. Auf ihrem Weg in ein besseres Leben hatten sie es schon bis nach Nordfrankreich geschafft. Von dort wollten sie über den Ärmelkanal nach Großbritannien übersetzen. Doch ihr Flüchtlingsboot kenterte am Mittwoch aus unbekannten Gründen. Mindestens 27 Menschen, darunter laut Medienberichten sieben Frauen und drei Kinder, starben. Ein Iraker und ein Somalier konnten überleben. Sie wurden schwer unterkühlt ins Krankenhaus von Calais gebracht und sollen bald befragt werden. Wie der französische Innenminister Gérald Darmanin mitteilte, wurden bis Donnerstag fünf Männer festgenommen, die man verdächtigt, als Schleuser Mitverantwortung zu tragen.

25.000 Menschen seit Januar unterwegs

Die Zahl der Menschen, die in diesem Jahr mit kleinen Booten den Ärmelkanal auf dem Weg nach Großbritannien überquert haben, ist laut Angaben der britischen Presseagentur PA schon jetzt dreimal so hoch wie im gesamten Jahr 2020. Mehr als 25.000 Menschen haben sich demnach seit Januar auf den Weg gemacht. 7800 Personen konnten von der Seenotrettung aufgegriffen werden. Kam es seit langem trotzdem immer wieder zu dramatischen Unfällen, so war die Opferzahl noch nie so hoch wie jetzt. Noch am Mittwochabend versammelten sich mehrere Dutzend Menschen am Hafen von Calais, um die Politik zu einem menschlichen Handeln aufzurufen. „Wie viele Tote braucht es noch?“, stand auf einem Plakat.
Die Regierungen in Paris und London schoben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Der britische Premierminister Boris Johnson forderte Frankreich dazu auf, gemeinsamen Polizeipatrouillen entlang der Küsten des Kanals zuzustimmen. Der Vorfall habe gezeigt, dass die Bemühungen der französischen Behörden „nicht ausreichend waren“, sagte er. Seitens des Élysée-Palasts hieß es wiederum, bei einem gemeinsamen Telefongespräch habe Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Johnson wissen lassen, „dass er von den Briten erwartet, dass sie voll und ganz kooperieren und dass sie davon absehen, eine dramatische Situation für politische Zwecke zu instrumentalisieren“. Macron forderte mehr Einsatz für die Zerschlagung krimineller Schleuser-Netzwerke und höhere Mittel für die europäische Agentur für Grenz- und Küstenwache Frontex. „Frankreich wird nicht zulassen, dass der Ärmelkanal zum Friedhof wird“, so Macron.

Fischereistreit drückt Stimmung 

Die beiden Nachbarländer sind derzeit nicht gut aufeinander zu sprechen, da der Streit um Fischereirechte noch immer nicht beigelegt ist. Auch beim Umgang mit der Flüchtlingsroute über den Ärmelkanal herrscht seit langem Uneinigkeit über die Verantwortlichkeiten, etwa bei den Kontrollen an den französischen Häfen, die seit Jahren immer stärker abgesichert werden. Für manche liegt genau darin die Ursache für die menschlichen Dramen: „Es gab keine Schleuser, bevor die Grenze abgeriegelt wurde“, sagte der in Calais engagierte Jurist Olivier Cahn gegenüber der Zeitung „Le Monde“: „Wer nur auf Repression setzt, stärkt die mafiösen Organisationen und treibt den Preis für das Übersetzen in die Höhe.“ Den in der Flüchtlingshilfe engagierten Vereinen zufolge steigen die Unfälle im Meer, seit der Hafen von Calais und der Zugang zum Tunnel unter dem Ärmelkanal so massiv von der Polizei überwacht werden. Der Sportartikel-Hersteller Decathlon nahm Mitte November in seinen Filialen in Calais und Grande-Synthe, einer neben der Hafenstadt Dunkerque gelegenen Gemeinde, Kajaks aus den Regalen, nachdem Flüchtlinge diese leichten Paddelboote zur Überquerung des Ärmelkanals benutzt hatten. „Es ist uns wichtig, unsere Kunden bei der Verwendung unserer Produkte niemals Risiken auszusetzen, unter welchen Bedingungen auch immer“, hieß es erklärend in einer Pressemeldung dazu. Hilfsmaterial wie Wärme- und Rettungswesten werden dort weiterhin verkauft.

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