Warum es bei der Europawahl auf Junge ankommt

Arsch hoch, liebe Jugend!

Wenn im Mai die Wahl zum Europa-Parlament ansteht, werden vermutlich wieder wenige junge Leute den Weg zur Wahlurne finden. Doch gerade bei dieser Wahl wäre das fatal. Ein Kommentar.
04.03.2019, 10:32
Lesedauer: 3 Min
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Arsch hoch, liebe Jugend!
Von Carolin Henkenberens
Arsch hoch, liebe Jugend!

"Steht für Europa auf, wenn es euch wichtig ist", schreibt unsere Redakteurin.

Christina Kuhaupt

„Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein“. Wer erinnert sich nicht an das Gedicht, das den Hype um Julia Engelmann auslöste? Es handelt davon, wie die Generation der Twenty-Somethings einmal, in weit entfernten Jahren, längst alt und grau, davon erzählen wird, was sie alles nicht gemacht, verpasst und gelassen hat. Man kann von der Poetry Slammerin halten was man mag, aber sie traf einen Nerv.

Wie wäre es mit einer Neuauflage des Gedichtes zur Europawahl? Die Botschaft: Arsch hoch, liebe Jugend! Denn wenn vom 23. bis 26. Mai die Wahl des Europaparlaments ansteht, wird der Anteil der Twenty-Somethings, die den Weg zur Wahlurne finden, vermutlich wieder einmal verschwindend gering sein. Bei der vergangenen EU-Wahl gab nur etwas mehr als jeder Dritte der 21- bis 24-Jährigen in Deutschland seine Stimme ab. So wenige wie in keiner anderen Altersgruppe. Auch bei Erstwählern und jenen zwischen 25 und 29 Jahren lag die Beteiligung deutlich unter 40 Prozent.

Diese Europawahl ist wichtiger denn je. Manch einer spricht sogar von einer Schicksalswahl. Vor allem in Ländern wie Polen, Ungarn, Italien und Österreich werden die Rechtspopulisten und Europa-Skeptiker mehr Stimmen erhalten als bei den vorigen Wahlen. Die großen Gewinner der Europawahl werden AfD, Lega, Rassemblement National, FPÖ, PiS, Partei für die Freiheit, Schwedendemokraten und Fidesz heißen. 22 Prozent mehr Sitze könnte allein die rechte ENF-Fraktion gewinnen, hat das Eurobarometer berechnet. Sie werden Europa noch weiter spalten. Donald Trump und Wladimir Putin werden sich freuen. Schon jetzt versuchen die beiden, die Europäer gegeneinander auszuspielen. Hinzu kommt: Die Garanten für Stabilität, die Volksparteien, stehen in ihrer größten Existenzkrise, besonders in Deutschland, Italien und Frankreich.

Wir Jungen dürfen nicht in Kauf nehmen, dass Europa weiter auseinander bricht. Europa, das ist für die U35-Generation doch Normalität. Wir sind aufgewachsen ohne Grenzkontrollen, mit dem Erasmus-Programm und Billigfliegern, die uns mal schnell nach Madrid oder Riga bringen, um unsere im Auslandssemester oder Urlaub geschlossenen Freundschaften aufrecht zu erhalten. Als kürzlich die Band Bilderbuch ein Online-Tool veröffentlichte, mit dem man sich einen europäischen Pass erstellen kann, posteten tausende von uns im Netz ihren Pass eines Europäers.

Das Paradoxe: Junge fühlen sich europäisch, schätzen die Vorteile eines grenzenlosen Europas. Die Zustimmung für Europa und ihre Institutionen wächst seit Jahren. Trotzdem geht ein Großteil dieser Altersgruppe nicht zur Wahl. Warum nur nicht? Ist Europa, ist Demokratie zu selbstverständlich geworden?

Dass wir Jungen uns endlich mehr an den Wahlen beteiligen, ist allein wegen unserer zahlenmäßigen Unterlegenheit notwendig. Der demographische Wandel führt dazu, dass die Älteren in der Mehrheit sind. Ältere beteiligen sich traditionell stärker an Wahlen – in Deutschland war die Gruppe, die am besten vertreten war bei der EU-Wahl 2014, die der 60- bis 70-Jährigen mit 58 Prozent. Das verstärkt das Ungleichgewicht. Wir Jungen überlassen die Entscheidung den Älteren, obwohl wir die Konsequenzen viel länger erleben, sie vor unseren Kindern und Enkeln erklären müssen. Klimapolitik ist ein Beispiel. Die Schüler der „Fridays for Future“-Bewegung haben das erkannt. Doch sie dürfen noch nicht wählen.

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Natürlich ist es nicht so, dass es, wie in den 1968er-Jahren, derzeit einen krassen Generationenkonflikt zwischen uns Jüngeren und den Älteren gibt. Das wäre übertrieben. Aber: Die Einstellungen unterscheiden sich stark. Der Brexit zeigte das, die Flüchtlingspolitik auch. In einer weltweiten Umfrage des Weltwirtschaftsforums aus dem Jahr 2017 stimmten 72,6 Prozent der befragten 18- bis 35-Jährigen der Aussage zu: „Ich würde Flüchtlinge begrüßen in meinem Land“. Nur 13 Prozent sagten, sie definierten sich über ihre Nationalität. 40 Prozent sehen sich einfach als Mensch.

Die Brexit-Abstimmung habe die Jugend aufgerüttelt, heißt es oft. Aber stimmt das wirklich? Am Morgen des 24. Juni 2016 war das Entsetzen groß. Viele Ältere stimmten für den Austritt Großbritanniens aus der EU, die Jungen blieben zu Hause. Dass so etwas noch einmal vorfällt, dürfen wir nicht zulassen. Steht für Europa auf, wenn es euch wichtig ist. Besorgt euch die Briefwahlunterlagen, wenn ihr verreist. Informiert euch über die Parteien. Aber bitte, bekommt euren Hintern hoch. Sonst, oh Baby, könntet ihr es eines Tages bereuen.

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