Atomenergie in Frankreich Die Unfähigkeit zum Umdenken

Rund die Hälfte der 56 Reaktoren In Frankreich fallen seit Wochen aus – doch Präsident Emmanuel Macron hält dennoch eisern an der zweifelhaften Energie-Strategie des Landes fest, meint Birgit Holzer.
18.09.2022, 21:52
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Von Birgit Holzer

Das Ausmaß der Energiekrise in Europa war noch gar nicht absehbar und die Kosten für Strom und Gas, für Benzin und Diesel stiegen erst allmählich, da führte die französische Regierung bereits Mechanismen ein, um die Verbraucher zu entlasten. Schon seit Herbst letzten Jahres sind die Strom- und Gaspreise gedeckelt, um die Steigerung bei unter vier Prozent im Vergleich zu 2019 zu halten. Seit April gilt ein Tankrabatt, der zum Jahresende ausläuft.
Die meisten Französinnen und Franzosen bewerten ihre Regierung zwar beinahe reflexhaft kritisch. Doch wie im ersten Jahr der Coronavirus-Pandemie, als der Staat großzügige Hilfspakete für die Unterstützung von Privathaushalten, Selbstständigen und die besonders betroffenen Branchen schnürte, schützt er sie auch jetzt vor Preisexplosionen. Und sich selbst damit vor der geballten Wut der Bürgerinnen und Bürger.

Dennoch wächst auch in Frankreich die Nervosität: Drohen in diesem Winter einerseits Blackouts aufgrund Stromknappheit und andererseits horrende Energierechnungen? Der Übertragungsnetzbetreiber RTE rief alle zur Sparsamkeit auf, um Ausfälle zu verhindern. Nun kündigte Premierministerin Élisabeth Borne eine Deckelung der Strom- und Gaspreise nur noch bei 15 Prozent (im Vergleich zu 2019) ab nächstem Jahr und zur Abfederung Einmal-Hilfen für zwölf Millionen Haushalte an.

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Zuvor hatte Präsident Emmanuel Macron gewarnt, das Land könne den Energieverbrauch auf Dauer nicht derart umfassend finanzieren. Allein die Verlängerung der Preisbremse kostet nun weitere elf Milliarden Euro, während die Zinsen für das stark verschuldete Land steigen. Strom-Rationierungen seien nicht nötig, wenn sich alle verantwortungsvoll verhalten würden, so Macron, der das „Ende des Überflusses“ angekündigt hat. Es sind neue, ungewohnte Worte aus dem Mund des französischen Staatschefs, der wie fast alle seiner Vorgänger stark auf die Nuklearenergie setzte, diese als „historische Chance“ für sein Land bezeichnet hat. Durch ihre Übermacht wurde durch die Übermacht der Atomkraft, die rund 70 Prozent im französischen Energiemix ausmacht, stets der Ausbau der Erneuerbaren ausgebremst. Dabei hätte das Land eigentlich hervorragende Bedingungen dafür.

Nun muss es erleben, wie angreifbar es sich mit diesem Kurs gemacht hat. Die Verlängerung der Laufzeiten mehrerer Reaktoren über die eigentlich vorgesehenen 40 Jahre hinaus machte umfassende Wartungsarbeiten notwendig. Weitere Kraftwerke wurden zeitgleich aufgrund von Korrosionsschäden heruntergefahren oder weil im Sommer Flüsse, die Kühlwasser spenden, ausgetrocknet oder überhitzt waren. Bis zu 32 der 56 Reaktoren fielen aus, zuletzt waren es noch 27. Einige von ihnen gehen nicht vor Februar 2023 wieder ans Netz – vorausgesetzt, es kommt nicht zu weiteren Zwischen- oder Störfällen.

Während Deutschland und andere Länder in Europa nun dafür bezahlen, in großem Stil auf russisches Gas gesetzt zu haben, offenbart sich in Frankreich die begrenzte Zuverlässigkeit eines alternden Atomparks. Anders als seit den 70-er Jahren von allen Regierungen behauptet, garantieren diese dem Land nur scheinbar energetische Unabhängigkeit. Dass Frankreich als historischer Exporteur Elektrizität importieren muss, verschärft die aktuelle Energiekrise in Europa.

Doch ein Umsteuern ist nicht vorgesehen. Eine ehrliche Debatte über die Probleme und Risiken der Nuklearenergie oder der ungeklärten Frage der Entsorgung findet nicht statt. Unfähig, diese zuzulassen und die eigene Strategie in Frage zu stellen, hat Macron den Bau von mindestens sechs neuen Europäischen Druckwasserreaktoren (EPR) angekündigt – dabei ist der Prototyp in Flamanville alles andere als ein Vorzeigebeispiel. Statt der geplanten Fertigstellung 2012 öffnet dieser frühestens Ende 2023. Kosten wird der Bau mindestens 19 statt der veranschlagten 3,5 Milliarden Euro. Die Rechnung übernehmen die Steuerzahler, während der Staat die Energiepreise künstlich niedrig hält, damit seine Mär von der billigen Atomkraft glaubwürdig bleibt. Und diese wird immer weiter erzählt, selbst jetzt noch.

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