Nach Brexit: Cameron gibt Rücktritt bekannt Briten wollen raus aus der EU

Helle Aufregung in Europa und aller Welt: Großbritannien hat sich für den Ausstieg aus der Europäischen Union entschieden - und die Folgen des Votums für Europa sind noch nicht absehbar.
23.06.2016, 23:11
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste

Helle Aufregung in Europa und aller Welt: Großbritannien hat sich für den Ausstieg aus der Europäischen Union entschieden - und die Folgen des Votums für Europa sind noch nicht absehbar.

Lesen Sie auch

Nach über 40 Jahren wollen die Briten als erstes Land überhaupt die Europäische Union verlassen. Eine Mehrheit von rund 52 Prozent der Stimmen sprach sich für den Brexit aus, den Austritt aus der Europäischen Union.

Die Europäische Gemeinschaft mit bisher 28 Staaten wird damit in die schwerste Krise ihrer Geschichte gestürzt. Die politischen und wirtschaftlichen Folgen für Großbritannien könnten schwerwiegend sein.

Aktien britischer Unternehmen stürzten am Morgen ab, das Pfund Sterling erreichte den tiefsten Stand seit 1985. Politische Kräfte in Nordirland und in Schottland machten sich noch vor Bekanntwerden des Ergebnisses für eine Abspaltung von Großbritannien und den Verbleib in der EU stark. Schotten und Nordiren hatten mehrheitlich für den Verbleib in der EU votiert.

Die Wahlbeteiligung lag bei 72,2 Prozent, zuvor hatten sich 46,5 Millionen Wähler für die Abstimmung registriert. Das Referendumsgesetz legt streng genommen nicht fest, dass Großbritannien auch wirklich aus der EU austreten muss. In der Praxis jedoch hätte das Parlament wohl keine Wahl.

Premierminister David Cameron hat noch am Vormittag vor seinem Amtssitz Downing Street 10 seinen Rücktritt für Oktober angekündigt. Er zieht damit Konsequenzen aus seiner Niederlage in der historischen Abstimmung über einen Austritt Großbritanniens aus der EU. Cameron beteuerte, er liebe sein Land. "Es ist mir eine Ehre, dass ich ihm gedient habe", sagte er vor seinem Amtssitz. Der Politiker hatte das Referendum bereits 2013 vorgeschlagen - vor allem mit dem innenpolitischen Kalkül, EU-Kritiker in den eigenen Reihen ruhigzustellen. Das ging nicht auf.

Die Aussicht auf einen Brexit drückte das britische Pfund auf den tiefsten Stand seit mehr als 30 Jahren. Am frühen Freitagmorgen fiel die britische Währung erstmals seit 1985 unter die Marke von 1,35 US-Dollar. In den ersten Handelsstunden des Tages hatte das Pfund wegen der Hoffnung auf einen Verbleib in der Europäischen Union zeitweise noch etwas mehr als 1,50 Dollar gekostet.

Der Ausgang des Votums hing bis zuletzt am seidenen Faden: Umfragen hatten ganz überwiegend ein Kopf-Kopf-Rennen vorausgesagt, zuletzt mit Vorsprung für das "Remain"-Lager. Allerdings gab es erhebliche Unsicherheitsfaktoren: Rund zehn Prozent der Wähler waren bis zuletzt unentschlossen, für welche Seite sie sich entscheiden sollten.

Lesen Sie auch

Politiker aus der ganzen Welt, der Internationale Währungsfonds (IWF), Wirtschaftsverbände und Banker in London und in Festland-Europa hatten immer wieder vor dem Brexit gewarnt. Sie fürchteten im Falle eines Austritts globale Turbulenzen in der Wirtschaft und auf den Finanzmärkten. Auch deutsche Unternehmen waren besorgt.

Der Präses der Handelskammer Bremen/Bremerhaven, Harald Emigholz, sagte: "Für die deutsche Wirtschaft, in besonderem Maße aber auch für die Wirtschaft im Land Bremen, ist der Brexit eine schlechte Nachricht. Die Unternehmen müssen sich nun bei einem der wichtigsten Handelspartner auf erhebliche Veränderungen einstellen." Rund zehn Prozent der Bremer Exporte gehen nach Großbritannien.

Lesen Sie auch

Innerhalb der EU ging nicht zuletzt die Sorge um, dass ein Brexit Austrittsbegehren auch in anderen Ländern der EU fördern könnte. Cameron hatte sich im Wahlkampf stark auf Warnungen vor massiven Einbußen im Falle eines Brexits konzentriert. Er drohte sogar damit, notfalls müssten Rentenkürzungen hingenommen werden.

Das Brexit-Lager bezeichnete solch düsteren Szenarien als Panikmache. Brexit-Wortführer Boris Johnson argumentiert stattdessen, ein Austritt würde Londons Abhängigkeit von Brüssel beenden und dem Land seine Souveränität zurückgeben. Er sprach von einem "Unabhängigkeitstag" für Großbritannien. Außerdem gebe es innerhalb der Gemeinschaft keine Chance, die Einwanderung aus der EU zu begrenzen. Kritiker warfen dem Ukip-Vorsitzenden Nigel Farage und Johnson dagegen vor, das Reizthema Migration zu missbrauchen, um Ängste in der Bevölkerung zu schüren.

Lesen Sie auch

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zeigte sich enttäuscht über den Ausgang des Brexit-Referendums. "Die Nachrichten aus Großbritannien sind wahrlich ernüchternd.", sagte Steinmeier am Freitag in Berlin. Der SPD-Politiker wird am Freitag zu einem EU-Ministertreffen in Luxemburg erwartet, bei dem über die Folgen des Referendums beraten werden soll. Am Samstag kommen in Berlin die Außenminister der sechs EU-Gründerstaaten (Deutschland,Frankreich, Italien und die Benelux-Länder) zusammen.

Bremens Bürgermeister Carsten Sieling bedauerte die Entscheidung der Briten. "Die EU hätte Großbritannien als starken Partner gebraucht, um die in Europa notwendigen Reformen gemeinsam umzusetzen." Europa sei mit enormen globalen Herausforderungen konfrontiert und müsse jetzt enger zusammenrücken. Es komme jetzt noch stärker darauf an, ein starkes Europa der Solidarität zu schaffen, in dem Probleme gemeinsam gelöst werden. Sieling zeigte sich zugleich überzeugt, dass das Ergebnis der Abstimmung "an den guten Verbindungen zwischen Großbritannien und Bremen nichts ändern" werde.

Die Bremer Europaabgeordnete Helga Trüpel, Vizepräsidentin des Kulturausschusses im Europäischen Parlament, sagte: "Die EU verliert mit Großbritannien nicht nur einen ihrer größten Mitgliedsstaaten und Beiträger zum europäischen Haushalt, sondern auch einen wichtigen außen- und sicherheitspolitischen Partner." Die Zukunft der EU werde davon abhängen, ob es gelingt, die Vorteile der geteilten Souveränität den Bürgerinnen und Bürgern besser zu vermitteln und die großen Zukunftsfragen gemeinsam zu bearbeiten. "Renationalisierung ist keine Antwort."

Die Bremer Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck (Grüne) sprach von einem "schwarzen Freitag für Großbritannien und die EU". Es komme jetzt erst recht darauf an, Europa mit Besonnenheit und Weitsicht zusammenzuhalten und allen nationalpopulistischen Strömungen entschieden entgegenzutreten. "Gleichzeitig muss diese britische Entscheidung als Weckruf gegen die soziale und kulturelle Spaltung in unseren Gesellschaften ernst genommen werden."

(dpa)

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+