Bericht aus Afghanistan Der Tod ist allgegenwärtig

Kundus . Joerg Helge Wagner, Politikchef des WESER-KURIER, befindet sich zurzeit im afghanischen Kundus, um sich einen Überblick von der Lage vor Ort zu verschaffen. Hier schildert er, unter welchen Bedingungen die Soldaten dort leben und arbeiten.
14.04.2010, 15:45
Lesedauer: 3 Min
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Der Tod ist allgegenwärtig
Von Joerg Helge Wagner

Kundus . Eine kiloschwere Splitterschutzweste, ballistische Schutzbrille, Handschuhe gegen Verbrennungen, Ohrstöpsel gegen Knalltrauma – so wappnen wir uns für mögliche Anschläge, bevor wir in den gepanzerten „Wolf“-Jeep klettern. Unsere fünf Jeeps fahren im dichten Konvoi aus dem Feldlager in die Stadt Kundus. „Taktisches Fahren“ heißt, der Beifahrer im ersten Fahrzeug gibt dauernd per Funk an allen anderen durch, was gerade auf der Straße los ist und wo es lang geht. „Geparktes Fahrzeug am rechten Fahrbahnrand“ – der ganze Konvoi zieht auf die Mittellinie.

„Langsames Fahrzeug voraus“ – der ganze Konvoi überholt geschlossen mit Höchstgeschwindigkeit. „Kinder rechts am Straßenrand“ – alle ziehen nach links und drosseln etwas das Tempo. Der Beifahrer im letzten Wagen gibt regelmäßig durch, ob er noch am Konvoi dran ist. Natürlich verfolgt den gesamten Funkverkehr auch die „Showroom“ genannte Einsatzzentrale im Feldlager, das Tactical Operations Center (TOC).

„Jammer“ – starke Störsender an den Fahrzeugen – sollen verhindern, dass Sprengsätze am Straßenrand von den Aufständischen per Handy ausgelöst werden können. Doch längst nicht alle Bundeswehr-Fahrzeuge sind mit Jammern ausgerüstet. Anders die US-Streitkräfte: „Wenn bei uns abends regelmäßig für eine Viertelstunde Internet und Telefon ausfielen, wussten wir, dass die Delta-Forces wieder ausrückten – die machen ihre Jammer immer schon im Lager an“, berichtet ein deutscher Polizeiausbilder aus Kabul.

Totalen Schutz gibt es ohnehin nicht. Wir essen in der Kantine des schwerbefestigten Feldlagers Kundus mit dem Kommandeur am sogenannten Raketentisch. Der heißt so, weil hier einmal eine Taliban-Rakete eine Wand durchschlug, an der gegenüberliegenden aufprallte, glücklicherweise aber nicht explodierte. Hätte sie es getan, wären etliche ISAF-Soldaten getötet worden. Die Einschlaglöcher hat man bewusst nicht geflickt – ein modernes Memento Mori, eine Mahnung an den hier stets nahen Tod.

Bei einem Ministerbesuch rechnen die Soldaten schon fast routinemäßig mit Beschuss. „Die Taliban wissen das doch – hier arbeiten auch Hunderte Afghanen im Lager, da dringt immer etwas nach außen“, erklärt ein Offizier. Eine biometrische Erfassung der afghanischen Hilfskräfte, wie sie bei den Alliierten üblich sei, verhindere bei der Bundeswehr das deutsche Datenschutzrecht.

Der Beschuss kommt in der Regel aus den sogenannten Raketendörfern wenige Kilometer vom Lager entfernt. Primitive, wenig zielgenaue Geschosse werden rasch aus Gehöften oder von den Erdwällen um die Felder abgefeuert – dann verschwinden die Taliban wieder. Eine Taktik, gegen die die hochgerüsteten ISAF-Truppen nahezu wehrlos sind: Die Terroristen lassen sich von den Patrouillen kaum in flagranti erwischen. Für ein dauernde Präsenz in den Dörfern aber sind die Truppen zahlenmäßig zu schwach.

Auch wir werden „eingewiesen“ für den Fall, dass es knallt: „Suchen Sie das nächste feste Gebäude auf und melden Sie sich dort beim Gebäudeführer. Der meldet weiter ans TOC, damit die Kommandozentrale den Überblick über Opfer und Vermisste behält.“

Der Presseoffizier schleppt immer einen ganzen Sanitätsrucksack mit, wenn er uns begleitet: „Bei Verlust von Gliedmaßen kann ich auch abbinden und Morphium geben.“ Die allgemeine Sanitätsausbildung für alle Soldaten sei „der Bedrohungslage angepasst“ worden: Was früher ein schlichter Erste-Hilfe-Kurs war, ist heute ein richtiger Lehrgang.

In der Unterkunft weist uns der Oberleutnant auf Fundamente für neue, meterdicke Schutzmauern hin. Das alles sieht so gar nicht nach Abzug in den nächsten Jahren aus. Die Reihen von Drei-Mann-Stuben sind quadratisch um einen kleinen, begrünten Innenhof gebaut. Die Soldaten nennen diesen dem Klima angepassten Gebäudetyp „Atrium“.

Aber nicht nur das erinnert an ein römisches Legions-Castell. Da ist die kilometerlange Außenmauer mit ihren Toren und Türmen, der „Ehrenhain“ mit den Namen der Gefallenen und das kleine bisschen Dekadenz – oder besser: zivilisatorischer Vorsprung – das sich die Militärs auch in dieser feindlichen Gegend gönnen. Es gibt eine Bar mit lauschigem Biergarten namens „Lummerland“, ein gut ausgestattetes Fitness-Studio, DVDs zum ausleihen, Billard und Tischfußball, sogar Kabinen mit Internet-Terminals – acht für 1.600 Soldaten. Deshalb ist die Nutzung für die Soldaten auf 45 Minuten begrenzt.

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