Erfolgreicher Donald Trump Der Wunsch nach einem Führer

Warum ist Donald Trump im US-Wahlkampf so erfolgreich? Die Antwort darauf findet man bei seinen Wählern, die er selbst als "Bewegung" bezeichnet. Ein überwiegend weißes, ungebildetes Unterschichtsmilieu.
29.02.2016, 00:00
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Der Wunsch nach einem Führer
Von Thomas Spang

Warum ist Donald Trump im US-Wahlkampf so erfolgreich? Die Antwort darauf findet man bei seinen Wählern, die er selbst als "Bewegung" bezeichnet. Ein überwiegend weißes, ungebildetes Unterschichtsmilieu.

Colleen Devries (59) kann sich an bessere Zeiten erinnern. Das war in den 80er Jahren, als es noch ordentlich bezahlte Jobs in Grand Rapids gab und sich die Industrie-stadt im Westen des US-Bundesstaats Michigan stolz „Möbelhauptstadt der Welt“ nannte. Dann kam das Freihandelsabkommen NAFTA. „Wir haben zigtausende Jobs nach Mexiko verloren“, klagt Colleen, die selber Richtung Süden zog, weil sie in Michigan keine Arbeit mehr fand.

Der neue Job in South Carolina war lange nicht so gut bezahlt. Heute schlägt sich die Frühpensionärin mit ein paar Dollar durch. Donald Trumps Versprechen „Make America Great Again“ trifft einen Nerv bei Colleen, die wie viele Anhänger des Rechtspopulisten das Gefühl hat, seit Jahren auf der Stelle zu treten.

Dass Trump mit dem Finger auf die Firmen zeigt, die ihre Fabriken über die Grenze nach Mexiko gebracht haben, und auf die nicht dokumentierten Einwanderer, die von dort kamen, verschafft Colleen Genugtuung. Mexiko, da ist sie sich sicher, ist das Problem. Und Trump hat eine Lösung, die ihr gefällt. „Er baut die Mauer und schickt die Illegalen zurück.“ Die Trump-Anhängerin zweifelt keinen Moment daran, dass der New Yorker Baumagnat tut, was er sagt. Dazu gehört das Versprechen, das Nachbarland für den Wall an der Südgrenze zahlen zu lassen.

Sehnsucht nach einem Führer, für den Amerika immer zuerst kommt

Auf die Frage, wie Trump das genau anstellen will, haben seine Fans genauso wenig konkrete Antworten wie der Kandidat selbst. „Er handelt einen besseren Deal aus“, meint Patty Clark aus Pella im US-Bundesstaat Iowa. „Er sagt nur nicht jedem, was er vorhat. Aber einen Plan hat er bestimmt.“Die Sekretärin sehnt sich wie viele Trumper nach einem Führer, für den die USA immer zuerst kommen. Eine hohe Mauer an der Südgrenze, saftige Strafzölle für US-Unternehmen, die ins Ausland gehen, und ein hochgerüstetes Militär, das Amerikas Feinden Respekt einflößt – Nationalismus ist der Nektar, mit dem Trump seine Anhänger verführt.

Ein Präsident, der mit harter Hand regiert, ist genau das, was sich auch Clifton Wilson (69) wünscht. Der Pensionär aus Charlotte im Bundesstaat North Carolina hat genug von den „Bushs” und „Clintons” dieser Welt. „Die Politiker sind doch alle gekauft”, klagt er über den Einfluss reicher Geldgeber auf die Politik. Da unterstützt Wilson lieber direkt einen Milliardär. „Der ist von niemandem abhängig.“

Dass Trump sich mit Autoritäten öffentlich anlegt, beeindruckt Wilson. „Ich hätte mich nicht getraut, George W. Bush oder den Papst anzugreifen”, bewundert er die jüngsten Fehden des polternden Populisten in South Carolina. „Er lässt sich von niemandem etwas sagen.”

Keine Lust mehr auf politische Korrektheit

Wohl war. Trump hat es zur Methode gemacht, einen Wahlkampf ohne Mittelsmänner zu führen. Er verzichtet auf Redenschreiber, unterhält keinen Beraterstab und analysiert die Umfragen selber. Die Filter in den traditionellen Medien umgeht er wahlweise via Twitter, Instagram und Facebook oder durch seine Dauerpräsenz als Interview-Partner im Fernsehen. „Die Leute haben von politischer Korrektheit die Schnauze voll”, erklärt Tammy Neuberg (54) aus Greenville den Appeal, der von seinem derben Auftreten ausgeht. „Er sagt, wie es ist. Wirklich.”

Trump ist der fleischgewordene Mittelfinger der Wutbürger, die in Unbehagen vereint sind. In Nevada erklärten 94 Prozent der republikanischen Wähler bei den Nachwahl-Umfragen, sie seien unzufrieden und verärgert über die Regierung in Washington. Deshalb gewinnt der Kandidat in allen demografischen Gruppen. Auch die selbstständige Beraterin Michelle Lebrun (39) will dem Milliardär ihre Stimme geben. Die zweifache Mutter sorgt sich nach dem Terroranschlag von San Bernardino mehr als zuvor um die Sicherheit ihrer Familie. Sie hat das Gefühl, Amerika sei unter Präsident Barack Obama schwach geworden.

"Ich liebe die Ungebildeten"

Mit Mauerbau und Muslimen-Bann hat sie kein Problem. „Wir müssen schon wissen, wer hier reinkommt.” Trumps düstere Verheißungen wirken bei seinen Anhängern wie eine Therapie. Sie versprechen Kontrolle in einer Welt, die mehr als Bedrohung denn als Chance begriffen wird.

Im Siegestaumel der Wahlnacht von Nevada beschrieb Trump seine Wahlkampagne kürzlich als Bewegung. Er habe bei Jungen und Alten, Männern und Frauen, Reichen und Armen gewonnen. Sogar bei den Evangelikalen und Latinos sei er die bevorzugte Wahl gewesen. Er habe bei den Gebildeten und Ungebildeten gesiegt. Emphatisch fügte er hinzu: „Ich liebe die Ungebildeten.”

Tatsächlich kommen die Trumper aus allen gesellschaftlichen Schichten. Besonders starke Unterstützung aber findet er bei weißen Wählern mit niedrigen Bildungsabschlüssen und geringen Einkünften. Arbeiter, Soldaten, Kleinbürger – eine Gruppe von Wählern, die republikanische Kandidaten wie Mitt Romney oder John McCain in der Vergangenheit nicht erreichten.

Ronald Reagan war der letzte Republikaner, der in diesem Spektrum über die Parteigrenzen hinweg massive Unterstützung erhielt. Die sogenannten „Reagan”-Demokraten sicherten ihm mit Siegen in 49 von 50 Bundesstaaten seine Wiederwahl. Der frühere Reality-TV-Star Trump behauptet, er habe eine vergleichbare Anziehungskraft und könne deshalb demokratische Staaten wie New York, Michigan oder Pennsylvania gewinnen. Dafür spricht, dass sich die Trumper auf der von konservativ bis liberal reichenden Skala der Meinungsforscher selber als „moderat” einordnen.

Trumper setzen Amerika über alles

Im Unterschied zu der Tea-Party-Klientel wollen die Anhänger des Rechtspopulisten nichts von einer Privatisierung der Renten- und Krankenversicherung im Alter hören. Obwohl sie Muslime nicht mögen und die USA für ein christliches Land halten, gehen Trumper eher selten in die Kirche. Sie teilen auch nicht den Interventionismus der Neokonservativen und zeigen wenig Begeisterung für den Freihandel. Tatsächlich hilft das links-rechts-Schema nur bedingt, das Phänomen zu beschreiben. Trumper schätzen das autoritäre Gehabe des Kandidaten, setzen Amerika über alles und fürchten, ihre Lebensweise stehe in der globalisierten Welt auf dem Spiel.

„Wir verlieren überall”, drückt Allen Revis (59) das Unbehagen aus, das Trump im Wahlkampf aufgreift. Der pensionierte Vertreter vergleicht die Lage der Nation mit einem Schwimmbecken. „Andere halten ihren Schlauch hier rein und saugen es langsam leer.” Trump werde das nicht mehr erlauben. „Mit ihm werden wir wieder gewinnen.”

Nach Ansicht des renommierten Publizisten Ron Brownstein steuert Trump die Republikaner „in Richtung eines auf Konfrontation ausgerichteten, rassistisch motivierten Nationalismus europäischen Stils”. Der Rechtspopulist lässt seine Anhänger sich überlegen fühlen, selbst wenn diese ganz unten sind. Es ist diese Mischung aus Nationalismus und Nativismus, die die Trumper-Bewegung antreibt und deren Führer an diesem Super-Dienstag der Präsidentschaftsnominierung einen großen Schritt näher bringen könnte.

Donald Trump verspricht Kontrolle in einer Welt, die von seinen Anhängern mehr als Bedrohung denn als Chance begriffen wird.

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