Evakuierung stockt Tausende harren am Flughafen Kabul aus

Etwas mehr als 1800 Menschen konnte die Bundeswehr bisher aus Kabul bringen, am Samstag schafften es zunächst nur sehr wenige auf das Flughafengelände und in die deutschen Flieger Richtung Usbekistan.
21.08.2021, 18:22
Lesedauer: 5 Min
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Von dpa

Die Evakuierung von Menschen aus der afghanischen Hauptstadt Kabul durch die Bundeswehr ist angesichts chaotischer Verhältnisse am Flughafen ins Stocken geraten. Zwei am Samstag gestartete deutsche Flieger konnten nur sieben beziehungsweise acht Personen nach Usbekistan bringen, wie die Bundeswehr via Twitter mitteilte. Am späten Freitagabend deutscher Zeit wurden 172 Menschen von der Bundeswehr aus dem von den militant-islamistischen Taliban eroberten Land ausgeflogen.

Große Probleme gab es bei den Zugängen zum Kabuler Flughafen, an dem sich weiterhin dramatische Szenen abspielen. Ein Augenzeuge berichtete der Deutschen Presse-Agentur, dass dort Tausende Menschen ausharrten. „Sicherheitslage am Flughafen in #Kabul ist weiterhin äußerst gefährlich, Zugang zum Flughafen häufig nicht möglich. Nach unserem Kenntnisstand sind die Gates derzeit geschlossen“, twitterte das Auswärtige Amt.

„Derzeit ist es grundsätzlich sicherer, zu Hause oder an einem geschützten Ort zu bleiben“, schrieb die deutsche Botschaft in Kabul an Landsleute. Die US-Botschaft rief amerikanische Staatsbürger am Samstag dazu auf, den Flughafen aufgrund möglicher Sicherheitsbedrohungen zu meiden. Die afghanische zivile Luftfahrtbehörde machte deutlich, dass es weiter keine zivilen und kommerziellen Flüge geben werde.

Die Bundeswehr hat zwei Hubschrauber nach Kabul verlegt, um mehr Möglichkeiten bei den Evakuierungen zu haben. Die wendigen Helikopter kamen am Samstagmorgen in Kabul an und sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums einsatzbereit. Es sei geplant, damit in Kabul „kleinere Gruppen zu Evakuierender im Stadtgebiet aufzunehmen und sicher zum Flughafen zu transportieren“, teilte die Bundeswehr mit. Informationen über konkrete Einsätze gab es zunächst nicht. Die Hubschrauber können nach Angaben von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) nur in Abstimmung mit den Amerikanern und den anderen Partnerstaaten vor Ort eingesetzt werden.

Seit Samstag soll zudem der Vizechef der militant-islamistischen Taliban in Kabul sein, sagten Taliban-Kreise der Deutschen Presse-Agentur. Mullah Abdul Ghani Baradar wolle mit Taliban-Mitgliedern und weiteren Politikern über die Bildung einer neuen Regierung sprechen, hieß es weiter. Baradar wäre der bislang höchstrangige Taliban-Führer, der in Kabul eingetroffen ist. Bilder von ihm in der Stadt gab es allerdings auch am Abend (Ortszeit) noch nicht. Wo sich Taliban-Führer Haibatullah Achundsada und seine zwei weiteren Stellvertreter befinden, ist unklar.

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Vor knapp einer Woche hatten die Taliban Kabul erobert und die Macht übernommen. Seitdem fürchten Oppositionelle, Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und auch Ortskräfte, die für westliche Staaten tätig waren, Racheaktionen an sich. Es ist weitgehend unklar, wie die Islamisten dieses Mal herrschen werden. Es wird befürchtet, dass die Extremisten wieder ein islamisches „Emirat“ errichten wollen und dabei mit drakonischen Strafen gegen Andersdenkende vorgehen.

Ein zweiter Augenzeuge sagte der dpa, dass sich Menschen aus allen Gesellschaftsschichten am Flughafen Kabul befänden. Er habe Schauspieler in der Menge gesehen, bekannte Fernsehpersönlichkeiten, Jugendliche, Frauen mit neugeborenen Babys oder Menschen im Rollstuhl. Der US-Sender CNN berichtete unter Berufung auf eine „informierte Quelle“, dass rund 14 000 Menschen am Flughafen seien.

Bisher hat die Bundeswehr etwas mehr als 1800 Menschen von Kabul in die usbekische Hauptstadt Taschkent gebracht, von wo aus die Evakuierten nach Deutschland weiterfliegen sollen. Für Samstag waren laut Verteidigungsministerium bis zu sechs Evakuierungsflüge geplant. Es war allerdings zunächst unklar, wie Passagiere angesichts des weiter geschlossenen Zugangstores und der Menschenmassen dort diese Flüge erreichen können. Lieferungen von Hilfsgütern, vor allem Wasser, Babynahrung und Drogerieartikel, seien in die Wege geleitet worden, um Menschen auf dem Flughafengelände entsprechend versorgen zu können, sagte Generalinspekteur Eberhard Zorn.

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Kramp-Karrenbauer sicherte zu, dass die Bundeswehr die Evakuierung von Deutschen und Ortskräften aus Kabul unter Hochdruck fortsetzen werde. „Die Situation ist schwierig, aber wir werden mit den Möglichkeiten und allem, was sich vor Ort ergibt, weiter dranbleiben, so viele wie möglich herauszuholen“, sagte Kramp-Karrenbauer am Samstag in Berlin.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bestätigte, dass mit den Taliban gesprochen werde, um die Evakuierungen zu erleichtern. Die Verhandlungen bedeuteten aber keineswegs eine Anerkennung der neuen Regierung, betonte die CDU-Politikerin bei einem Besuch in Spanien. Sie stellte zudem eine Erhöhung der humanitären Hilfe der Europäischen Union in Aussicht. Es werde allerdings keine Mittel für die Taliban geben, wenn diese nicht die Menschenrechte respektieren sollten, sagte von der Leyen bezüglich der Entwicklungsgelder in Höhe von einer Milliarde Euro, die für Afghanistan für die nächsten sieben Jahren vorgesehen sind.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach den Bundeswehrsoldaten in Afghanistan für den Einsatz zur Rettung von Deutschen und Ortskräften ihren „tiefen Dank“ aus. Sie bezeichnete die Entwicklung in Afghanistan mit der Machtübernahme der Taliban als „Drama“ und „Tragödie“. „Wir wollten möglichst vielen Menschen in Afghanistan ein freies, ein gutes und selbstbestimmtes Leben ermöglichen“, sagte Merkel. „Und da müssen wir einfach sagen: Das ist so nicht gelungen.“

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Die Opposition im Bundestag wirft der Regierung vor, die Ausreise der afghanischen Helfer von Bundeswehr und Bundesregierung verschleppt zu haben. Grünen-Chef Robert Habeck sagte am Samstag in Dortmund: „Es ist nicht richtig, was aus der Bundesregierung gesagt wird, dass keiner wissen konnte, dass die Lage so eskaliert.“ Auch Unionskanzlerkandidat Armin Laschet warf Außenminister Heiko Maas (SPD) Versagen vor. Der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ sagte der CDU-Politiker: „Seit April hätte sich das Auswärtige Amt besser um unsere Ortskräfte kümmern können und müssen.“

Das Zeitfenster für weitere Evakuierungen aus Kabul wird immer kleiner. Die USA wollen eigentlich zum 31. August den Abzug ihrer Truppen abschließen. Eine Fortführung des Evakuierungseinsatzes ohne die USA gilt als ausgeschlossen.

Biden will die Taliban unter Druck setzen und Hilfen für Afghanistan während ihrer Herrschaft an „harte Bedingungen“ knüpfen. So werde man genau verfolgen, wie die Islamisten ihre Landsleute und dabei speziell Frauen und Mädchen behandeln, sagte Biden in einer Ansprache am Freitag (Ortszeit). Biden zufolge stehen die USA in Kontakt mit den Taliban, um den Zugang zum Flughafen in Kabul zu gewährleisten. Sollten die Islamisten die Evakuierungsaktionen stören oder US-Truppen angreifen, werde es eine „starke Reaktion“ geben.

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