Gipfel im südwestenglischen Cornwall beginnt

G7-Gruppe verspricht eine Milliarde Impfdosen für ärmere Länder

Nach Jahren der Krise ziehen die führenden westlichen Demokratien wieder an einem Strang. Im Kampf gegen die Corona-Pandemie wollen die G7-Staaten eine Milliarde Impfstoffdosen an ärmere Länder abgeben.
11.06.2021, 19:50
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
G7-Gruppe verspricht eine Milliarde Impfdosen für ärmere Länder
Von Katrin Pribyl
G7-Gruppe verspricht eine Milliarde Impfdosen für ärmere Länder

Der britische Premier Boris Johnson begrüßt Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihren Ehemann Joachim Sauer während der Ankunft zum G7-Gipfel am Carbis Hotel.

Phil Noble/dpa

Die malerische Kulisse hätte passender kaum sein können, als sich die Staats- und Regierungschefs der reichsten Industrienationen zum ersten Mal seit der Corona-Pandemie wieder persönlich begegneten. Tief im Westen des Königreichs startete Premierminister Boris Johnson am Freitag seine Charme-Offensive und begrüßte die Staatenlenker in der hermetisch abgeriegelten Bucht im Badeort Carbis Bay. Feiner Sand, türkisblaues Meer, graue England-Wolken – bis Sonntag findet im südwestenglischen Cornwall der G7-Gipfel statt, Gastgeber Johnson will sich als treibende Kraft auf der Weltbühne der Diplomatie präsentieren.

Letzter G7-Gipfel für Merkel

Und die Erwartungen an die sieben reichsten Industrienationen sind hoch angesichts der aktuellen globalen Herausforderungen, die dementsprechend ganz oben auf der Agenda dieses von Masken und Abstandsregeln geprägten Gipfels stehen: die Folgen der Corona-Pandemie und die wirtschaftliche Erholung, zudem der Klima- und Artenschutz sowie die Stärkung gemeinsamer demokratischer Werte. Während es für Merkel der letzte Gipfel als Kanzlerin bedeutet, ist es für Joe Biden der erste internationale als US-Präsident. Für die Deutsche sichtlich ein willkommener Wechsel vor dem Hintergrund ihrer Konflikte mit Vorgänger Donald Trump.

Lesen Sie auch

Biden präsentiere und repräsentiere das Bekenntnis zum Multilateralismus, „das uns doch in den letzten Jahren gefehlt hat“, sagte Merkel am Freitag. Gleichwohl wies sie darauf hin, dass das Eintreten für den wertebasierten Multilateralismus „natürlich auch zu einer Auseinandersetzung mit Russland, aber auch in einigen Aspekten mit China führen“ werde. Johnson sagte zum Auftakt der Konferenz, er sehe große Chancen für einen Wiederaufbau nach der Pandemie, warnte jedoch auch vor dem Risiko einer „bleibenden Narbe“, falls Ungleichheiten weiter bestünden.

Bereits vor der offiziellen Begrüßung gab die britische Regierung am Freitagmorgen bekannt, dass die G7-Gruppe ärmere Staaten mit einer Milliarde Impfdosen unterstützen will. Die USA wollen 500 Millionen Dosen, Großbritannien 100 Millionen Dosen und Deutschland rund eine Milliarde Euro für das Covax-Programm bereitstellen. Das Geld für den Kauf entspreche etwa 200 Millionen Dosen. Biden nannte das Paket „historisch“. Die bis 2022 geplante Hilfe solle sowohl durch die Verteilung als auch durch die Finanzierung von Vakzinen möglich werden. Man arbeite zudem an einem Plan, um die Impfstoffproduktion auszuweiten.

Aktivisten fordern, den Patentschutz aufzuheben

Für viele der Protestler, die in ganz Cornwall unterwegs waren, geht der Schritt nicht weit genug. Nur wenige Kilometer entfernt von Carbis Bay kreierten Aktivisten am Strand von Newquay ein riesiges Sand-Kunstwerk mit den Konterfeis der Staats- und Regierungschefs. Mit der Aktion forderten sie, den Patentschutz aufzuheben. Dafür wirbt auch Biden und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron, aber es ist vor allem Deutschland und die EU-Kommission, die sich dagegen wehren. Es hieß, die Kanzlerin glaube nicht, dass eine Freigabe hilfreich und der Patentschutz das Problem sei.

Während die Weltgesundheitsorganisation WHO den Vorstoß der G7 begrüßte, reagierten Hilfsorganisationen teils empört, teils enttäuscht auf die Spendenankündigung. Sie kritisierten die Summe als unzureichend. Es handele sich um „einen Tropfen auf den heißen Stein“, sagte die Chefin von Amnesty International, Agnès Callamard. Nicht nur sei das Vorhaben „ohne Ehrgeiz, sondern riecht auch nach Selbstinteresse“, vor allem wenn man die Zahlen bedenke, die darauf hindeuteten, dass die G7-Länder bis zum Ende des Jahres drei Milliarden Extradosen an Überschuss haben würden. Wenn das alles sei, „muss dies als Fehlschlag gewertet werden“, sagte Jörn Kalinski von Oxfam.

Lesen Sie auch

Johnson hatte vorab versprochen, bis Ende des nächsten Jahres „die Welt zu impfen“. Das, so monierten Vertreter von mehreren Entwicklungsorganisationen, bedeute eine sehr lange Wartezeit für ungeimpfte Menschen in ärmeren Ländern. Insgesamt, so hieß es von Jane Halton, der Co-Vorsitzenden des Covax-Programms, seien elf bis zwölf Milliarden Dosen notwendig, um die gesamte Weltbevölkerung zu schützen. Bislang seien weltweit etwa 2,2 Milliarden verabreicht worden und das zu mehr als drei Vierteln in nur zehn Ländern.

Empfang bei Königin Elizabeth II.

Bis Sonntag weilen die Staats- und Regierungschefs aus Deutschland, Großbritannien, den USA, Frankreich, Italien, Kanada und Japan in Cornwall. Die britische Regierung hat zudem die Staatschefs von Australien, Indien, Südafrika und Südkorea eingeladen. Aus Brüssel kamen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel. Am Abend war ein Empfang von Königin Elizabeth II. im Eden Project, einem botanischen Garten, geplant sowie mit anderen Mitgliedern der königlichen Familie, bevor die Staats- und Regierungschefs ein laut Downing Street durch und durch britisches Dinner serviert bekommen sollten, inklusive lokal gefangenem Steinbutt, kornischem Käse und englischen Erdbeeren.

Zur Sache

Müller fordert Hilfe für die Logistik

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) verlangt von den G7-Staaten stärkere Hilfen für ärmere Länder im Kampf gegen die Pandemie. Diese bräuchten nicht nur mehr Impfstoff, sondern auch Milliardenhilfen für die nötige Logistik, sagte Müller der "Augsburger Allgemeinen" (Freitag). "Wir brauchen mehr globale Impfgerechtigkeit", so Müller. "Nur zwei Prozent aller Impfungen fanden bislang in armen Ländern statt." Für die Logistik fehlten 16 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr - etwa für Kühlketten, Tests und Medikamente zur Behandlung von Infektionsfolgen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+