Kolumbien Frieden in der Warteschleife

Die Welt feierte den Friedensvertrag zwischen der Regierung und den Farc-Rebellen. Doch die Gewalt in Kolumbien ist geblieben und begünstigt eine dramatische Umweltkrise, meint Gastautorin Julia Gorricho.
13.11.2021, 18:13
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Julia Gorricho

Es kommt nicht häufig vor, dass man in Deutschland Positives aus Kolumbien vernimmt. Doch als sich die kolumbianische Regierung mit der Farc-Guerilla auf einen Friedensvertrag einigte, ging diese Nachricht um die Welt. Kein Wunder, schien damit doch endlich ein blutiger Konflikt überwunden, der das Land ein halbes Jahrhundert lang lähmte. Der damalige Präsident Juan Manuel Santos erhielt noch im selben Jahr den Friedensnobelpreis. Hoffnung keimte auf.

Fünf Jahre sind seitdem vergangen, und von der Hoffnung ist nicht viel übrig geblieben. Die Farc ist als Machtfaktor im Land gezähmt, aber das Land ist weiter in einer Spirale der Gewalt gefangen. Ein sich ständig veränderndes Netzwerk bewaffneter Gruppierungen und korrupter Beamter nutzt das Machtvakuum, das die Guerilla hinterlassen hat. In der Folge hat sich die Krise noch verschärft.

Besonders stark betroffen sind indigene Gemeinschaften. Sie verlieren ihr Land, werden Opfer von Übergriffen und Vertreibung. Gerade im Amazonasgebiet ist die Lage heute dramatischer als je zuvor. Meist steht die Gewalt in Zusammenhang mit der Ausbeutung von Ressourcen und anderen illegalen Geschäften, wie zum Beispiel dem Anbau von Kokapflanzen oder sonstiger landwirtschaftlicher Produkte, dem unregulierten Bergbau oder der Viehzucht.

Lesen Sie auch

Jenseits der schrecklichen Gewalt gegen Menschen findet ein Aspekt bislang wenig Beachtung: Kolumbien steckt in einer handfesten Umweltkrise, wie eine aktuelle Studie des WWF zeigt. Diese Krise könnte bald schon mehr Opfer fordern als die direkte Gewalt der bewaffneten Gruppierungen. Allein im ersten Halbjahr 2020 stieg die Abholzung des Regenwaldes um 83 Prozent im Vergleich zu 2019. Die Folgen sind verheerend: Aufgrund der Entwaldung und Umweltverschmutzung kann der Amazonas den Auswirkungen der Erderhitzung immer weniger standhalten. Veränderungen der Wasserverfügbarkeit, Navigierbarkeit der Flüsse und Wettermuster sind spürbar und gefährden die Lebensgrundlagen der Bevölkerung. Menschen geraten immer stärker unter Druck, illegalen Tätigkeiten nachzugehen oder sich bewaffneten Gruppierungen anzuschließen.

Ein Ausweg aus der Krise erscheint ferner als je zuvor. Die sozialen Konflikte und tiefgreifenden Ungleichheiten des Landes können nur entschärft werden, wenn die Armut zurückgedrängt wird. Klar ist aber auch: Die Kolumbianerinnen und Kolumbianer werden langfristig nur in Frieden leben können, wenn die Umwelt und ihre Lebensgrundlagen geschützt sind.

Lesen Sie auch

Zur Person

Unsere Gastautorin

ist Projektleiterin Südamerika beim WWF Deutschland. Die kolumbianische Anthropologin hat in Freiburg zum Thema „Naturschutz, bewaffnete Konflikte und Friedensförderung“ promoviert.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+