Krieg in der Ukraine Die Putin-Doktrin

Man hätte den Überfall auf die Ukraine vielleicht ahnen können: Doch Putins Propaganda-Kategorien wurden nicht ernstgenommen. Für ihn geht es um eine historische Mission, meint Gastautorin Susanne Schattenberg.
05.03.2022, 18:20
Lesedauer: 2 Min
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Von Susanne Schattenberg

Niemand glaubte, Wladimir Putin würde die Ukraine tatsächlich überfallen. Viel zu hoch erschien das Risiko: Wie würde er seiner Bevölkerung einen Krieg gegen das „Brudervolk“ verkaufen, wie seine kriegsabgeneigte Bevölkerung auf die Toten vorbereiten?

Der Fehler lag darin, nicht in Putins Propaganda-Kategorien zu denken, mit denen der Krieg zur „Spezialoperation“ und der Angriff zur „Befreiung“ wurde. Noch größer war das Versäumnis, nicht Militärstrategen zu fragen, wie ein Krieg heute verläuft: zuerst mit Raketen alles ausschalten, was nachrückende Truppen gefährden könnte.

In einem solchen chirurgischen Eingriff sah Putin offenbar eine reelle Chance, wahr zu machen, was er bereits im Juli 2021 in einem Aufsatz auf der Website des Kremls ausgeführt hatte: die Ukraine Russland wieder einzuverleiben. Es hat sich nun gerächt, dass niemand glaubte, Putin könnte seinen Worten von dem „sowjetischen Kunstprodukt“ der Ukraine Taten folgen lassen und diese tatsächlich zerschlagen.

Es war daher ein Kategorienfehler, wenn Politiker von den „berechtigten Sicherheitsinteressen“ Russlands sprachen. Putin geht es nicht um eine Bedrohung durch die Nato, sondern um seine historische Mission, das Sowjetreich wiederherzustellen. Putins Krieg ist also weder auf Wahnsinn, noch auf Realitätsverlust gegründet, sondern auf eine Doktrin, nach der keine (weitere) ehemalige Sowjetrepublik verloren gehen darf.

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Putin ist in dieser Hinsicht nicht wie der Zar, sondern wie Leonid Breschnew, der nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 erklärte, die Souveränität eines „Bruderstaates“ ende da, wo die Interessen des Warschauer Paktes tangiert würden. Der Westen taufte es die „Breschnew-Dok-­trin“. Vom Aufstand in der DDR 1953 über die ungarische Erhebung 1956 bis zur Solidarno??-Bewegung in Polen 1981 galten zwei rote Linien, die nicht überschritten werden duften: der Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Entmachtung der Kommunistischen Partei.

Putins Doktrin hat zwei neue rote Linien definiert: die Aufnahme in die EU beziehungsweise Nato und eine erfolgreiche Demokratisierung. Beides könnte die eigene Bevölkerung zu ähnlichen Versuchen animieren. Als Ersatz soll sie sich an der neuen alten Größe berauschen. Damit führt die Ukraine nicht nur einen Kampf um ihre Existenz, sondern stellvertretend für alle Ex-Sowjetrepubliken, die noch nicht in der Nato sind. Fällt die Ukraine, triumphiert die Putin-Doktrin auch in den anderen Staaten. Siegt die Ukraine, würde das Sowjetimperium 30 Jahre nach seinem Ende ein zweites Mal zerschlagen.

Zur Person

Unsere Gastautorin

ist seit 2008 Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. Susanne Schattenberg ist Professorin für Zeitgeschichte und für die Kultur Osteuropas.

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