Diplomatie Geheimgespräche in Berlin: Syrer suchen Weg aus Bürgerkrieg

Seit fast elf Jahren tobt der Syrien-Konflikt. Alle Bemühungen um ein Ende blieben bisher erfolglos. Aber Vertreter aus den verfeindeten Lagern kommen sich fern der Heimat näher - in einem Ballsaal.
29.01.2022, 10:27
Lesedauer: 3 Min
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Von dpa

Berlin (dpa) - Es waren geheime Gespräche an einem ungewöhnlichen Ort: Eine Gruppe einflussreicher Syrer hat sich abseits der Öffentlichkeit in einem Berliner Ballsaal getroffen, um über Auswege aus dem langjährigen Konflikt in ihrer Heimat zu beraten.

Die Teilnehmer kamen aus verfeindeten Lagern. Sie reisten sowohl aus dem Gebiet unter Herrschaft der syrischen Regierung als auch aus dem Exil an. Darunter waren Angehörige wichtiger Familien und Stämme genauso wie prominente Einzelpersonen. Bei dem Treffen in dieser Woche sprachen sie ohne offizielles Mandat, aber mit dem Ziel, nach fast elf Jahren Bürgerkrieg einen Ausgleich zu finden. Zwei Tage saßen sie Seite an Seite in einem Saal mit hohen Decken, wo sonst getanzt wird.

Die Syrer aus den Regierungsgebiet gingen dabei ein gewisses Risiko ein. Da sie ohne Mandat der Führung in Damaskus an den Gesprächen teilnahmen, könnten sie nach einer Rückkehr in die Heimat Repressionen ausgesetzt sein. Die meisten von ihnen wollen deshalb ungenannt bleiben. Unterstützt werden die Gespräche im Hintergrund von der Bundesregierung und anderen europäischen Ländern.

„Dritter Weg“ gesucht

Die Initiative versteht sich als Ergänzung zu den offiziellen Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition unter UN-Vermittlung in Genf, die seit langem festgefahren sind. Die Teilnehmer versuchten einen „dritten Weg“ jenseits der Lager aufzubauen, sagt der Deutsch-Syrer Naseef Naeem, der das Treffen moderierte. Sie sehen sich ihm zufolge als Vertreter einer „schweigenden Mehrheit“ der Syrer, die weder Führung noch Rebellen unterstützt. Es gehe darum, die Kluft zwischen den verfeindeten Lagern zu überbrücken.

„Wir sind in diesem Krieg alle Opfer geworden“, sagt Bassam Dschauhar, einst Offizier, später Unterstützer der Proteste. „Ich habe einen Teil meiner Familie verloren, sie auch. Wir wollen einen gemeinsamen Boden finden. Unser einziges Ziel ist es, den Krieg zu beenden.“ Oft geht es bei den Diskussionen kontrovers zu. „Wir liegen in vielen Fragen auseinander“, sagt Michel Arnuk, Arzt und einer der wenigen aus den Regierungsgebieten, der mit Namen genannt werden darf. Er ist eine bekannte Persönlichkeit in seiner Heimat. „Aber wir hören einander zu und versuchen, uns zu verstehen“, sagt er.

Alle Konfessionen und wichtigen Gruppen sind vertreten: Sunniten und Christen genauso wie Alawiten, eine religiöse Minderheit, zu der Machthaber Baschar al-Assad gehört und die in Syrien herrscht. Auch Kurden und Angehörige anderer Minderheiten nehmen teil.

Es begann mit friedlichen Protesten

Der Konflikt in Syrien hatte im März 2011 mit friedlichen Protesten begonnen, gegen die die Regierung mit Gewalt vorging. Daraus entwickelte sich der Bürgerkrieg. Mit Hilfe ihrer Verbündeten Russland und Iran beherrschen die Anhänger von Präsident Baschar al-Assad mittlerweile wieder rund zwei Drittel des Landes. Der Rest steht unter Kontrolle von türkischen Truppen, Rebellen oder Kurden.

Die Anfänge der geheimen Gespräche gehen rund sechs Jahre zurück. 2017 einigten sich die Teilnehmer nach langen und teils sehr konfliktreichen Gesprächen auf einen „Verhaltenskodex für ein syrisches Zusammenleben“ mit insgesamt elf Prinzipien. Darin heißt es unter anderem, dass es „Keine Sieger und keine Besiegten“ gebe. Zugleich bekennen sich die Unterzeichner zu Rechenschaft für Gewalt und Gräueltaten, lehnen aber Rache und Kollektivschuld ab. Das ist bedeutsam in einem Konflikt, in dem die Lager in hohem Maße nach Konfessionen aufgeteilt sind und Menschen häufig für Taten von anderen aus ihrer Gruppe mit zur Verantwortung gezogen werden. Die Prinzipien sollen irgendwann als Grundlage für einen Frieden dienen.

In den vergangenen Jahren traf sich die Runde in wechselnder Besetzung an verschiedenen Orten. Mittlerweile firmiert sie unter dem Namen „Rat der syrischen Charta“. Die Teilnehmer aus den Regierungsgebieten und dem Exil seien sich dabei näher gekommen, sagt Moderator Naeem. Beim ersten Treffen hätten sie einst am Anfang in getrennten Sitzreihen Platz genommen - doch diese strikte Trennung sei schon nach der ersten Kaffeepause aufgehoben worden.

Einige Themen bleiben jedoch bis heute ausgespart: Über die Zukunft von Machthaber Assad zu diskutieren hieße für die Teilnehmer aus den Regierungsgebieten, eine rote Linie zu überschreiten. Der Runde ist auch klar, dass sie angesichts der Machtverhältnisse und der militärischen Lage derzeit nur begrenzt Wirkung erzielt. Aber sie will für den Tag, an dem der Konflikt endet, vorbereitet sein. Oder wie es einer aus den Regierungsgebieten formuliert: „Was sagen wir der Welt in diesem bestimmten Moment, der noch nicht gekommen ist?“

© dpa-infocom, dpa:220129-99-895972/3

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