Geldpolitik der EZB Zwischen Handlungsdruck und Symbolpolitik

Die Zinswende taugt nicht, die importierte Ange­botsinflation zu bremsen. Das weiß auch die EZB. Sie überspielt eher ihre Machtlosig­keit durch eine Symbolpolitik, meint Gastautor Rudolf Hickel.
13.08.2022, 17:27
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Von Rudolf Hickel

Die anhaltend hohen Inflationsraten bedrohen die wirtschaftliche Entwicklung und verschärfen die soziale Spaltung. Die Europäische Zentralbank (EZB) musste nach elf Jahren Geldversorgung zum Nulltarif reagieren. Ob der Start in die Zinswende erfolgreich sein wird, hängt von den Ursachen der Geldentwertung ab. Hier hat sich die EZB für die Story von der billigen Geldschwemme entschieden. Die mit Billiggeld geförderte Überschussnachfrage treibt die Preise nach oben.

Mit der Realität hat diese Rückkehr zur Theorie des Monetarismus wenig zu tun. Die Fakten: Während über Jahre die Geld­menge massiv zugenommen hat, war von einer Geldentwertung nichts zu sehen. Im Gegenteil, die EZB-Geldpolitik ist einigermaßen erfolgreich gegen den deflationären Preis- und Gewinnverfall mit sinkenden Investitionen vorgegangen.

Die jüngste Inflation wird durch strategisch wichtige Preise beim importierten Angebot ange­trieben. Hier dominieren die Preise für importierte fossile Energien sowie andere Rohstoffe und Nahrungsmittel. Hinzu kommt die preistreibende Angebotsverknappung durch weltweite Lock-down-Eingriffe und unterbrochene Lieferketten. Putins Aufkündigung friedli­cher Koexistenz als Grundlage des internationalen Handels verstärkt die Inflation zudem.

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Bei diesen Preisexzessen durch das importierte Angebot fragt die EZB-Chefin: Wie kann die Notenbank mit höheren Zinsen beispielsweise auf den geopolitisch beeinflussten Erdgas­preis Einfluss nehmen? Die Zinswende taugt nicht, diese importierte Ange­botsinflation zu bremsen. Das weiß auch die EZB. Sie überspielt ihre Machtlosig­keit durch Symbolpolitik – nach dem Motto: Wir tun alles, was wir können, ob es hilft oder nicht, um sich aufschaukelnde Inflationserwartungen zu stoppen.

Wird die Zinswende intensiviert, sind die Folgen programmiert: Die Banken werden die Zins­sätze auf Spareinlagen nur geringfügig erhöhen, immer noch viel zu hohe reale Minuszinsen dominieren. Fest stehen die Verlierer: die Wirtschaft, die privaten Haushalte und der Staat, die Kreditfinan­zierung nützen müssen. Schon jetzt hat sich der Zinssatz für die Hausbaufinanzierung auf drei Prozent verdreifacht. Viele Eigenheimprojekte scheitern an den gestiege­nen Zinsen. Es droht der Trend in Richtung Rezession.

Die Aufgabenzuweisung dagegen ist klar: Zum einen sichert die EZB die Finanzsta­bilität im Euroraum. Zum anderen kommt der Politik in Berlin die Auf­gabe zu, mit Preis­stopps und Fest­preisen etwa für Gas sowie sozia­len Ausgleichsmaßnahmen gegenzusteuern.

Zur Person

Unser Gastautor

ist Finanzwissenschaftler und Gründungsdirektor des Instituts für Arbeit und Wirtschaft (IAW) an der Uni Bremen. Hickel übt heute Berater-und Gutachtertätigkeiten aus.

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