Greta Thunberg im Interview "Wir müssen die Krise auch wie eine behandeln"

Nach der Klimakonferenz von Glasgow ist es angesichts der Pandemie ruhiger um das Thema Klimaschutz geworden. Greta Thunberg hofft, dass sich das 2022 wieder ändert.
22.12.2021, 09:31
Lesedauer: 3 Min
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Von Steffen Trumpf

Mitten im Dezember herrscht für kurze Zeit Herbstwetter in Stockholm. Es nieselt, Greta Thunberg kommt deshalb nicht nur mit Mütze, sondern auch mit einem gelben Regenschirm zu ihrem freitäglichen Klimaprotest vor dem schwedischen Reichstag. Den Schirm mit der Aufschrift „Alle Dörfer bleiben“ hat sie während einer Reise nach Deutschland bekommen, jenem Land, das jetzt gerade eine neue Bundesregierung erhalten hat, die entschlossen beim Klima anpacken will. Ob sie das hoffnungsvoll stimmt? Abwarten, sagt die führende Klimaaktivistin im Interview.

Greta, du hast im Jahr 2021 häufiger betont, dass das Bewusstsein dafür erhöht werden muss, dass wir einem Klimanotfall gegenüberstehen. Ist das gelungen?

Greta Thunberg: Definitiv nicht. Das ist kein Scheitern, das auf eine einzelne Person zurückzuführen ist, sondern auf uns im Allgemeinen, die Medien, Staats- und Regierungschefs, die eine Plattform haben und die diese Dringlichkeit nicht kommuniziert haben. Stattdessen tun sie immer noch so, als ob alles in Ordnung wäre. Obwohl es in Wirklichkeit nicht so ist.

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Nach der Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow hast du kritisiert, dass dort nur jede Menge „Blablabla“ produziert worden sei. Zugleich hast du klargemacht, dass die Klimabewegung niemals zu kämpfen aufhören werde. Was liegt 2022 an?

Das wissen wir noch nicht. Das ist eine der Stärken der Klimabewegung: Wir sind sehr spontan. Wir passen uns an alles an, was auch immer passiert. Bei den Corona-Fallzahlen sehen wir gerade einen Anstieg, daher wissen wir noch nicht, ob wir uns in großer Zahl versammeln werden können. Aber es werden einige Dinge passieren, zum Beispiel während der UN-Konferenz Stockholm+50 im Juni. Und dann findet eine Wahl in Schweden statt. Ich denke deshalb, dass wir uns bei Fridays for Future Schweden vielleicht etwas stärker auf das Nationale fokussieren werden.

Du wirst am 3. Januar 19 Jahre alt. Bei der schwedischen Parlamentswahl im September darfst du erstmals deine Stimme abgeben.

Ja, darauf freue ich mich sehr. Weil es Spaß macht, weil es das erste Mal ist, dass ich wählen darf. Das ist sehr aufregend. Ich habe aber noch keine Ahnung, was ich wählen werde.

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Zurück zum Globalen: Was muss aus Klimasicht im nächsten Jahr am dringendsten getan werden?

Alles, was wir können! Druck ausüben von jedem möglichen Winkel. Wie ich schon häufiger gesagt habe, müssen wir das Bewusstsein dafür erhöhen, dass wir uns in einer Notlage befinden, und wir müssen die Krise wie eine Krise behandeln. Wir können jetzt sehen, dass es nach der COP sehr, sehr ruhig geworden ist. Es fühlt sich an, als ob jeder, der über das Klima berichtet, erschöpft ist und eine Pause eingelegt hat. Im Moment wollen die Leute nichts über das Klima hören, vielleicht tun sie es, aber die Medien schreiben nicht über das Klima. Ich hoffe, dass wir bald wieder darüber sprechen werden.

In Deutschland haben wir gerade eine neue Regierung bekommen, an der auch die Grünen beteiligt sind. Setzt du Hoffnungen in die neue Ampelkoalition in Berlin?

Nun ja, wir haben auch eine neue Regierung in Schweden bekommen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass gehandelt wird. Natürlich kann das ein Neuanfang sein. Aber so wie es jetzt aussieht, mit dem Leugnen der Krise, in der wir uns alle befinden, ist es nicht sehr wahrscheinlich. Aber das heißt nicht, dass es nicht passieren wird. Wir sind immer noch hoffnungsvoll und werden weiter Druck machen, egal was passiert, wer auch immer in der Regierung ist.

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Als Deutschland seinen Kohleausstieg für das Jahr 2038 verkündet hatte, hast du das damals als „absurd“ bezeichnet. Die neue Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag nun niedergeschrieben, dieser Ausstieg solle vorgezogen werden, „idealerweise auf 2030“. Fridays for Future hat über Jahre darauf gedrängt - ist dieser Punkt im Koalitionsvertrag also ein Erfolg der Klimabewegung?

Natürlich ist das ein großer Schritt in die richtige Richtung, dass Aktivisten darauf gedrängt und dafür mobilisiert haben, dass das vorangetrieben wird. Aber wir können nicht nur über Daten sprechen, an diesem Datum werden wir aus fossilen Brennstoffen aussteigen, an jenem Datum aus der Kohle und so weiter. Wir müssen in CO2 sprechen, wir müssen in CO2-Budgets sprechen. Wenn wir so weitermachen wie jetzt, dann haben wir unser CO2-Budget schon vor den angekündigten Zeitpunkten aufgebraucht. Es geht darum, ganzheitlich zu denken.

Zur Person

Greta Thunberg (18) ist eine Klima- und Umweltaktivistin aus Schweden. Sie ist die Initiatorin der Klimabewegung Fridays for Future.

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