Hauptverfahren in den Niederlanden eröffnet Wer schoss MH-17 ab?

Am 17. Juli 2014 hebt eine Boeing in Amsterdam ab. Ziel: Kuala Lumpur. Doch die Boeing mit Flugnummer MH-17 wird über der Ostukraine abgeschossen. Wer ist dafür verantwortlich? Kam die Rakete aus Russland?
07.06.2021, 17:50
Lesedauer: 3 Min
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Wer schoss MH-17 ab?
Von Detlef Drewes

Knapp sieben Jahre nach dem Abschuss einer Passagiermaschine über dem Osten der Ukraine mit fast 300 Todesopfern und 25 Vorverhandlungstagen hat vor einem Strafgericht in den Niederlanden am Montag das Hauptverfahren begonnen. Der Prozess findet in einem besonders gesicherten Gericht am Flughafen Amsterdam statt. Kein einziger der vier Angeklagten aus Russland und der Ukraine ist persönlich dabei. Der Fall von Flug MH-17 hat politische Brisanz, weil Russland nach Darstellung der Anklage an dem Abschuss beteiligt war. Mit einem Urteil wird nicht vor Ende des Jahres gerechnet.

Niederlande stellen größten Anteil der getöteten Passagiere

Keiner der Angeklagten ist anwesend, nur einer lässt sich von einem Anwalt vertreten. Sie seien an dem Abschuss der Boeing „beteiligt“ gewesen, heißt es. „Verantwortlich“ sind sie aber wohl nicht. „Wir wissen nicht, wer den Befehl gegeben oder den Knopf gedrückt hat“, sagten Ermittler der internationalen Taskforce im Vorfeld. Aber die Niederlande, die mit 198 Opfern den größten Anteil der getöteten Passagiere stellen, wollen Aufklärung. „Es war der größte Angriff auf niederländische Zivilisten seit dem Zweiten Weltkrieg“, erklärte der Anwalt Peter Langstraat, der zusammen mit weiteren Rechtsvertretern rund 600 Mandanten vor Gericht vertritt. „Jeder kennt jemanden, der betroffen ist. Es ging durch die gesamte niederländische Gesellschaft.“

Staatsanwaltschaft und Ermittler gehen fest davon aus, dass der Jet am 17. Juli 2014 in knapp elf Kilometern Flughöhe von einer Rakete des russischen Luftabwehrsystems Buk M1 getroffen wurde. Die Ermittler konnten beweisen, dass ein Buk-System am Tag des Abschusses vor Ort gebracht und wenige Stunden später (ohne die Rakete) nach Russland zurückgeschafft wurde. Moskau hatte zwar kurz nach dem Vorfall alle möglichen Theorien in Umlauf gebracht, die sich aber als falsch herausstellten. Zunächst war von einem Jagdbomber, eventuell aus der Ukraine, die Rede, der MH-17 angegriffen habe, was der 2014 noch amtierende Direktor des russischen Fernsehens, Konstantin Ernst, fünf Jahre später selbst als „Fehler“ bezeichnete. Hinweise auf eine Tat durch pro-russische Rebellen fanden die Fahnder in abgehörten Telefonaten. Die zeigten aber auch, dass die Separatisten noch kurz nach dem Absturz davon ausgingen, ein ukrainisches Militärflugzeug getroffen zu haben.

Der Abschuss von MH-17 war offenbar ein Versehen. Das wiederum macht eine Mordanklage vor Gericht schwierig, weil der konkrete Vorsatz fehlt. Hinzu kommt, dass der Status der Ostukraine zur damaligen Zeit schwierig zu beurteilen ist. War es ein Krieg? Dann läge nun ein Kriegsverbrechen vor. Der niederländische Chefermittler Fred Westerbeke zeigte sich im Vorfeld des Verfahrens überzeugt, dass vor Gericht eine Beteiligung Russlands an der Tragödie nachgewiesen werden kann.

Für die Angehörigen der Opfer war es erneut ein schwerer Tag. „Wir haben lange auf diesen Tag gewartet“, sagte Robbert van Heijningen, der bei der Katastrophe seinen Bruder, seine Schwägerin und seinen Neffen verlor. „Die große Trauer ist verarbeitet, aber Narben brechen immer wieder auf.“ Die Angehörigen haben im September das Wort. Etwa 70 wollen von ihrem Rederecht Gebrauch machen.

Obama zog Parallelen zum 11. September 2001

Mitte dieses Monats kommt zunächst die Staatsanwaltschaft zu Wort. Dann folgen weitere Anhörungen von Experten und Ermittlern, ehe im September die Angehörigen der Opfer vor Gericht aussagen. Das dürfte noch einmal sehr belastend für das Land werden. Nur wenige Hinterbliebene hatten die Kraft, die Trümmerteile des geborgenen Wracks, die von den Ermittlern wie ein dreidimensionales Puzzle zusammengesetzt wurden, um die Ursache der Explosion anhand von Spuren genau herauszufinden, persönlich anzusehen.

Bis heute leiden viele unter dem Schock der Todesnachricht und den anschließenden Enthüllungen. Der frühere US-Präsident Barack Obama zog vor Jahren bereits Parallelen zu den Angriffen auf New York und Washington und nannte den Abschuss von MH-17 einmal „Europas 11. September 2001“. Die russische Regierung bezeichnete das nun eröffnete Hauptverfahren dagegen abwertend als „Theaterinszenierung“. Wann genau mit einem Urteil zu rechnen ist, blieb offen. Und ob es am Ende mehr Wahrheit geben wird, weiß auch niemand.

Zur Sache

298 leere Stühle mahnen

Es war eine stille Mahnung, die die Mitglieder der niederländischen Gruppe „Waarheidsvinding MH-17“ (Wahrheitsfindung MH-17) am vergangenen Sonntag, dem Tag vor der Eröffnung des Hauptverfahrens, vor der russischen Botschaft in Den Haag aufstellten: 298 weiße Stühle, geformt wie die Sitzordnung des Flugzeuges, das am 17. Juli 2014 zwischen 16.20 Uhr und 16.25 Uhr Ortszeit über der ostukrainischen Stadt Tores abstürzte. Zum dritten Mal sollte diese Installation an den Tod der Passagiere (unter ihnen 80 Kinder) und Besatzungsmitglieder des Fluges Malaysia Airlines MH-17 von Amsterdam nach Kuala Lumpur erinnern.

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