Flüchtlinge

Keine privaten Seenotretter mehr vor Libyen unterwegs

Die harte Politik gegen private Seenotretter auf dem Mittelmeer zeigt Wirkung: Es ist keine einzige NGO mehr vor Libyen mit Schiffen im Einsatz. Dabei starben dieses Jahr schon 1400 Menschen im Mittelmeer.
04.07.2018, 22:00
Lesedauer: 3 Min
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Keine privaten Seenotretter mehr vor Libyen unterwegs

Die Berliner Organisation Sea-Watch darf derzeit weder mit dem Schiff von Malta auslaufen, noch ihr Aufklärungsflugzeug einsetzen.

Sea Watch e.V./dpa

Keines der privaten Flüchtlingsrettungsschiffe von Nichtregierungsorganisationen ist derzeit vor Libyen im Einsatz - und das, obwohl gerade besonders viele Migranten den gefährlichen Weg über das Mittelmeer wagen.

Das deutsche Schiff "Lifeline" liegt in Malta im Hafen und darf nicht ablegen. Nur gegen eine Kaution von 10.000 Euro kam der festgenommene Kapitän am Montag auf freien Fuß. Auch die "Sea Watch 3" darf derzeit nicht auslaufen und liegt im Hafen von Malta. Außerdem wurde der Organisation aus Berlin am Mittwoch verboten, in das Rettungsgebiet vor der Küste Libyens zu fliegen. Das dafür eingesetzte Aufklärungsflugzeug "Moonbird" von Sea Watch wurde dazu von den maltesischen Behörden festgesetzt. Es wird gemeinsam mit der Schweizer Humanitären Piloteninitiative betrieben und von der Evangelischen Kirche in Deutschland unterstützt.

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Die "Aquarius" von Ärzte ohne Grenzen und SOS Mediterranee liegt in Marseille im Hafen. Sie seien gezwungen, nun eine Zeit auszusetzen und die Lage neu zu bewerten, twitterte die NGO.

Vor allem die populistische italienische Regierung fährt seit ihrem Amtsantritt vor einem Monat eine harte Linie gegen Migranten und lässt keine NGOs mehr in ihren Häfen anlegen. Auch Malta sieht sich bei der Rettung der Menschen nicht in der Pflicht.

Die spanische Organisation Proactiva Open Arms kam derweil am Mittwoch mit 60 geretteten Migranten in Barcelona an, nachdem ihr Italien und Malta die Einfahrt verweigert hatten. Die Migranten aus 14 Ländern - darunter fünf Frauen und fünf Minderjährige - sollten in der spanischen Metropole medizinisch untersucht, versorgt und anschließend registriert werden, hieß es von Proactiva. Gründer Oscar Camps beklagte auf Twitter, seine Organisation hätte am Wochenende mehr Flüchtlinge retten können, die inzwischen ertrunken seien, sei aber aufgrund der italienischen Blockade und der Fahrt nach Spanien daran gehindert worden.

Die gefährliche Flucht über das Mittelmeer hat seit Anfang des Jahres bereits mindestens 1405 Menschen das Leben gekostet. Die Zahl der Toten sei um 40 Prozent höher als bislang befürchtet, berichtete die Organisation für Migration (IOM) in Genf. Nach der IOM-Statistik sind in keinem Juni seit 2014 so viele Menschen umgekommen: insgesamt 629. Im Vorjahreszeitraum waren es 539, aber da waren mindestens doppelt so viele Menschen unterwegs Richtung Europa.

In Libyen setzen sich Migranten trotz allem immer noch in schrottreife Boote. Ein Unglück reiht sich an das nächste. "Es ist eine Farce, das ist wie wenn man einen Krankenwagen davon abhält, zu einem Verkehrsunfall zu fahren, weil man erst noch wochenlang die Fahrzeugpapiere kontrollieren muss", sagte Sea Watch-Sprecher Ruben Neugebauer. Der vergangene Monat sei der tödlichste Juni seit fünf Jahren gewesen. Es müssten wieder mehr Rettungsschiffe unterwegs sein, um noch mehr Tote zu verhindern, twitterte IOM-Sprecher Flavio Di Giacomo.

Mitten in der erbitterten Debatte um Bootsflüchtlinge will Papst Franziskus eine Messe für und mit Migranten feiern. Am Freitag werde der Pontifex im Petersdom an seine Reise auf die italienische Insel Lampedusa vor fünf Jahren erinnern, teilte der Vatikan mit. Der Besuch auf der Insel, die Schauplatz eines schweren Flüchtlingsunglücks im Jahr 2013 mit mehr als 360 Toten war, war Franziskus' erste Reise als Papst. (dpa/cah)

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