Kommentar über Frankreichs Grüne

Frankreichs Grüne schrecken die Altparteien

Frankreichs Grüne ticken anders als ihr Pendant in Deutschland, sie neigen zur Durchsetzung radikaler Maßnahmen. Dennoch fürchten die etablierten Parteien die grüne Konkurrenz, analysiert Lisa Louis.
28.04.2021, 21:42
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Lisa Louis
Frankreichs Grüne schrecken die Altparteien

Marine le Pen, Chefin des rechtsextremen Rassemblement National, attackiert mit Vorliebe die Grünen.

FRANCOIS MORI/DPA

Während die Grünen in Deutschland es längst von der Protest- zur Volkspartei gebracht haben, stolpert Frankreichs ökologische Partei von einer Kontroverse in die nächste. Die Polemiken, die Frankreichs grüne Bürgermeister innerhalb weniger Monate verursacht haben, lassen sich schon nicht mehr an einer Hand abzählen. Nur einige Beispiele: Bordeauxs grüner Bürgermeister sorgte im vergangenen Jahr für Aufruhr, als er sich weigerte, einen „toten Baum“ zu Weihnachten auf dem Marktplatz der südfranzösischen Stadt aufstellen zu lassen.

In Lyon verärgerte ein Parteikollege und Bürgermeister die Landwirtschaftslobby im Februar, weil er ankündigte, dass nur noch ein Menü, und zwar ein vegetarisches, in den Schulkantinen angeboten werden sollte, um so in Zeiten von Covid-19 die Schüler schneller versorgen zu können. Und im westfranzösischen Poitiers will die grüne Bürgermeisterin kleinen Flugplätzen den Subventionshahn abdrehen, weil „die Luftfahrt Kinder nicht mehr zum Träumen anregen sollte“. Initiativen, die auf heftigen Widerstand stoßen, weil sie „die Grundfesten der französischen Gesellschaft angreifen“, wie ein konservativer Politiker es formulierte. Doch die empörten Gegenreaktionen sind auch ein gutes Zeichen für die Grünen – und für Frankreich.

Dabei ist die ökologische Partei erst vor Kurzem aus der politischen Versenkung aufgetaucht. 2019 ergatterte sie stolze 13,47 Prozent bei den Europawahlen, fast fünf Prozent mehr als 2014. Vergangenen Sommer eroberte sie bei den Kommunalwahlen mehrere große Städte wie auch Straßburg, Poitiers und Annecy. In Zeiten des Klimawandels scheint wohl selbst Frankreich endlich zu verstehen, dass man ökologische Fragen nicht länger ignorieren kann. Auch Präsident Emmanuel Macron hat das Thema längst für sich entdeckt und sich 2017 selbst zum „Klima-Champion“ ernannt, als er in einem Video forderte, den Planeten „wieder großartig zu machen“. Es war eine Reaktion auf die Ankündigung des damaligen US-Präsidenten Donald Trump, sich aus dem Pariser Klimaabkommen zurückzuziehen.

Aber grüne Politik umzusetzen, ist in Frankreich nicht einfach, einem Land, das sich an Traditionen festklammert und heftig gegen jeglichen Wandel wehrt. Pläne für eine höhere Benzinsteuer führten 2018 zu monatelangen Protesten der sogenannten Gelbwesten. Erst 2016, acht Jahre später als Deutschland, richtete Frankreich in einigen Städten Umweltzonen ein – und stieß damit auf heftigen Gegenwind bei Autofahrern, die nicht das Geld für ein neues Auto oder für eine Nachrüstung ausgeben wollten. Und ein Pfandsystem für Plastikflaschen hatte 2019 bei Bürgermeistern zu Protesten geführt, deren Kommunen mit dem Plastikmüll Geld verdienen. Die Regierung hat diesen Schritt inzwischen auf 2023 verschoben.

Doch dass der Wind dabei ist, sich zu drehen, zeigen nicht nur die Zugewinne der französischen Grünen, sondern auch die aggressiven und überzogenen Reaktionen alteingesessener Politiker auf deren Vorschläge – selbst wenn die Grünen mitunter, auch aus Unerfahrenheit, reichlich ungeschickt vorgehen. Die Chefin des rechtsextremen Rassemblement National, Marine Le Pen, sagte etwa als Reaktion auf die Weihnachtsbaum-Debatte, es handele sich um eine „Ablehnung aus den Eingeweiden heraus von allem, was Frankreich ausmacht“. Der Fraktionsvorsitzende der konservativen Republikaner im Senat, Bruno Retailleau, sprach bei der Frage der vegetarischen Menüs von einer „totalitären Versuchung einer radikalen Idee“.

Es scheint eine tiefe Angst zu herrschen, dass die Grünen den traditionellen Parteien die Show stehlen könnten. Gerade junge Wähler wachsen mit einem größeren Bewusstsein dafür auf, dass der Schutz des Planeten immer mehr zur Überlebensfrage wird. Bislang haben viele Anhänger der Grünen bei der Präsidentschaftswahl oft schon im ersten Wahlgang für die Sozialisten gestimmt. Aber in Zeiten des Klimawandels und angesichts einer geschwächten sozialistischen Partei könnte das bei der Wahl 2022 anders sein.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+