Unruhen in Tunesien Lage weiterhin unübersichtlich

Tunis/Paris. Nach der Ernennung des Übergangspräsidenten Foued Mbazaa hoffen die Menschen in Tunesien auf eine Beruhigung der Lage. Trotz des Ausnahmezustandes wird in der Hauptstadt aber auch in der Nacht zum Sonntag geschossen.
16.01.2011, 09:30
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Tunis/Paris. Nach der Ernennung des neuen Übergangspräsidenten Foued Mbazaa hoffen die Menschen in Tunesien auf eine Beruhigung der Lage. Trotz des weiter geltenden Ausnahmezustandes und einer Ausgangssperre waren in der Hauptstadt aber auch in der Nacht zum Sonntag wieder Schüsse zu hören.

Tausende deutsche Urlauber wurden inzwischen von den Reiseveranstaltern aus dem Krisenland ausgeflogen. Bei ihrer Heimkehr berichteten sie von Verwüstungen und Plünderungen.

"Wir sind froh, dass wir raus sind", meinte Robert Flanigan (69) aus Cloppenburg, nachdem er mit seiner Frau am Samstagabend in Hannover gelandet war. "Ich habe Angst gehabt", sagte auch Mbarka Khamassi aus Baden-Württemberg nach ihrer Ankunft in Stuttgart. Andere Touristen wurden hingegen von der überstürzten Abreise überrascht, weil sie in ihren Urlaubsanlagen von den blutigen Protesten und dem politischen Chaos nichts mitbekommen hatten.

Mbazza (77) war am Samstag vom Verfassungsrat in Tunis als zweiter Übergangspräsident binnen 24 Stunden ernannt worden. Zunächst hatte Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi die Amtsgeschäfte des am Freitag außer Landes geflohenen Ex-Machthabers Zine el Abidine Ben Ali übernommen. Ben Ali hatte Tunesien 23 Jahre in autoritärer Herrschaft regiert. Nach wochenlangen Protesten gegen Korruption und Arbeitslosigkeit, die sich zuletzt zu einem Volksaufstand ausgeweitet hatten, setzte er sich ins saudi-arabische Exil ab.

Mbazaa soll nun Neuwahlen vorbereiten. Er forderte zudem Ghannouchi auf, einen Vorschlag für eine Regierung der nationalen Einheit zu unterbreiten, in die auch Oppositionskräfte eingebunden werden sollen.

Die Aussicht auf baldige Neuwahlen ist für manche Tunesier allerdings auch Anlass zu Sorge. "Wenn jetzt schnell eine Wahl organisiert wird, kann die Opposition sich nicht organisieren", kommentierte der 25-jährige Elias Nefzaoui am Sonntagabend in Tunis. Tunesien sei Demokratie nicht gewohnt, Oppositionspolitiker hätten unter Präsident Ben Ali kaum eine Chance gehabt, bekanntzuwerden und ihr Programm vorzustellen. "Wenn wir zu früh wählen, kommen wieder Leute aus dem alten System an die Macht", so Nefzaoui.

In Tunis waren in der Nacht zum Sonntag erneut Schüsse zu hören. Tunesische Journalisten vermuteten, dass die Armee gegen die Mitglieder der Leibgarde Ben Alis vorgeht. Eine Bestätigung dafür gab es zunächst aber nicht. Die Situation sei immer noch völlig unübersichtlich, hieß es.

Auch von möglichen ersten Lynchjustiz-Fällen wird berichtet. Hintergrund ist der gewaltsame Tod von Imed Trabelsi. Der als Symbol für Korruption und andere krumme Machenschaften geltende Geschäftsmann wurde am Freitag von Unbekannten erstochen, berichtete der tunesische Privatsender nessma tv in der Nacht zum Sonntag. Er war der Neffe von Ben Alis Frau Leila.

Wie am Sonntag außerdem bekanntwurde, besitzt ein am Freitag in Tunis schwer verletzter Pressefotograf einen deutschen Pass. Der 32 Jahre alte Lucas Mebrouk Dolega war während der Ausschreitungen aus nächster Nähe von einer Tränengasgranate am Kopf getroffen worden. "Sein Zustand ist sehr ernst", sagte seine Mutter Karin von Zabiensky der dpa in Paris. Lucas werde in einem Krankenhaus in Tunis behandelt und sei nicht transportfähig.

Dolega fotografierte in Tunesien für die european pressphoto agency (epa) und hat neben der deutschen auch die französische Staatsbürgerschaft. Er ist der zweite ausländische Journalist, der bislang bei den Unruhen verletzt wurde. Zuvor hatte ein US-Fotograf einen Schuss am Bein abbekommen.

Wegen der nächtlichen Ausgangssperre saßen hunderte Menschen am Samstagabend am Flughafen von Tunis fest. "Die Lage ist angespannt, niemand darf den Flughafen verlassen", sagte ein Soldat. Den Restaurants ging das Essen aus, es bildeten sich lange Schlangen, um die letzten Chips und Kekse zu kaufen. Überall bildeten sich kleine Lager, Reisende versuchten, auf dem Boden zu schlafen und deckten sich mit Kleidungsstücken zu. (dpa)

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