Persönliche Anmerkungen zum Tod von Lech Kaczynski Polens Präsident wird beerdigt – ein Tag, an dem der Himmel still steht

Bremen. WESER-KURIER-Online-Redakteurin Barbara Debinska ist eine von 5800 Polen, die in Bremen leben. Sie schildert, wie sie die vergangene Woche erlebt hat - eine Woche im Zeichen des Schocks über und der Trauer um Polens Staatspräsident Lech Kaczynksi.
17.04.2010, 15:56
Lesedauer: 3 Min
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Von Barbara Debinska

Bremen. WESER-KURIER-Online-Redakteurin Barbara Debinska ist eine von 5800 Polen, die in Bremen leben. Sie schildert, wie sie die vergangene Woche erlebt hat - eine Woche im Zeichen des Schocks über und der Trauer um Polens Staatspräsident Lech Kaczynksi.

 

Polens Präsident wird beerdigt – ein Tag, an dem der Himmel still steht

Polens Präsident Kaczynski stirbt bei Flugzeugabsturz. Als Polin in Bremen, eine von über 5800 Polen, von insgesamt über 20.000 Bürgern polnischer Abstammung in der Hansestadt, hat mich diese Nachricht am Sonnabendmorgen beim Frühstück geschockt. Was? Dachte ich entsetzt. Habe ich das richtig gehört? Schnell stellte ich das Radio lauter. Eine ganze Delegation im russischen Smolensk abgestürzt? Keine Überlebenden? Ich verharre am Radio und bin wie gelähmt. Das kann nicht sein, denke immer wieder und bin fassungslos.

In der Woche vor dem Unglück

Erst am Abend zuvor bin ich aus Polen nach Bremen zurückgekehrt. Ich habe meine Oma in Turek besucht, einer 30.000 Einwohner Stadt in Großpolen, 200 Kilometer westlich von Warschau. Während der gesamten Woche nach Ostern war die Katyn-Gedenkfeier in den polnischen Medien bereits Thema. Am Mittwoch hatte Russlands Regierungschef Wladimir Putin Katyn besucht und Tausenden ermordeten polnischen Offizieren die letzte Ehre erwiesen. Polens Premier Donald Tusk war auch da. Den polnischen Medien zufolge waren die Polen aber enttäuscht, dass Putin neben seinem Kniefall keine offizielle Entschuldigung ausgesprochen hatte. Meine Oma findet das Massaker vor 70 Jahren einfach nur schrecklich. Mein Onkel, der wie ich in Deutschland lebt und zeitgleich zu Besuch in Polen ist, fragt spöttisch, was Putin mit den „Donalden“ wieder ausheckt, und warum Putin nicht erst am Sonnabend anreist, wenn Kaczynski kommt.

In der Woche nach dem Unglück

Fast zynisch erscheint mir jetzt der Anlass von Kaczynskis Reise nach Russland. Fragen kommen auf: Warum war die gesamte Delegation in einem Flugzeug unterwegs? Warum ist es zu der Katastrophe gekommen? Wetter, technischer Defekt, menschliches Versagen? War es gar Kaczynski selbst, der die Landung angeordnet hat? Spekulationen und Ursachenfindung mal außen vor, ist es eine Tragödie – menschlich und politisch, für die Angehörigen, für das polnische Volk. Unglücklich finde ich die Tatsache, dass Putin die Untersuchungskommission leitet. An dieser Stelle wächst mein polnisches Misstrauen gegenüber den Russen. Ich bin überrascht, denn den größten Teil meines 32-jährigen Lebens bin ich in Deutschland aufgewachsen und bin bestens integriert. Ob wir jemals den wahren Grund des Absturzes erfahren, bezweifle ich.

Die Katastrophe von Smolensk bringe Polen und Russland einander näher, schreiben polnische wie europäische Medien. Doch neben der großen Trauer, die Polen in diesen Tagen lähmt, sitzt tief verankert im polnischen Volk ein Misstrauen gegenüber den Russen, entgegen aller Rationalität. Mag sein, dass eine polnisch-russische Annäherung sich bald auf politischer Ebene festigt – das polnische Volk braucht dafür mehr Zeit. Wie lange? Keine Ahnung.

Der Präsident neben Königen beigesetzt

Verschwörungstheorien hin oder her, der polnische Präsident ist bei einem schrecklichen Unglück ums Leben gekommen. Und heute wird er in meiner Geburtsstadt Krakau beigesetzt, neben den polnischen Königen auf der Wawel-Burg. Hier schließe ich mich den vielen Demonstranten in Polen an und sage, das geht zu weit! Voller Respekt meine ich, dass der zu Lebzeiten sehr umstrittene Präsident seine letzte Ruhe ehrwürdig in Warschau finden sollte, wie seine Vorgänger. Es ist schon irgendwie ein seltsamer Zufall, dass gerade heute zur Präsidenten-Beerdigung der Flugverkehr in Europa nahezu still steht – wegen einer Aschewolke.

Auch um die weiteren 95 Verunglückten trauere ich mit meinem Volk in Bremen wie in Polen und verbleibe pietätvoll,

Barbara Debinska

 

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