Rinkes Rauten Der Rest ist das Gegenteil von Schweigen

In dieser Kolumne schaut der Dramatiker und Romanautor Moritz Rinke auf Bremen und die Welt. Thema muss nicht immer der SV Werder sein, Raute hin oder her.
17.09.2022, 21:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Moritz Rinke

Mein englischer Theateragent in London habe die Queen geliebt, wie er sagte, doch die letzten Tage hätten ihm schwer zugesetzt. Er vermittelt seit Jahrzehnten internationale Dramen, aber die englischen Bühnen könnten kaum noch neue Theaterstücke einkaufen, weil die Betriebskosten alles auffressen würden. Und weil das Publikum auch nicht mehr so komme wie früher, es Corona fürchte und die Ticktes viel zu teuer seien.

Dafür hat mein Agent aber seit Tagen das große Queen-Theater, mit Millionen von Zuschauern. Der englischen Zeitung „The Economic Times“ zufolge kostet die Beisetzung sowie die Krönung von König Charles III. insgesamt 6 Milliarden Pfund, plus der neuen Briefmarken und Banknoten mit dem Thronfolger.

„Es ist schon irre“, sagte mein Agent, „wir haben eine zweistellige Inflation, eine zu erwartende Rezession und Staatsverschuldung und dazu noch eine neue unbegabte Premierministerin, die wie eine Parodie von Margaret Thatcher daherkommt, aber wir hauen sechs Milliarden Pfund für ein Staatsbegräbnis auf den Kopf.“

Lesen Sie auch

„Unser letztes Staatsbegräbnis in Deutschland war für Kurt Biedenkopf, das war bestimmt billiger“, sagte ich. „Aber wir schauen hier in Deutschland alle mit Rührung auf euren Queen-Abschied, wir senden kaum noch etwas anderes im Fernsehen, es ist Opium für uns, wir haben ja auch Sorgen. Der ARD-Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebrecht ist unser neuer Star, er ist 85 Jahre alt, hat aber mehr Sendezeit als Olaf Scholz!“

Allein in deutschen Zeitungen erstreckten sie sich die Nachrufe über mehrere Seiten; die Nachrichtensendungen bestanden aus der Queen und dem Wetter, sogar die ansonsten alles beherrschende Energiekrise fiel aus der Welt. Die FAZ hatte sogar zwei Leitartikel über die Queen auf der ersten Seite.

Wenn alle Nachrufe auf die Queen schreiben, dachte ich, dann schreibe ich auch noch einen, ich hatte hier letzten Sonntag die würdevollen Frauen der kremlkritischen Punkband Pussy Riot mit der Würde der Queen verglichen, das war richtig – es geht aber noch besser.

„Die Queen hatte eine große, letzte Fähigkeit, die nun für immer zu Grabe getragen wird“, sagte ich meinem Agenten. „Ihr Schweigen, ihr Schweigenkönnen, die Zurückhaltung, der letzte, würdevolle Rest einer großen Tugend.“

Der Agent grummelte.

„Was schreibt mein berühmter Kollege Shakespeare am Ende seines Hamlet-Dramas?“, fragte ich.

„Der Rest ist Schweigen“, sagte der Agent wie aus der Pistole geschossen.

„Mit der Queen ist es aber genau umgekehrt“, erklärte ich. „Als sie noch lebte, lebte auch noch die letzte Meisterin des Schweigens, doch ab morgen ist der Rest, mit dem sie uns alleine lässt, das ausnahmslose Gequatsche. Nur noch Gequatsche! Auf jeden Fall das Gegenteil von Schweigen!“

Lesen Sie auch

Natürlich hatte ich mir damals gewünscht, dass sie nach Dianas Tod endlich etwas sagt. Oder dass sie irgendwann mal diesen Boris Johnson bei einer der wöchentlichen Besprechungen aus dem Buckingham Palast wirft, aber sie hat nie eine Meinung preisgegeben. Langweilig? Oh, nein, nicht in diesen Zeiten! Siebzig Jahre Öffentlichkeit ohne einen einzigen Tweet, siebzig Jahre im Amt und nichts persönlich gepostet – wie bewundernswert!

Doch nun sind wir ab morgen allein mit all den Amtsträgern und Politikern, die keine fünf Minuten brauchen, um nach irgendeinem öffentlichen Vorgang eine Meinung dazu zu haben – und diese auch nach ungefähr fünfeinhalb Minuten kundzutun. Und es sind ja nicht nur die Amtsträger, es machen ja eigentlich alle. Man nimmt Meinungen auf, reproduziert sie, man likt, kommentiert, hasst. Und alles die ganze Zeit. Immer und überall unfundierte, kurzfristige Meinungen, die keiner mehr für sich behält.

„Die Queen lässt uns in einer Hölle zurück“, sagte ich meinem Agenten. „Das Beste, das ihr neben Hamlet, den Beatles und dem FC Liverpool hervorgebracht habt, war die Queen mit ihrer nunmehr ausgestorbenen Gabe zu schweigen.“

Ich glaube, mein Agent konnte darüber nur müde lächeln.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Zur Newsletter-Übersicht