Konflikte Rückschlag für NATO: Afghanische Zivilisten getötet

Kabul. Schwerer Rückschlag für die NATO in Afghanistan: Trotz aller Zusagen, die Zivilbevölkerung besser zu schützen, sind bei einem Luftangriff der Internationalen Schutztruppe ISAF erneut zahlreiche Unbeteiligte getötet worden.
22.02.2010, 16:11
Lesedauer: 4 Min
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Kabul. Schwerer Rückschlag für die NATO in Afghanistan: Trotz aller Zusagen, die Zivilbevölkerung besser zu schützen, sind bei einem Luftangriff der Internationalen Schutztruppe ISAF erneut zahlreiche Unbeteiligte getötet worden.

Die afghanische Regierung teilte am Montag mit, bei dem Luftschlag am Vortag seien mindestens 27 Zivilisten ums Leben gekommen, darunter vier Frauen und ein Kind. Zwölf Zivilisten seien verletzt worden. Das Kabinett nannte den Angriff in der südafghanischen Provinz Dai Kundi «unverantwortlich» und verurteilte ihn «in schärfster Form». ISAF-Kommandeur Stanley McChrystal drückte dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai sein «Leid und Bedauern über den tragischen Vorfall» aus.

«Wir sind zutiefst betrübt über den tragischen Verlust unschuldigen Lebens», sagte McChrystal einer ISAF-Mitteilung zufolge. «Ich habe unseren Truppen klargemacht, dass wir hier sind, um die afghanischen Menschen zu schützen, und dass das versehentliche Töten oder Verletzen von Zivilisten ihr Vertrauen und ihren Glauben in unsere Mission untergräbt. Wir werden unsere Anstrengungen, dieses Vertrauen wiederzugewinnen, erneut verdoppeln.» Die NATO-geführte ISAF machte keine Angaben zur Zahl der zivilen Opfer bei dem Vorfall. Das afghanische Kabinett rief die NATO in einer Mitteilung des Präsidentenpalastes am Montag erneut eindringlich dazu auf, größtmögliche Vorsicht walten zu lassen.

Nach Angaben der afghanischen Regierung trafen die NATO-Bomben in Dai Kundi nahe der Grenze zur Unruheprovinz Urusgan drei Fahrzeuge, in denen Zivilisten auf dem Weg in die südafghanische Provinz Kandahar waren. Die ISAF teilte mit, Soldaten hätten die Zivilisten für Aufständische gehalten. Nach dem Bombardement hätten Bodentruppen am Ort des Luftschlags aber Frauen und Kinder vorgefunden. Die Provinz Dai Kundi liegt geografisch im Zentrum Afghanistans. Die Provinz gehört aber zum Regionalkommando Süd der ISAF und wird daher militärisch dem umkämpften Süden des Landes zugerechnet.

Die afghanische Regierung kritisierte, zivile Opfer seien ein «wesentliches Hindernis für effektive Anstrengungen im Kampf gegen den Terrorismus». Karsai hatte erst am Samstag vor dem Parlament in Kabul einen eindringlichen Appell an die Truppen gerichtet, Zivilisten zu schützen. Auch zu Beginn der Großoffensive in der südafghanischen Provinz Helmand am vorvergangenen Samstag hatte Karsai die Truppen dazu aufgerufen, vorsichtig vorzugehen.

Nach Beginn der Operation «Muschtarak» (Gemeinsam) in Helmand waren dennoch zwölf Zivilisten getötet worden, als zwei ISAF-Raketen das Haus einer Familie trafen. McChrystal hatte sich bereits damals bei Karsai entschuldigt und einen besseren Schutz der Zivilisten angekündigt. Trotzdem waren am Montag vergangener Woche bei einem Luftangriff der ISAF in der südafghanischen Provinz Kandahar erneut fünf Zivilisten getötet worden. Bei der Operation «Muschtarak» erschossen Soldaten bei verschiedenen Vorfällen außerdem mindestens vier Zivilisten versehentlich.

Ein niederländischer Militärsprecher betonte in Den Haag, niederländische Flugzeuge hätten den Luftangriff in Dai Kundi nicht geflogen. Die Niederlande haben das ISAF-Kommando in der benachbarten Provinz Urusgan und haben auf der Basis in Kandahar Kampfflugzeuge stationiert. Der Sprecher sagte, zu dem Vorfall sei es in der Nähe von zwei US-Stützpunkten gekommen. Zwölf Verletzte würden im niederländischen Camp in Urusgans Hauptstadt Tarin Kowt behandelt. In den Niederlanden war die Regierungskoalition am Wochenende im Streit um den Einsatz in Urusgan zerbrochen.

Bei einem Selbstmordanschlag in der ostafghanischen Provinz Nangarhar wurden am Montag nach Polizeiangaben mindestens 15 Menschen getötet. Nach Angaben des Polizeichefs der Provinz wurden 15 weitere Menschen verletzt, als der Attentäter sich in der Nähe einer Gruppe von Beamten der Provinzregierung in die Luft sprengte. Unter den Toten sei auch ein Stammesführer. Zu den Verletzten zählte den Angaben zufolge der Chef der Flüchtlingsbehörde der Provinz.

Keine Bestätigung gab es am Montag für eine Meldung des amerikanischen Senders Fox News, wonach Sicherheitskräfte in Pakistan einen Taliban-Anführer namens Maulawi Abdul Kabir gefasst haben. In der vergangenen Woche war in Pakistan der Vizechef der afghanischen Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar, festgenommen worden. Kabir soll dem Führungsrat der Taliban angehören.

Seit Beginn der Großoffensive in Helmand am 13. Februar wurden bei der Operation nach Angaben der ISAF 13 ausländische Soldaten getötet. Seitdem starben außerdem zehn weitere ISAF-Soldaten bei Vorfällen, die nicht im Zusammenhang mit «Muschtarak» standen. Angaben zu Opfern unter den Taliban oder der afghanischen Armee liegen nicht vor. Die Operation «Muschtarak» gegen die Aufständischen in Helmand ist die bislang größte Offensive seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001. Insgesamt sind daran 15 000 afghanische und ausländische Soldaten beteiligt. Mit der Operation sollen die Taliban aus zwei Distrikten in Helmand vertrieben werden.

Im vergangenen Jahr hatte der Konflikt in Afghanistan mehr Zivilisten das Leben gekostet als je zuvor seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001. Die Mission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) hatte im vergangenen Monat mitgeteilt, 2009 sei die Zahl der getöteten Unbeteiligten verglichen mit dem Vorjahr um 14 Prozent auf 2412 gestiegen. Aufständische wie die Taliban seien für rund zwei Drittel (67 Prozent) dieser Toten verantwortlich gewesen. 25 Prozent der zivilen Opfer hätten Militäroperationen und dabei vor allem Luftangriffe verursacht. Die restlichen acht Prozent ließen sich keiner Konfliktpartei zuordnen. (dpa)

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