Konflikte Tunesien droht im blutigen Chaos zu versinken

Paris. Geschlossene Schulen und Universitäten, prügelnde Polizisten und wieder ein Selbstmord eines Jugendlichen: In Tunesien finden die von Gewaltexzessen überschatteten Proteste kein Ende.
11.01.2011, 18:40
Lesedauer: 2 Min
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Paris. Geschlossene Schulen und Universitäten, prügelnde Polizisten und wieder ein Selbstmord eines Jugendlichen: In Tunesien finden die von Gewaltexzessen überschatteten Proteste kein Ende.

Die Regierung des autoritären Langzeit-Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali schloss am Dienstag alle Schulen und Universitäten. Damit sollen weitere Massenproteste junger Tunesier gegen Armut und Arbeitslosigkeit verhindert werden. Ben Ali hatte am Montag 300 000 neue Arbeitsplätze bis Ende 2012 versprochen und die Proteste als terroristische Akte angeprangert.

Vermutlich aus Verzweiflung über sein Los hat sich ein arbeitsloser 23-jähriger Akademiker am Montagabend in seinem Heimatort El Omrane durch einen Stromschlag selbst getötet. Er habe vorsätzlich auf einem Hochspannungsmast ein stromführendes Kabel berührt, erklärte am Dienstag ein Mitglied der Lehrergewerkschaft. Auf ähnliche Weise und aus ähnlichen Motiven heraus hatte sich bereits ein anderer arbeitsloser Jugendlicher Ende Dezember getötet. Die Serie öffentlicher Selbstmorde hatte am 17. Dezember begonnen, als sich ein arbeitsloser Akademiker selbst verbrannte.

Seine Verzweiflungstat stand am Beginn der Unruhen, die das Land seitdem in wachsendem Ausmaß erschüttern. Seit dem Wochenende kamen weit über 30 Menschen ums Leben. Viele von ihnen wurden von Sicherheitskräften erschossen. Die Menschenrechtsorganisation FIDH bezifferte die Zahl der Toten am Dienstag auf mindestens 35. Vermutlich seien es aber deutlich mehr. In der Hauptstadt Tunis kam es auch am Dienstag erneut zu gewaltsamen Zusammenstößen, als Polizisten eine Demonstration von Künstlern und Intellektuellen zu verhindern suchte. Unklar blieb, ob und wie viele Opfer es dabei gab.

Als Ursache der schlimmsten Aufstände seit Mitte der 80er Jahre gilt die Perspektivlosigkeit gerade der jungen Menschen sowie die hohe Arbeitslosigkeit. Vor allem Hochschulabsolventen haben es nach der Ausbildung schwer, einen Job zu finden.

Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich, die sich öffentlich bislang auffallend zurückgehalten hat, rief am Dienstag zur Ruhe auf. Die wirtschaftlichen und sozialen Probleme könnten nur durch einen Dialog zwischen der Regierung und den Demonstranten gelöst werden, sagte Regierungssprecher François Baroin.

Die Europäische Union hatte am Montag "Zurückhaltung beim Einsatz von Gewalt und die Respektierung der Grundfreiheiten" gefordert. Blogger, Journalisten, Rechtsanwälte und andere festgenommene Personen, die friedlich demonstriert hätten, seien umgehend freizulassen, heißt es in einer Erklärung. Eine Intensivierung der Beziehungen zwischen der EU und Tunesien sei nur möglich, wenn beide Seiten den Menschenrechten und Grundfreiheiten verpflichtet seien. (dpa)

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