Fast täglich gibt es Tote Undercover unterwegs im Nord-Sinai

Ausländer und Journalisten dürfen nicht auf den Nord-Sinai und zum Absturzort des russischen Ferienfliegers 7K9268. Unsere Reporterin hat sich dennoch auf den Weg dorthin gemacht und nach Zeugen gesucht.
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Birgit Svensson (Ismailia)

Ausländer und Journalisten dürfen derzeit nicht auf den Nord-Sinai und erst recht nicht zum Absturzort des russischen Ferienfliegers 7K9268. Unsere Korrespondentin hat sich dennoch auf den Weg dorthin gemacht und nach Zeugen gesucht.

Nur durch einen Trick gelingt es auf den Sinai zu kommen: zu Fuß, mit der Fähre über den Suez-Kanal. Das Ziel ist der Absturzort des Airbus A 321, der am Sonnabendmorgen um 5.30 Uhr mit 224 Menschen an Bord im ägyptischen Scharm el Scheich gestartet war und nie in St. Petersburg ankam.

Von Ismailia führt eine direkte Verbindungsstraße nach Al Hassana, wo die Trümmerteile der Unglücksmaschine auf einem Gebiet von 30 Quadratkilometern verteilt liegen. Noura, Mona und Nadin sind ebenfalls zu Fuß unterwegs. Die drei Studentinnen der Suez-Kanal-Universität schwänzen eine Vorlesung, um einen Ausflug zum neuen Kanal zu machen, der im August mit großem Pomp eingeweiht wurde und den die drei noch nicht gesehen haben.

Tieflader mit Panzern und Militärkonvois kommen uns entgegen, dazwischen einige Lkw mit Baumaterial. „Es ist Krieg auf dem Sinai“, sagt Noura nachdenklich, „schon wieder“. Jahrelang hieß der Gegner Israel. Jetzt kämpfen ägyptische Soldaten gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Seit mehr als drei Jahren versuchen die Sicherheitskräfte, die Situation im Norden der Halbinsel in den Griff zu bekommen. Ohne durchschlagenden Erfolg. Fast täglich gibt es Tote und Verletzte. Die Zusammenstöße eskalierten, als die ägyptische Armee die demokratisch gewählte Regierung der islamistischen Muslimbrüder im Sommer 2013 aus dem Amt jagte. Unmittelbar nach dem Absturz des russischen Flugzeugs hat der ägyptische Ableger des IS in einer Internetbotschaft behauptet, es abgeschossen zu haben (siehe Text unten).

Kairo wittert ein Komplott

Großbritannien und die USA vermuten auf Grundlage vorläufiger Erkenntnisse einen Bombenanschlag der Dschihadisten, der das Flugzeug zum Absturz brachte. Dies sei unter anderem aus abgehörten Informationen zu schließen, verlautet aus Washington. Die ägyptische Regierung zeigt sich verärgert über die Behauptung und wittert ein Komplott des Westens gegen sowohl Kairo als auch Moskau. Denn die Flugschreiber, die Gewissheit bringen sollen, sind noch nicht ausgewertet. Sollte sich eine Bombenexplosion als wahr herausstellen, so hätte dies gravierende Folgen für beide Länder.

Der russische Präsident Wladimir Putin müsste seinen Landsleuten erklären, dass der Absturz des Urlauberfliegers ein Racheakt für sein Engagement in Syrien sei, und in Ägypten bräche der sich gerade wieder erholende Tourismus auf Monate ein. Denn es waren vor allem Russen, die das Nil-Land seit dem Ausbruch der Unruhen im Frühjahr 2011 besuchten und sich an die Strände von Scharm el Scheich legten.

Mona will davon nichts wissen. Sie zupft ihren knallroten Hijab, den alle Haare verdeckenden Schal, zurecht und macht Selfies mit ihren Kommilitoninnen. „Wenn du das alles zu sehr an dich ranlässt, kannst du hier nicht mehr leben“, gibt die 23-jährige Wirtschaftsstudentin als Erklärung für ihre Unbeschwertheit. Ismailia sei immer eng mit dem Schicksal des Sinai verbunden gewesen, in schlimmen wie in guten Tagen. Als der später ermordete ägyptische Präsident Anwar al-Sadat am 6. Oktober 1973 den Befehl zum Angriff auf die israelische Armee gab, die den Sinai seit 1967 besetzt hielt, starteten die Soldaten von Ismailia aus. Eine Ponton-Brücke über den Suez-Kanal diente als Übergang, da wo jetzt eine Fähre übersetzt. Zwischen der alten und der kürzlich eingeweihten neuen Trasse liegen drei Kilometer Fußmarsch und eine zweite Fähre zum Sinai.

Enorme Militärpräsenz

Zum Zeitpunkt des Absturzes war der Airbus 321 auf 9000 Metern Höhe. Der russische Militärexperte Igor Korotschenko sagt, für den Abschuss einer Maschine in rund 10 000 Metern Höhe verfüge der IS wohl nicht über die nötigen Waffen. „Was höher fliegt als etwa 4500 Meter, ist für die Dschihadisten ziemlich sicher nicht erreichbar.“ Das meint auch Ahmed, der einem Militärkonvoi angehört und auf der Fähre eine Zigarettenpause einlegt. „Die haben keine Raketen, die so hoch schießen können.“ Solche Waffen könnten nicht ohne Wissen von Geheimdienst und Armee auf dem Sinai hin- und hertransportiert werden. Die Militärpräsenz sei enorm. Dennoch ist das Flugzeug auf dem Sinai mitten in einer Unruhe-Region zerschellt, in der auch Anhänger der Terroristen operieren.

Auf dem Sinai angekommen, geht die Fahrt im Minibus weiter. Der Fahrer ist Beduine, die anderen Fahrgäste sind Bauarbeiter von Neu-Ismailia. Entlang des neuen Kanals entsteht ein neuer Stadtteil. Die Moschee ist bereits fertig, Wohn- und Geschäftshäuser sind im Rohbau, Straßen im Entstehen. Der Wind pfeift über die baumlose Ebene. Urbanität sieht anders aus, aber Infrastruktur zeichnet sich ab. „Wenigstens passiert mal was“, klagt der Fahrer, „bisher haben die nichts für uns getan“.

Seit dem Abzug der Israelis 1982 sei der Nord-Sinai von der Regierung in Kairo komplett vernachlässigt worden. Sadat habe im Friedensabkommen von Camp David im September 1978 den Beduinen im Süden Rechte ausgehandelt, „aber wir hier sind leer ausgegangen“. So sei der Badeort Dahab in die Hände der dortigen Beduinenfamilien gelangt. Nur sie durften Grund und Boden besitzen und Tourismus entwickeln. Von dem boomenden Geschäft am Roten Meer hätten die „Süd-Beduinen“ nicht schlecht profitiert.

Im Norden dagegen sei lediglich Al Arish am Mittelmeer für den Tourismus infrage gekommen, hätte aber nie die Chancen gehabt wie Scharm el Scheich. „Es waren die Israelis, die Al Arish ausgebaut und genutzt haben.“ Überhaupt sei es den Beduinen des Sinai unter israelischer Besatzung besser ergangen als unter den Ägyptern, berichtet der Minibusfahrer. Seit dem Beginn der Unruhen gleich nach dem Sturz des ägyptischen Diktators Husni Mubarak im Frühjahr 2011 ist Al Arish und die gesamte Mittelmeerküste des Sinai No-go-Area. Der Sinai sei jetzt nicht mehr vertikal geteilt, wie früher mit der israelischen Barlev-Linie, sondern in einen prosperierenden Süden und einen kriegerisch armen Norden. Er selbst mache da nicht mit, behauptet der Beduine, könne aber die verstehen, die jetzt aufbegehren.

Zulauf für den IS

Ursprünglich hieß die Terrororganisation auf dem Sinai „Ansar Beit al-Makdis“ und zählte etwa 1000 Kämpfer, die sich aus Beduinen, radikalisierten Ägyptern und einigen wenigen Ausländern zusammensetzte. Vor einem Jahr schloss sie sich dem IS an und unterwarf sich Abu Bakr al-Bagdadi als Führer. Seitdem hat sich die Zahl ihrer Mitglieder Schätzungen zufolge mindestens verdoppelt. Terrorzellen sind entstanden und bilden neue Kämpfer aus. Vor allem westliche Ausländer, von Dschihadisten angeworben, nutzen den Sinai als Zwischenstation in die Bürgerkriege nach Syrien und den Irak.

„Hier liegt ein Stück Flugzeug“, sagt plötzlich einer der Minibus-Insassen. 50 Kilometer sind vom neuen Kanal zurückgelegt und bis Al Hassana sind es nochmals 40. „Nein“, kontert ein anderer, „das liegt schon länger da“. Ibrahim fährt täglich diese Strecke zur Arbeit an die Baustelle am neuen Kanal. Er meint, dass das vermeintliche Flugzeugteil einem verunglückten Auto gehöre. Doch die Diskussion über das Unglück kommt damit in Gang.

Dass die Maschine abgeschossen wurde, halten die Männer eher für unwahrscheinlich. Dann schon eher Sabotage. „Jemanden zu bestechen, ist in Ägypten das einfachste auf der Welt.“ In Scharm el Scheich am Flughafen seien alle korrupt. Der Beifahrer will erfahren haben, dass eine Explosion im Flugzeug stattfand, bevor es vom Himmel gefallen ist. Den Lärm so früh am Morgen hätten seine Nachbarn gehört. Eine Bombe? „Ja, das glaube ich.“ Nur an die Version der ägyptischen Regierung, wonach der Pilot ein technisches Problem gemeldet habe und eine Notlandung angekündigte, glaubt im Minibus nach Al Hassana keiner. Abrupt werden die Gespräche beendet: Militärkontrolle. Die Autorin muss zurück nach Ismailia.

Das Bekennerschreiben der Dschihadisten

Die Erklärung im Wortlaut:

„Die Soldaten des Kalifats konnten über dem Wilayat Sinai ein russisches Flugzeug herunterholen. Darin befanden sich mehr als 220 russische Kreuzzügler. Alle von ihnen wurden getötet, alles Lob gebührt Allah. Dies geschah, um den Russen und alle, die sich mit ihnen verbünden, zu zeigen, dass sie keine Sicherheit genießen auf muslimischen Boden, oder in der Luft, und dass das tägliche Ermorden von Dutzenden in Sham (Syrien) mit Luftangriffen zu ihrem Untergang führen wird. Wie sie töten, werden sie getötet, mit Allahs Erlaubnis. Allah hat die Kontrolle, aber viele Menschen wissen es nicht.“

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+