Armut Verlorene Kindheit in Afghanistan

Eine unbeschwerte Kindheit bleibt vielen verwehrt - in Afghanistan etwa, wo wachsende wirtschaftliche Not immer mehr Kinder in Arbeit drängt.
16.11.2022, 12:08
Lesedauer: 4 Min
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Von dpa

Enge, schwarz gefärbte Pfade schlängeln sich durch die nebelverhangenen Berge im Norden Afghanistans zu den Bergbauminen von Tschinarak. Ein mit Kohle beladener Esel rutscht aus. Ein Junge, vielleicht zehn Jahre alt, zerrt ihn wieder auf die Beine.

„Los“, ruft er dem Esel zu und treibt ihn weiter den Berg herunter. Das Gesicht und die Hände des trotz Kälte leicht bekleideten Jungen sind rußgeschwärzt. Er ist noch ein Kind und schon einer von den Arbeitern, die hier in der Provinz Baghlan trotz Lebensgefahr täglich in die mehrere hundert Meter langen, heißen und dunklen Schächte steigen - für einen Tageslohn von wenigen Euro.

Mit der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan im Sommer 2021 und der damit verbundenen Einstellung von Hilfsgeldern ist die Wirtschaft des Landes über Nacht kollabiert. Hunderttausende Menschen verloren nach dem überstürzten Abzug der internationalen Truppen ihre Arbeit. Die Situation zwang Familien im ganzen Land dazu, verzweifelte Entscheidungen zu treffen. Einige verheirateten ihre Töchter für Geld, andere verkauften ihre Nieren oder gar ihre Kinder, um andere Familienmitglieder vor dem Verhungern zu bewahren. Sehr viele schicken ihre minderjährigen Söhne und Töchter nun wieder arbeiten - mit oft ungewollten Folgen.

Zum Spielen bleibt keine Zeit

Einer von ihnen in den informellen Kohleminen von Tschinarak ist Omid. Er ist zwölf Jahre alt, vielleicht auch erst zehn, so genau weiß er das selber nicht. Eigentlich fährt Omid gerne Fahrrad, doch zum Spielen bleibt keine Zeit. Morgens geht er in die Schule, doch gleich danach muss er in der Kohlemine, um zum Lebensunterhalt seiner Familie beizutragen. Dort wartet schwere körperliche Arbeit auf ihn: Omid befüllt den Sack auf seinem Esel mit Kohle und führt diesen zu einer Sammelstelle am Fuße des Berges. Die Arbeit ist potenziell tödlich, denn einstürzende Minenschächte sind keine Seltenheit.

Bis zu sechs Stunden täglich verbringt er hier, mit nur einem freien Tag in der Woche, wie Omid selber sagt. Die Schule, würde er gerne abschließen. Ob das möglich sei, dessen ist er sich nicht sicher. Für einige Kinder bedeutet die Arbeit in den Minen das Ende ihrer Schulbildung und damit die Aussicht auf eine besser bezahlte Arbeit in der Zukunft. „Zeit zum Lernen bleibt mir nicht“, sagt Omid. Auch, weil sein Zuhause so weit weg sei. „Wenn ich mit der Arbeit fertig bin, muss ich mit meinem Esel noch eine Stunde nach Hause laufen.“

Für Schulbücher und Stifte ist in vielen Familien aber ohnehin kein Geld da. Laut der Organisation Save the Children haben 97 Prozent aller Familien Schwierigkeiten, genug Essen für ihre Kinder aufzutreiben. Haushalte, die von Frauen geführt werden, trifft es besonders hart, denn die Taliban haben Frauen aus fast allen Berufen gedrängt. Einem im Spätsommer veröffentlichten Bericht der Organisation zufolge gab jedes vierte für den Report befragte Kind an, von der Familie gebeten worden zu sein, zu arbeiten. 

Armut und Kinderarbeit sind kein neues Problem in Afghanistan. Während unter der Regierung des geflohenen Präsident Aschraf Ghani die Korruption grassierte, kam in den ländlichen Gebieten kaum etwas an von den Unsummen an westlichen Hilfsgeldern, die das Land aufbauen sollten. Omid etwa arbeitet bereits seit drei Jahren in Tschinarak.

„Abends auf der Straße habe ich Angst“

Mehrere Autostunden entfernt, in der Hauptstadt Kabul, muss auch der achtjährige Mortasa arbeiten, damit die Familie über die Runden kommt. Wie sein Vater und seine Brüder putzt er die Schuhe von Passanten. „Abends auf der Straße habe ich Angst“, sagt Mortasa. Er arbeitet jeden Tag nach der Schule, bis es dunkel wird. Dennoch gehen er und seine sechs Geschwister häufig hungrig ins Bett. Denn das Geld in der Familie ist knapp geworden seit die Taliban an der Macht sind und gegen ihre Regierung, die weiter von keinem Land der Welt anerkannt wird, westliche Sanktionen verhängt wurden.

Anders als viele andere Kinder, die auf der Straße arbeiten, dort Kaugummis verkaufen oder Müll sammeln, hat Mortasa jedoch einen Ort gefunden, an dem er zumindest für einige Stunden am Tag unbeschwert sein kann. In einer privaten Schule im Süden Kabuls nimmt sich Baqi Samandar Kindern an, die auf der Straße arbeiten müssen und deswegen oft nicht am Unterricht teilnehmen können. Hier kriegen sie Schulmaterialien, Nachhilfe und eine warme Mahlzeit am Tag.

„Viele Kinder kommen hierher, wenn sie herausfinden, dass es kostenlosen Unterricht gibt“, erzählt Samandar. „Wir unterrichten Kinder aus Familien, die sich nicht einmal einen Kugelschreiber leisten können.“ Auch ältere Mädchen bekommen in seiner Schule die Chance auf Bildung. Die Taliban haben Mädchenschulen ab der siebten Klasse geschlossen, doch viele private Schulen widersetzen sich und unterrichten ältere Mädchen einfach weiter. „Angst vor den Taliban habe ich keine“, sagt eine der Lehrerinnen hier selbstbewusst.

Träume der Kinder geraten durch Wirtschaftsnot in weite Ferne

Die Kinder in der Schule lernen in einfachsten Räumen. Meist hängt nicht mehr als eine Schultafel an den Lehmwänden, auch Stühle und Tische sind nicht immer vorhanden. Manche der Kinder haben keine Schuhe und laufen mit löchrigen Socken über den kalten Boden. Die Schüler und Schülerinnen wollen später einmal Ärztin oder Lehrerin zu werden, Ingenieur oder Pilot.

Die wachsende Wirtschaftsnot könnte vielen dieser Träume jedoch ein abruptes Ende setzen. Auch Samandar weiß mittlerweile nicht mehr, wie er die Schule weiter finanzieren soll. Die üblichen Spendengelder blieben zuletzt aus. „Mit welchem Geld ich die Lehrer und Lehrerinnen die nächsten Monate zahlen soll, weiß ich nicht“, schildert er.

Der Winter naht, nachts fallen die Temperaturen mittlerweile vielerorts unter den Gefrierpunkt. Am 21. Dezember, der längsten Nacht des Jahres, versammeln sich traditionell Familien und Bekannte, um die Jalda-Nacht zu feiern. Das Fest steht für Hoffnung.

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