Sanktionen Wut über Transitbeschränkung für Kaliningrad: Russland droht

Wegen des Kriegs in der Ukraine schränkt Litauen den Warentransit in Russlands Exklave Kaliningrad ein. Moskau sendet Warnungen in Richtung des Nato-Landes. Wie ernst ist die Lage?
22.06.2022, 11:30
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von dpa

Es mag ein wenig ironisch klingen, doch Moskau sieht sich in diesen Tagen oft als Opfer.

Westliche Waffenlieferungen für die Ukraine, Sanktionsdruck, Diplomatenausweisungen: All das ist - ungeachtet des vor vier Monaten begonnenen Kriegs gegen das Nachbarland - nach russischer Darstellung ungerechtfertigt. Für besondere Empörung sorgt nun seit Tagen die Entscheidung des EU- und Nato-Landes Litauen, den Transit zwischen der zu Russland gehörenden Ostsee-Exklave Kaliningrad und dem russischen Kernland zu beschränken.

Damit fällt der Transport von Waren, die auf westlichen Sanktionslisten stehen, zumindest über den baltischen Landweg weg. Nach Kaliningrader Darstellung betrifft das 40 bis 50 Prozent aller Transitgüter, darunter Baumaterialien und Metalle.

Russlands westlichstes Gebiet um das ehemalige Königsberg, das nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Sowjetunion zugesprochen wurde, liegt zwischen Litauen und Polen. Die Region mit knapp einer Million Einwohnern ist nur etwa 500 Kilometer von Berlin, aber mehr als 1000 Kilometer von Moskau entfernt. Droht ausgerechnet hier eine Ausweitung des Konflikts mit der Nato?

Hardliner fordern Schaffung eines „Korridors“

Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach zuletzt von „Elementen einer Blockade“ und „illegalem“ Vorgehen. Am Dienstag dann besuchte Sicherheitsratschef Nikolai Patruschew Kaliningrad - und wetterte: Moskau werde auf solche „feindlichen Handlungen“ mit Gegenmaßnahmen antworten. „Deren Folgen werden schwere negative Auswirkungen auf die Bevölkerung Litauens haben.“

Doch wie weit wird Russland bei seinen Gegenmaßnahmen gehen? Der Kaliningrader Gouverneur Anton Alichanow deutete eine mögliche Transitblockade für litauische Waren an. Kremltreue Hardliner hingegen forderten in Talkshows des Staatsfernsehens gleich mehrfach die Schaffung eines „Korridors“ zwischen Kernrussland und Kaliningrad. Das würde einen Angriff auf die dazwischen liegenden Länder Lettland und Litauen bedeuten - oder von Russlands Verbündetem Belarus aus auf den Grenzbereich zwischen Litauen und Polen.

Dort ist das Baltikum lediglich über einen rund 65 Kilometer langen Streifen - die so genannte Suwalki-Lücke - mit dem restlichen Nato-Gebiet verbunden. Wegen dieser Lage gelten die drei Baltenstaaten als Achillesferse der Nato-Ostflanke: Im Ernstfall wären sie verhältnismäßig leicht abzutrennen - militärisch zu isolieren.

Nato: Risiko einer größeren Eskalation gering

Doch in Brüssel wird das Risiko einer größeren Eskalation des Konflikts als gering angesehen. Nach Einschätzung von ranghohen Nato-Militärs ist Russland wegen seines Kriegs gegen die Ukraine derzeit nicht in der Lage, Nato-Territorium ernsthaft zu bedrohen. Russlands Armee sei in der Ukraine gebunden und habe vermutlich bereits rund 50 Prozent ihrer weitreichenden Waffen verbraucht, heißt es aus der Bündniszentrale. Es werde einen grundlegenden Wiederaufbau der Streitkräfte brauchen, bevor diese wieder eine ernstzunehmende Bedrohung für Nato-Gebiet darstellen könnten.

Schon vor Kriegsbeginn hatte die Nato zudem ihre Einsatztruppe in Litauen zur Abschreckung Russlands auf etwa 1600 Einsatzkräfte aufgestockt. Mit gut 1000 Soldaten kommt das größte Kontingent dabei von der Bundeswehr, die seit 2017 eine multinationale Nato-Einheit auf dem Militärstützpunkt Rukla anführt - etwa 100 Kilometer Luftlinie von Kaliningrad entfernt.

EU sichert Überprüfung zu

Die Europäische Union sicherte Russland nun nichtsdestotrotz zu, die Leitlinien zur Anwendung der Sanktionen noch einmal auf die Vereinbarkeit mit internationalem Recht zu prüfen. Ziel sei es zu bestätigen, dass man jegliche Art von Recht einhalte, kündigte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Montag an.

Der Spanier betonte zudem, Litauen habe keinerlei unilaterale Maßnahmen erlassen, sondern handele auf Grundlage von Leitlinien der EU-Kommission zur Umsetzung von Sanktionen. Anschuldigungen gegen das Land seien „falsch“ und „reine Propaganda“.

Litauens Außenminister Gabrielius Landsbergis sieht die russische Beschwerden über Transitbeschränkungen als Teil der russischen Kriegsführung. „Russlands Narrativ ist einfach Teil seines Krieges gegen den Westen: Ein Ziel auszuwählen und zu versuchen, seine Gesellschaft zu mobilisieren“, sagte Landsbergis. Regierungschefin Ingrida Simonyte verwies zudem darauf, dass russische Bürger nach wie vor über Litauen reisen dürften. „Es gibt keine Blockade von Kaliningrad“, betonte sie.

Die Kaliningrader selbst wiederum beruhigen solche Aussagen ganz offensichtlich nicht. Die russische Wirtschaftszeitung „Kommersant“ etwa berichtet von plötzlichen Zement-Hamsterkäufen. Gouverneur Alichanow appelliert an die Bürger seiner Region, das doch bitte zu lassen: „Wohin Sie all den Zement tun, den Sie gerade in riesigen Mengen kaufen, ist mir nicht klar...“

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+