Schnee-Katastrophe

Ausnahmezustand in den Alpen

Große Schneemengen sorgen für Chaos in den Alpen. Orte sind unzugänglich und die Lawinengefahr ist hoch. Und es soll weiterschneien. Am Wochenende wird bis zu einem Meter Neuschnee erwartet.
11.01.2019, 21:23
Lesedauer: 7 Min
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Von Patrick Guyton, Fabian Nitschmann und Sabine Dobel

Walter Alkofer ist ein Mann mit einem ausgeprägten Gespür für Schnee. Ist er deshalb an diesem Freitagmorgen schon um vier Uhr aufgewacht? Es hielt den 75-Jährigen jedenfalls einfach nicht mehr im Bett.

Wenige Stunden später war er schon auf 1400 Metern Höhe, im Spitzinggebiet im Raum Schliersee. Er traf Kollegen von der Lawinenkommission, stieg in einen Hubschrauber. Und dann tat der alte Mann etwas ganz Ungewöhnliches. Er löste eine Lawine aus, gezielt, mit zwei großen Sprengstoffladungen. „Der Schnee“, erklärt Alkofer, „soll nicht später unkontrolliert abgehen.“

Alkofer leitet ehrenamtlich die Lawinenkommission Schliersee. Überall in Bayern, in Österreich und der Schweiz versuchen Experten wie er in diesen Tagen, die Gefahr durch die Schneemassen einigermaßen in den Griff zu bekommen. Immer wieder aber erweist sich die Natur allen Eingriffen zum Trotz als weitaus mächtiger – und als völlig unberechenbar. Auch nach Nächten, in denen es nicht neu geschneit hat, kann die Lage wieder völlig anders sein. „Verfrachtung“ nennen Experten das Phänomen. Schnee kann durch Wind binnen weniger Stunden umgelagert werden, massenhaft, tonnenweise. „Der Wind“, zitiert Alkofer einen Lehrsatz aus den Bergen, „ist der Baumeister der Lawinen.“

Immer mehr Skifahrer und Snowboarder aber unterschätzen die Unberechenbarkeit der Natur – und begeben sich, allen Warnungen zum Trotz in Lebensgefahr. In den Tourengebieten, nicht auf den Pisten, hätten die Unfälle zugenommen, sagt Alkofer – „leider Gottes auch tödliche“. Allzu oft wagen sich Menschen vor in einsame Gegenden und vertrauen darauf, auch hier im Ernstfall rasch gerettet zu werden. „Natürlich ist unberührter, weißer Schnee etwas Wunderschönes, die Sehnsucht jedes Snowboarders“, sagt Alkofer. „Man sollte es dennoch lassen.“

Die Bereitschaft allerdings, Warnungen ernstzunehmen und im Zweifel auf mal auf etwas zu verzichten, lässt nach in der modernen Spaßgesellschaft. Allzu oft, klagen Experten überall in den Skiregionen, werde der Schnee zur bloßen Kulisse, durch die viele Menschen sich am liebsten auch noch mit Stöpseln in den Ohren bewegen, um gleichzeitig Musik vom iPhone zu hören.

„Man sollte Respekt vor der Natur, Respekt vor dem Schnee haben.“

Dem Oberbayern Alkofer ist das alles ein Graus. „Man muss mit guten Ohren unterwegs sein“, predigt er. Solange man nur den Wind rauschen höre, sei alles gut. Wenn aber ein Zischen dazu komme, könne es Probleme geben. „Wird dieses Zischen lauter, wird mir himmelangst“, sagt Alkofer: Das sei ein Zeichen dafür, dass ein Schneebrett abgeht. Seit rund 50 Jahren beobachtet Alkofer die Lage am Berg – und zieht den Schluss: „Man sollte Respekt vor der Natur, Respekt vor dem Schnee haben.“

Aber wer hat das heute noch? Auch moderne Rettungstechnik garantiert nicht das Überleben. Eine 33-jährige Snowboarderin aus Bayern etwa, die bei Obergurgl in Österreich im sogenannten freien Skiraum abseits der Pisten von einer Lawine erfasst wurde, war mit einem Sender ausgestattet, der den Rettern bei der Ortung half. Doch weil die junge Frau beim Eintreffen der Helfer schon 35 Minuten unterm Schnee lag, kamen alle Reanimationsversuche zu spät. Die Lawine, die sie erstickte, sagten Ermittler, habe die Snowboarderin offenbar selbst ausgelöst.

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Einem 26-Jährigen aus dem Landkreis Dachau genügte es nicht, in Vorarlberg einfach nur die Piste Nummer 20 hinabzufahren. Vor den Augen seiner Freundin wagte er sich in den Tiefschnee – und wurde prompt von einer Lawine mitgerissen. Der 25 Jahre alten Begleiterin bot sich später ein makabres Bild: Nur die Beine des bereits Toten ragten aus dem Lawinenkegel.

Auch auf gesicherten Pisten wurde es in den vergangenen Tagen gefährlich. Mitunter rissen Schneebretter ganze Gruppen von den Beinen. Die Schüler des Elisabeth-Gymnasiums in Halle/Saale etwa, die am Mittwoch im Skigebiet Wildkogel in Österreich von den Ausläufern einer Lawine erfasst wurden, kamen mit dem Schrecken davon – wollten aber anschließend nur noch schnell nach Hause, zurück nach Sachsen-Anhalt.

Wanderungen können zur Gefahr werden

In diesen Tagen kann es bereits ein Fehler sein, sich auch nur bloße Wanderungen nahe schneebedeckter Hänge vorzunehmen. Ein Paar, das auf Schneeschuhen zur Schindlmaisalm in Österreich unterwegs war, um dort dem Wild Futter zu bringen, starb auf der Strecke: Eine Lawine mit einer offenbar ungewöhnlich hohen Druckwelle kam dazwischen.

Unterschätzt werden die Gefahren des Schnees immer wieder auch abseits der Berge. In Aying bei München stürzte ein Nadelbaum auf einen neunjährigen Jungen – das Kind starb. Die Nachricht bewegte sogar das ferne Berlin: Die Kanzlerin spreche den Angehörigen ihr Beileid aus, sagte Regierungssprecherin Ulrike Demmer.

Landauf, landab rüsten inzwischen nicht nur Polizei und Feuerwehr, sondern auch Einheiten der Bundeswehr zu Großeinsätzen gegen den Schnee. Bis Freitagabend hatten bereits fünf Landkreise in Bayern Katastrophenalarm ausgelöst. Das geschieht, wenn ein Landkreis nicht mehr in der Lage ist, die Schäden durch ein bestimmtes Ereignis allein zu beherrschen. Das Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr löste zudem den sogenannten Militärischen Katastrophenalarm aus – damit wird Technik und Gerät der Bundeswehr für den Zivilschutz frei.

Aus Sicht von Polizei und Rettungskräften ist stets der freie Straßenverkehr der Schlüssel für alles andere – nicht etwa, um den Autofahrern einen Gefallen zu tun, sondern um Notärzten und Hilfstrupps den Weg zu möglichen Einsätzen zu bahnen.

Die Bilder in den Fernsehnachrichten von rundum eingeschneiten Feriendörfern in den Bergen mögen auf den ersten Blick malerisch erscheinen. Viele Zuschauer denken schmunzelnd, eine solche Zwangspause im Schnee könne doch mal eine umso tiefere Entspannung und Entschleunigung bewirken. Doch das Idyll schlägt in Horror um, wenn in einem abgeschnittenen Dorf plötzlich jemand mit Kreislaufproblemen zu Boden geht – und wegen dichten Schneetreibens auch kein Hubschrauber landen kann.

Internistische Notfälle sind auch in Staus auf schneebedingt von der Außenwelt abgeschnittenen Autobahnen tückisch. Bei einem Stau auf der A 8 starb in der Nacht zu Donnerstag bei Dornstadt eine 54 Jahre alte Autofahrerin. Sie saß allein in ihrem Wagen – die genaue Todesursache muss noch ermittelt werden.

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Zu einem besonders grausigen Unfall kam es am Freitag im bayerischen Lenggries bei Bad Tölz. Ein Schneeräumfahrzeug kippte seitlich in einen Arm der Isar. Der 48-jährige Fahrer wurde eingeklemmt und erst nach drei Stunden aus dem eiskalten Wasser geborgen, als endlich ein Kran herbeigeschafft werden konnte – der Mann starb im Krankenhaus.

Zur gleichen Zeit blickte in München Guido Wolz, Chef der Regionalen Wetterberatung des Deutschen Wetterdienstes, stirnrunzelnd auf die Bildschirme seiner Wetter-Computer. An diesem Sonntag kann in den höheren Lagen Bayerns noch mehr als ein Meter Schnee hinzukommen. „Das mag man sich nicht ausmalen“, sagt Wolz, „was da noch alles passieren kann.“

In Berchtesgaden kämpfen etwa 800 Helfer von Feuerwehr, THW und Bundeswehr gegen die Schneemassen. Sie schaufeln und schaufeln: auf dem Dach der Turnhalle die Feuerwehr, gegenüber auf der Watzmann-Therme die Gebirgsjäger ‒ ein gefährlicher Job, wie Stabsfeldwebel Andreas Schuchart sagt: „Das Problem ist, dass wir ein großes Flachdach haben, wo wir die Soldaten nur schwierig sichern können. Es ist ein Blechdach ‒ sehr rutschig.“

Schon seit Tagen gefährdet die Last des Schnees nicht nur die Bäume und damit die Straßen, sondern noch viel mehr die Dächer. Die Last könnte zu groß werden ‒ Einsturzgefahr. Das Unglück von Bad Reichenhall, nur 20 Kilometer von Berchtesgaden entfernt, ist unvergessen. Im Januar 2006 starben dort 15 Menschen, als die Eishalle unter Schneemassen zusammenbrach. Im Touristenort Berchtesgaden war die Eishalle eines der ersten Gebäude, dessen Dach geräumt wurde.

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Mehr als 450 Dächer müssen den Behörden zufolge im Katastrophengebiet freigeschaufelt werden, rund 100 sind geschafft. Ein Dach dauere im Schnitt vier Stunden, sagt der örtliche Einsatzleiter Süd Anton Brandner. Es wird ein Kampf gegen die Zeit. Nur kurz gibt es eine Verschnaufpause mit etwas Sonne ‒ in der Nacht zum Sonntag kommt wieder ein Tief mit Regen oder Schnee. So oder so: noch mehr Last für die Dächer.

Rund 170 bis 250 Kilogramm pro Quadratmeter lägen auf den Dächern, sagt der Sprecher des Landratsamtes, Andreas Bratzdrum. Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp (CSU) spricht sogar von 450 Kilogramm im Extremfall oberhalb der Stadt, wo er wohnt. Das Problem sei nicht die Schneemenge. „Wir haben immer viel Schnee.“ Doch es sei sehr viel in kurzer Zeit gekommen, und der Schnee sei nass und schwer. Zur Pressekonferenz lässt sich Bürgermeister Rasp entschuldigen: Er steht auf dem Dach seines eigenen Hauses. Und schaufelt.

Info

Zur Sache

Ein Meter Neuschnee erwartet

Für das Wochenende kündigt sich der nächste Schnee an. In den Alpen und im Bayerischen Wald sollen es bis Sonnabendvormittag erneut fünf bis zehn Zentimeter werden. In der Mitte und dem Süden Deutschlands sind ‒ wenn überhaupt ‒ nur wenige Zentimeter Neuschnee zu erwarten, sagte der Deutsche Wetterdienst am Freitag in Offenbach.

Die Schneefallgrenze steige aber stetig und soll bis Sonntag meist auf über 1000, im Süden auch auf bis zu 1500 Meter steigen hieß es. Bis Montagabend sinkt sie laut DWD deutschlandweit wieder ‒ im Nordosten bis in tiefe Lagen, im Süden bis auf etwa 600 Meter.

Bis Dienstagmorgen sind so an den Alpen oberhalb von 800 Metern 30 bis 70 Zentimeter, in exponierten Lagen ist sogar bis zu ein Meter Neuschnee zu erwarten. „Eine grundsätzliche Änderung der Großwetterlage ist zumindest mal bis Mitte kommender Woche nicht in Sicht“, sagte ein Wetter-Experte des DWD.

In den meisten Teilen Deutschlands gibt es statt Schnee nur windiges und nasses Wetter bei Temperaturen von zwei bis sieben Grad. In der Nacht zum Montag lockert es laut DWD im Norden ein wenig auf, sonst weitere Niederschläge. Mit fünf bis ein Grad bleibe es meist frostfrei, im höheren Bergland und an den Alpen werden Temperaturen von ein bis minus drei Grad erwartet. In freien Lagen kann es zu stürmischen Böen kommen, an der See und im Bergland mitunter zu schweren Sturm- und orkanartige Böen.

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