Berlin

Ausreisebewegung des Sommers 1989 stellte die DDR vor ihre finale Zerreißprobe

Berlin. Überquellende Briefkästen, mit Kurznachrichten vollgeschriebene Papierrollen an Wohnungstüren, Stille im Treppenhaus: keine Stimmen, kein Getrappel von Kinderfüßen. Wer im Sommer 1989 in der DDR, in der es nur wenige private Telefonanschlüsse gab, einen der üblichen Spontan-Besuche unternehmen wollte, stand häufig vor verschlossenen Türen.
19.08.2014, 00:00
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Von Peter Gärtner

Überquellende Briefkästen, mit Kurznachrichten vollgeschriebene Papierrollen an Wohnungstüren, Stille im Treppenhaus: keine Stimmen, kein Getrappel von Kinderfüßen. Wer im Sommer 1989 in der DDR, in der es nur wenige private Telefonanschlüsse gab, einen der üblichen Spontan-Besuche unternehmen wollte, stand häufig vor verschlossenen Türen. Daran war in den heißen August-Wochen vor 25 Jahren nicht nur die Ferienzeit schuld, sondern vor allem die Ausreisebewegung.

Schon im Frühsommer kehrten Zehntausende Menschen dem SED-Staat legal den Rücken. Doch trotz dieses von den Machthabern geöffneten Ventils blieb der Kessel unter Dampf. Ein erfolgreicher Ausreise-Antrag zog im Freundes- und Bekanntenkreis zwei, drei neue nach sich. „Der Bazillus des Weggehens“ habe, notierte der Wittenberger Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer, „ganze Familien und Gruppen erfasst“. Das hatte drastische Folgen für das gesellschaftliche Leben: Gaststätten mussten vorübergehend schließen, weil Kellner und Köche nicht zur Arbeit erschienen. In manchen Gegenden war die ärztliche Versorgung gefährdet.

Durch den Ostblock wehte ein Wind des Wandels, besonders stark war er in Polen und Ungarn zu spüren. Dagegen hatte der SED-Chefideologe Kurt Hager Gorbatschows Perestroika für die DDR kategorisch ausgeschlossen: „Würden Sie“, fragte er spöttisch, „wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ Erich Honecker sprach nun auffallend oft von einem eigenen Weg, vom „Sozialismus in der Farben der DDR“.

Immer mehr Übersiedler beklagten in der Bundesaufnahmestelle in Berlin-Marienfelde neben politischem Druck und Konsumgütermangel die Perspektivlosigkeit der DDR-Gesellschaft. „Im Rückblick wird man sagen müssen“, schreibt Hans Otto Bräutigam, einst Bonner Abgesandter in Ost-Berlin, in seinem Buch „Ständige Vertretung“, dass mit Honeckers Abgrenzungskurs gegenüber der Sowjetunion „der Weg der DDR in eine politische und wirtschaftliche Isolierung“ begann.

Immer mehr Menschen rechneten nicht mehr mit Veränderungen im SED-Staat; für viele gab es kein Halten mehr.Sie machten sich auf den Weg in Richtung Plattensee. Ungarn war für DDR-Bürger, die keine West-Mark besaßen, ein teures Urlaubsland, der erlaubte Umtauschsatz rasch aufgebraucht. Im August 1989 harrten über 200 000 Ostdeutsche zwischen Budapest und Balaton aus. Als Österreicher und Ungarn sich am 19. August im grenznahen Sopron zum „Paneuropäischen Picknick“ trafen, reisten auch Hunderte DDR-Bürger an. Sie nutzen das Fest zur größten Massenflucht seit dem Mauerbau.

Dass der Eiserne Vorhang sich so einfach heben ließ, sprach sich wie ein Lauffeuer herum. Mangels Visum oder Geld strandeten viele Deutsche mit DDR-Pass in der Tschechoslowakei. Die bundesdeutsche Botschaft in Prag musste am 22.August wegen Überfüllung geschlossen werden; die Botschaft in Budapest hatte bereits am 14. August ihre Tore dichtgemacht. In der DDR entwickelte sich eine „entsetzliche Zerreißprobe“ – so beschreibt es Schorlemmer – zwischen Bleiben und Gehen. Die Lücken im Freundes- und Bekanntenkreis wurden im Lauf des Sommers immer größer. Manche verfielen angesichts der menschlichen Verluste in Frust und Lethargie, nicht wenige, die keine Chance auf ein Visum mehr hatten, reisten innerhalb der Republik an Sehnsuchtsorte an der Ostsee mit jenem Weitblick, den die Grenzanlagen anderswo versperrten. Wiederum andere wie Manu K. verkrafteten die Ausreise nicht und kehrten wenige Monate später in die da noch existierende DDR zurück. Am 1. September endeten für alle die Sommerferien. Es war der Stichtag für die meisten Fluchtwilligen; denn spätestens dann fiel das Fehlen am Arbeitsplatz auf.

Innerhalb der aufstrebenden DDR-Opposition war die Ausreisebewegung heftig umstritten. Der Historiker Stefan Wolle erinnerte kürzlich daran, wie die „Ausreiser“ oft zu „Egoisten“ abgestempelt wurden, die Oppositionellen seien hingegen die Idealisten gewesen. Der einstige Regimegegner sah sich selbst im Zwiespalt, „weil wir ja auch für die Freiheit eintraten“. Es sei oft schmerzhaft und bitter gewesen, dass damals Leute weggingen, „die wir alle dringend gebraucht hätten“. Denn es sei in der Vergangenheit eine übliche SED-Strategie gewesen, „Widerstandspersonal in den Westen abzuschieben“. Nur wenige Wochen später sollte sich zeigen, dass auch diese Methode die friedliche Revolution nicht mehr aufhalten konnte.

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