Mehr als 160 Festnahmen in Deutschland und Italien

Behörden heben Mafia-Kartell aus

Ermittlungen gegen die mächtige Mafiavereinigung 'Ndrangheta zeigen den bitteren Beigeschmack: Im Geschäft mit italienischen Lebensmitteln hat wohl die Mafia ihre Finger im Spiel.
10.01.2018, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Lena Klimkeit und Jan Brinkhus
Behörden heben Mafia-Kartell aus

Der Screenshot aus einem Video der italienischen Gendarmerie zeigt Carabinieri am frühen Morgen des 9. Januar bei einer Razzia gegen den 'Ndrangheta-Clan Farao-Marincola in Italien.

dpa

Pizza, Wein und Fisch lassen auch in Deutschland ein Gefühl von italienischem „Dolce Vita“ aufkommen. Ermittlungen gegen die mächtige Mafiavereinigung 'Ndrangheta zeigen den bitteren Beigeschmack: Im Geschäft mit italienischen Lebensmitteln hat wohl die Mafia ihre Finger im Spiel.

Bei einer Razzia sind in Deutschland und Italien mehr als 160 Verdächtige festgenommen worden. In Deutschland wurden elf Männer im Alter von 36 bis 61 Jahren gefasst – betroffen waren Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen, wie das Bundeskriminalamt (BKA) am Dienstag in Wiesbaden mitteilte. Es geht unter anderem um Erpressung und Geldwäsche. Den italienischen Carabinieri zufolge wird insgesamt gegen 169 Verdächtige wegen zahlreicher krimineller Aktivitäten ermittelt.

Die von den Carabinieri geführte Aktion richtet sich gegen den 'Ndrangheta-Clan Farao-Marincola, der im süditalienischen Kalabrien beheimatet ist. Die italienischen Ermittler hatten bei den deutschen Behörden um Rechtshilfe gebeten. Gegen die in Deutschland Festgenommenen lagen dem BKA zufolge EU-Haftbefehle vor. „Die Gruppierung aus der kalabrischen Gemeinde Cirò gilt als übergeordnete Gruppierung mit großem Einfluss über die benachbarten Regionen hinaus“, teilte das BKA mit. Ermittelt werde gegen sie unter anderem wegen versuchten Mordes, Erpressung, Geldwäsche, internationaler Kfz-Verschiebung sowie illegalen Handels und Verschiebung von Müll.

„Radikale“ Kontrolle

Dem Clan war es den Carabinieri zufolge gelungen, mit Mafia-Methoden Einfluss auf bedeutende italienische Wirtschafts- und Handelszweige zu nehmen und diese „radikal“ unter seine Kontrolle zu bringen. Den Gewinn aus Geschäften wie etwa Herstellung und Verkauf von Fisch, Wein und Backwaren habe sie unter anderem in Norditalien und in Deutschland investiert, erklärte das BKA. Die Verhaftungen seien „ein wichtiger Erfolg gegen die Unterwanderung unserer Wirtschaft“, teilte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) mit. „Wir lassen es nicht zu, dass kriminelle Organisationen wie die ‚Ndrangheta Deutschland als Rückzugs- und Investitionsraum nutzen und hier ihr kriminelles Geschäft erledigen.“

„Operative Zellen“ in Deutschland

Die Carabinieri gaben an, die Ermittlungen hätten ein weitverzweigtes Netz von Gewerbetreibenden aufgedeckt, die in die Mafia-Aktivitäten verwickelt seien oder die Kriminellen zumindest gewähren ließen. In Deutschland habe der Clan „operative Zellen“ in Frankfurt, Wiesbaden, München und Stuttgart gehabt, von wo aus unter anderem das Geschäft mit Wein, Molkerei-Produkten und Öl organisiert worden sei. Der Clan habe etwa kalabrische Restaurants dazu gebracht, Weinprodukte lediglich von Unternehmen anzukaufen, die von der kriminellen Vereinigung kontrolliert wurden.

Dem Bundeskriminalamt zufolge ist Deutschland für Mitglieder der Mafia vor allem ein Flucht- und Rückzugsort. Aktiv führe sie dort Geschäfte und Investitionen durch, insbesondere in der Immobilien- und Gastronomie-Branche. Morde wie im Jahr 2007 in Duisburg, als sechs Mafiosi vor einem Restaurant erschossen wurden, gelten als Ausnahme. Die Organisationen agieren in Deutschland eher im Hintergrund und versuchen, nicht in den Fokus der Öffentlichkeit zu geraten.

Anders als in Italien gibt es in Deutschland keine strengen Anti-Mafia-Gesetze. Dort ist schon die Mitgliedschaft in einer mafiösen Organisation eine Straftat – in Deutschland dagegen nicht. Experten wie die italienische Politikerin Laura Garavini werten es als Erfolg, dass kürzlich immerhin das deutsche Recht der Vermögensabschöpfung reformiert wurde. Dass kriminell erwirtschaftetes Vermögen aus Mafia-Besitz in der Vergangenheit nicht einfach eingezogen werden konnte, haben sich die Organisationen lange zunutze gemacht.

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