Explosionen in Beirut

Trümmerfeld am Hafen

Die Explosionen im Hafen von Beirut forderten mehr als 100 Tote, 4000 Verletzte und 300.000 Obdachlose. Ein schwerer Schlag für den ohnehin gebeutelten Staat und die stark belastete libanesische Wirtschaft.
06.08.2020, 05:00
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Trümmerfeld am Hafen
Von Birgit Svensson
Trümmerfeld am Hafen

Ein ganzes Areal liegt in Trümmern. Eine massive Explosion erschütterte das Hafengebiet von Beirut.

Hussein Malla /AP /dpa

Die Dementis kamen prompt. „Wir haben nichts damit zu tun“, sagten die Israelis. „Wir auch nicht“, sagte die Hisbollah nur wenige Stunden nach den beiden verheerenden Explosionen im Hafen von Beirut am Dienstagabend. Immer wenn es im Libanon brennt, werden die beiden Kontrahenten sofort als Drahtzieher vermutet. Da Israel und die Hisbollah sich bereits zwei Kriege im Libanon lieferten (1982 und 2006), lag die Vermutung nahe, dass auch dieses Mal die Spannungen zwischen den beiden schuld an den Explosionen sind. Doch schon am Abend sagten Bombenexperten, ein derartiges Ausmaß könne Sprengstoff wie TNT nicht verursachen. Jetzt stellt sich heraus, die mutmaßlichen Bomben waren 2750 Tonnen Ammoniumnitrat, die explodierten. Über 100 Tote und etwa 4000 Verletzte sind die Folge.

Sichtlich betreten stellte sich Premierminister Hassan Diab vor die Mikrofone und verlangte, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Es sei „unvertretbar“, dass eine derartige Ladung in einer Halle am Hafen gelagert worden sei – über sechs Jahre hinweg, ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen. Den Mittwoch erklärte er zum landesweiten Tag der Trauer. Bereits vor dem Regierungschef hatte Sicherheitschef Abbas Ibrahim im libanesischen Fernsehen gemutmaßt, dass „vor Jahren konfisziertes Sprengmaterial“ Auslöser der gewaltigen Explosionen gewesen sein könnte.

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Dem Vernehmen nach hatten die libanesischen Behörden 2013 einem Frachtschiff die Weiterfahrt wegen verschiedener Mängel untersagt, es war von Georgien ins südafrikanische Mosambik unterwegs. Der Crew wurde nach einem juristischen Streit die Ausreise genehmigt, das Schiff blieb mit der gefährlichen Ladung zurück. Ammoniumnitrat, das auch zur Herstellung von Sprengsätzen verwendet wird, kann bei höheren Temperaturen explodieren. Die Substanz dient vor allem zur Herstellung von Düngemitteln, aber auch zum Raketenantrieb. Im Libanon und in der gesamten Region ist es derzeit sehr heiß mit Temperaturen um die 50 Grad Celsius im Schatten. Da genügt eine Glasscherbe, um ein Feuer zu entfachen.

Auch am Morgen nach den Explosionen steht noch immer eine Rauchwolke über der Stadt. Die Straßen der libanesischen Hauptstadt gleichen einem Trümmerfeld. Bis nach Zypern sei die Detonation zu hören gewesen, berichten Augenzeugen von dort. In den Zufahrtsstraßen zum Hafen in Beirut spielen sich derweil katastrophale Szenen ab. Wer in Hafennähe wohnt, hat jetzt kein Zuhause mehr. 300.000 Menschen seien obdachlos geworden, sagt der Generalsekretär des libanesischen Roten Kreuzes, George Kettaneh. Unter den Obdachlosen sind auch der Nahostkorrespondent des Spiegel, Christoph Reuter, und sein Kollege von der FAZ, Christoph Erhardt.

Noch immer sterben Menschen an den Folgen ihrer Verletzungen

Die beiden Deutschen und ihre Familien sind unversehrt geblieben, ihre Wohnungen wurden aber durch die enorme Druckwelle komplett zerstört, wie Reuter am Telefon sagt. Auch sein Auto, das vor der Tür des Wohnhauses geparkt war, habe jetzt Totalschaden. Die Straßen Beiruts sind mit Glas bedeckt. Noch immer sterben Menschen an den Folgen ihrer Verletzungen. Die Krankenhäuser stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen, Bürger sind aufgerufen, Blut zu spenden. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin wurden auch Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Beirut verletzt. Das Gebäude, in dem sich die diplomatische Vertretung befindet, sei ebenfalls beschädigt worden.

Frankreich, Libanons ehemalige Kolonialmacht, reagierte schnell und schickte schon Hilfstrupps nach Beirut. Diesen Donnerstag will Staatspräsident Emmanuel Macron dorthin reisen. Sie seien in eine Kriegszone gekommen, sagte Feuerwehrmann Yael Lecras im französischen Nachrichtensender France24 kurz nach seiner Ankunft im Libanon als erste Reaktion. Der Zugang zum Hafen sei verwüstet, ein einziges Trümmerfeld. Dabei ist gerade der Hafen die Lunge Beiruts und des gesamten Landes. Da der Libanon selbst wenig produziert, muss alles eingeführt werden, um die sechs Millionen Einwohner zu versorgen.

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80 Prozent der Güter im Land werden über den Hafen verteilt. Erst in den vergangenen Tagen sind erhebliche Mengen an Weizen gelöscht worden. Der sei jetzt verbrannt oder ungenießbar, wie aus der libanesischen Landwirtschaftsbehörde zu erfahren ist. Zu den ersten Ländern, die Unterstützung zusagten, gehören die Nachbarn. Katar will Feldlazarette zur Versorgung von Tausenden Verletzten schicken. Kuwait sagt die Entsendung medizinischer Nothilfe zu. Jordaniens Außenminister Aiman Safadi erklärt, sein Land sei zu jeder Hilfe bereit. Auch Israel hat Hilfe angeboten.

Libanon ist gebeutelt wie kein anderer Staat in der Region

Denn Unterstützung braucht das kleine Land am Mittelmeer jetzt dringender denn je. Libanon ist gebeutelt wie kein anderer Staat in der Region. Die Last der Flüchtlinge durch den Syrienkrieg wiegt schwer. Korruption und Vetternwirtschaft vertiefen sich. Aus Protest dagegen gingen Tausende Libanesen auf die Straße, Generalstreiks legten tagelang die Wirtschaft lahm. Die Regierung trat zurück, ein neues Kabinett musste gefunden werden. Inzwischen gilt der Levante-Staat als pleite. Beirut kann seinen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Seit dem vergangenen Oktober hat das libanesische Pfund 60 Prozent seines Wertes verloren.

Die Inflation bereitet der neuen Regierung unter Hassan Diab, einem ehemaligen Wirtschaftsprofessor der Universität Beirut, massive Probleme. Bereits im März hatte er erklärt, sein Land könne fällige Staatsanleihen nicht zurückzahlen. Ende April bat Beirut den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Hilfe. Die Gespräche laufen noch. Der IWF geht davon aus, dass die durch das Coronavirus zusätzlich belastete libanesische Wirtschaft in diesem Jahr um zwölf Prozent schrumpfen wird. Bereits jetzt leben offiziellen Angaben zufolge rund 45 Prozent der Bürger unterhalb der Armutsgrenze. Viele Libanesen klagen, dass sie wegen der hohen Preissteigerungen ihre Familien nicht mehr ernähren können. Und jetzt das.

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