Demonstration gegen Antisemitismus Berlin trägt Kippa

Nach dem Angriff auf einen Israeli in Berlin, hat die jüdische Gemeinde nun zu der Kundgebung „Berlin trägt Kippa“ aufgerufen. Auch in anderen Städten wollen Menschen gegen Antisemitismus und Rassismus demonstrieren.
24.04.2018, 22:33
Lesedauer: 3 Min
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Von Anne-Beatrice Clasmann

Vor einer Solidaritätskundgebung in mehreren deutschen Städten hat der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, erneut Juden davor gewarnt, sich in Großstädten öffentlich mit einer Kippa zu ihrer Religion zu bekennen. „Trotzig bekennen wäre im Prinzip der richtige Weg“, sagte Schuster am Dienstag dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). „Trotzdem würde ich Einzelpersonen tatsächlich davon abraten müssen, sich offen mit einer Kippa im großstädtischen Milieu in Deutschland zu zeigen.“

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Hintergrund ist ein Angriff auf einen Israeli vor einer Woche in Berlin. Die Jüdische Gemeinde in der Hauptstadt hat deshalb für diesen Mittwochabend um 18 Uhr zu der Kundgebung „Berlin trägt Kippa“ aufgerufen. Auch vor dem Kölner Dom, in Potsdam und in Erfurt wollen Menschen gegen Antisemitismus demonstrieren. Mit Blick darauf sagte Schuster, wenn es nicht gelinge, offenem Antisemitismus entgegenzutreten, sei die Demokratie in Gefahr. „Denn es geht nicht nur um Antisemitismus, damit einher geht auch Rassismus, damit einher geht auch Fremdenfeindlichkeit. Hier bedarf es eines klaren Stoppschildes.“

„Demokratie leben“ wird verlängert

Familienministerin Franziska Giffey (SPD) kündigte an, das auf Antisemitismus abzielende Programm „Demokratie leben“ verlängern und ausbauen zu wollen. Dies sei vergangene Woche mit dem Bundesfinanzministerium vereinbart worden, sagte Giffey. Sie habe es unverantwortlich gefunden, dass das Programm Ende 2019 hätte auslaufen sollen. Es brauche Projekte, die helfen, die Auswirkungen weltpolitischer Konflikte auch auf dem Schulhof zu bewältigen.

In der vergangenen Woche waren ein 21-jähriger Israeli und sein Freund im Stadtteil Prenzlauer Berg mit Kippa unterwegs, der traditionell jüdischen Kopfbedeckung. Auf der Straße wurden sie von drei arabisch sprechenden Männern antisemitisch beschimpft. Einer der Männer schlug mit einem Gürtel auf den 21-Jährigen ein. Gegen den mutmaßlichen Täter erging Haftbefehl. Es handelt sich um einen Palästinenser aus Syrien, der seit 2015 in Deutschland lebt.

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Seitdem meldeten sich mehrere Menschen gegen Antisemitismus zu Wort. Frankfurts Bürgermeister Uwe Becker (CDU) kündigte an, am 14. Mai, dem Tag der Staatsgründung Israels, eine Kippa tragen zu wollen. Die Anwältin und Gründerin einer liberalen Moschee in Berlin, Seyran Ates, unterstützt online einen Aufruf: Unter dem Schlagwort #WirsindauchJuden posten Menschen Bilder, auf denen sie Kippa tragen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte nach dem Vorfall neue Formen des Antisemitismus beklagt. Es gebe neue Phänomene, indem Flüchtlinge oder Menschen arabischen Ursprungs eine andere Form von Antisemitismus ins Land brächten, sagte sie dem israelischen Nachrichtensender „Channel 10 News“. Antisemitismus habe es aber auch schon vor Ankunft vieler Flüchtlinge in Deutschland gegeben.

Kauder sieht auch Schulen gefordert

Der Unions-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder (CDU) kündigte ein konsequentes Vorgehen gegen antisemitische Übergriffe an. „Wer im diesem Land leben will, muss dies akzeptieren: Dass bei uns niemand wegen seiner Religion, wegen seiner Hautfarbe attackiert wird“, sagte Kauder. „Da kann es keine Toleranz geben.“ Das Thema müsse gerade auch an Schulen viel intensiver bearbeitet werden. Zwar begrüße er es, dass sich auch die muslimischen Verbände gegen Antisemitismus ausgesprochen haben. Allerdings werde noch immer in Moscheen entsprechend über Juden geredet. Nun müsse man sehen, ob die muslimischen Verbände das in den Griff bekämen. „Natürlich erwarte ich auch von unserem Staat, dass er so etwas in Moscheen unterbindet“, sagte Kauder.

CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt reagierte unterdessen mit Unverständnis auf die Vergabe des Echo-Musikpreises an die Rapper Kollegah und Farid Bang. Gewaltverherrlichung oder Frauenverachtung habe nichts mit Kunst zu tun, sondern mit Hetze, sagte Dobrindt am Dienstag. „Nicht alles, was Mist ist, ist auch Kunst.“ Würden diese Texte in den sozialen Netzwerken geschrieben stehen, würde gegen die Autoren wegen Hetze vorgegangen. Der CSU-Politiker sagte, man müsse darüber nachdenken, ob man solche Überschreitungen in der Kunst ähnlich regulieren sollte wie in den sozialen Netzwerken.

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Wie das Bielefelder „Westfalen-Blatt“ berichtet, droht den Rappern Kollegah und Farid Bang ein Verfahren wegen Volksverhetzung. Ein Mann aus Hamburg habe bei der Polizei Gütersloh Strafanzeige gegen die Musiker und den Vorstandschef der Bertelsmann-Tochter BMG, Hartwig Masuch, gestellt.

Antisemitische Vorfälle in Deutschland machen seit Wochen verstärkt Schlagzeilen – so auch jener in Kleve am Niederrhein, wo Unbekannte eine jüdische Gedenkstätte mit antisemitischen Parolen beschmiert hatten. Nach Angaben der Polizei in Nordrhein-Westfalen schrieben die Täter mit einem weißen Stift einen volksverhetzenden Text auf die Messingtafel der Gedenkstätte. „Es waren klar gegen Juden gerichtete Äußerungen“, sagte ein Polizeisprecher.

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