Landgericht mildert Urteil ab: 32-Jähriger zu einem Jahr und acht Monaten für Unfall in Pennigbüttel verurteilt Bewährungsstrafe für Todesfahrer

Osterholz-Scharmbeck. Dreieinhalb Jahre nach dem Tod einer 18-Jährigen auf der Pennigbütteler Straße ist der Unfallverursacher gestern vom Landgericht Verden wegen fahrlässiger Tötung zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnis verurteilt worden. Die fünfte große Strafkammer reduzierte die Strafe, die das Amtsgericht Osterholz-Scharmbeck im Juli 2013 ausgesprochen hatte, um ein halbes Jahr und setzte sie zur Bewährung aus.
14.04.2016, 00:00
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Von Angelika Siepmann

Dreieinhalb Jahre nach dem Tod einer 18-Jährigen auf der Pennigbütteler Straße ist der Unfallverursacher gestern vom Landgericht Verden wegen fahrlässiger Tötung zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnis verurteilt worden. Die fünfte große Strafkammer reduzierte die Strafe, die das Amtsgericht Osterholz-Scharmbeck im Juli 2013 ausgesprochen hatte, um ein halbes Jahr und setzte sie zur Bewährung aus. Vom Vorwurf der Unfallflucht wurde der mehrfach vorbestrafte Mann auch in zweiter Instanz freigesprochen.

Als die vorsitzende Richterin Andrea Ramsauer das Strafmaß verkündete, brach die Mutter des Opfers in Tränen aus. Die 43-Jährige, die dem Prozess als Nebenklägerin beiwohnte, hielt es nicht mehr auf ihrem Platz. Sie verließ den Saal und hörte nicht mehr, wie Ramsauer die Entscheidung begründete und betonte: „Keine Strafe kann das, was passiert ist, ungeschehen machen. Mehrere Leben sind stark beeinträchtigt worden.“ Die Kammer blieb unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die wegen fahrlässiger Tötung und unerlaubten Entfernens vom Unfallort eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten verlangt hatte – und damit auch noch zwei Monate weniger, als das Amtsgericht verhängt hatte.

Die Anklage hatte allerdings im ersten Prozess nur ein Jahr und drei Monate beantragt. Darauf verwies der Verteidiger des Angeklagten, der sich seinerzeit der Staatsanwaltschaft angeschlossen hatte, diesmal aber auf einen konkreten Antrag verzichtete. Einer der beiden Nebenklägervertreter erklärte, es müsse mindestens eine Strafe von zweieinhalb Jahren geben.

Der Angeklagte hatte beim Amtsgericht ein Geständnis abgelegt. Nun machte der Unfallverursacher jedoch keine Angaben zur Sache. Nachdem sowohl er als auch die Staatsanwaltschaft gegen das erst-instanzliche Urteil Rechtsmittel eingelegt hatten, waren Termine für die fällige Berufungsverhandlung einige Male an- und wieder abgesetzt worden. Auch gestern ging es zunächst wieder um die Verhandlungsfähigkeit des sechsfachen Vaters. Diese sei wiederum nicht gegeben, behauptete der Verteidiger, der zuvor schon vehement gegen die fotografierenden und filmenden Pressevertreter gewettert hatte. Sein Mandant saß dann später die ganze Zeit tief gebeugt, das Gesicht zum Teil mit einer Kapuze verdeckt, auf der Anklagebank.

Während die Amtsärztin des Landkreises Verden ihr Gutachten zur Verhandlungsfähigkeit erstattete, war die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Die Kammer hatte einem entsprechenden Antrag des Verteidigers stattgegeben. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft und die Nebenklägervertreter hatten sich gegen einen Ausschluss ausgesprochen. Mit dem Antrag auf ein neues Gutachten durch einen anderen Sachverständigen kam der Bremer Anwalt allerdings nicht durch. Die Untersuchungsergebnisse und Ausführungen Dr. Jutta Dreyers seien „schlüssig, nachvollziehbar und nicht anzuzweifeln“, so die Richterin.

Sie berief sich später in ihrer Urteilsbegründung auf die fünf vernommenen Zeugen und vor allem auf die Erläuterungen des Verkehrssachverständigen zu den ermittelten Umständen des Unfalls. Dabei war die 18-Jährige am frühen Abend des 17. November 2012 ums Leben gekommen – nur etwa 200 Meter vom Haus der Familie entfernt. Der Gutachter Thomas Oberländer (Hamburg) erklärte, der schwere Geländewagen, den der Angeklagte fuhr, müsse zum Zeitpunkt der Kollision mindestens 90 Stundenkilometer auf dem Tacho gehabt haben. In dem Wohngebiet war Tempo 50 erlaubt. Nach der Spurenlage habe der Audi das junge Mädchen, das gerade die Straße betreten hatte, „frontal erfasst“ und „mitgeschleift“. Der Sachverständige sprach von einer „Endlage“ des Opfers etwa 90 Meter nach der Kollision. Der Unfall sei bei angepasster Geschwindigkeit „vorhersehbar und vermeidbar“ gewesen.

Der heute 32-Jährige, der mit dem vierjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin unterwegs war, war einigen Zeugen zuvor schon durch sein rücksichtsloses Fahrverhalten aufgefallen. So war von sehr dichtem Auffahren und riskanten Überholmanövern die Rede. Das Gericht sprach von einem „extremem Sorgfaltsverstoß“. Man könne aber nicht ausschließen, dass der Mann sich nach dem Unfall in einer Art Schockzustand und damit im Zustand der Schuldunfähigkeit befunden habe. Daher sei er nicht wegen Verkehrsunfallflucht zu verurteilen.

Der Angeklagte war noch etwa 600 Meter weitergefahren, hatte den Wagen dann an einem dunklen Platz bei einer Bäckerei abgestellt und war zum Unfallort zurückgegangen. Dort waren schon Polizei und Rettungskräfte eingetroffen. Der Notarzt hatte nur noch den Tod der 18-Jährigen feststellen können.

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