Kommentar über den Schattenpräsidenten

Biden stößt in Trumps Lücke

Die Parteistrategen haben erkannt, dass sie Biden nicht mehr als "Präsident des Übergangs” verkaufen können, sondern als einen, der grundlegende Reformen anbietet, meint Thomas Spang.
04.06.2020, 05:00
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Biden stößt in Trumps Lücke
Von Thomas Spang
Biden stößt in Trumps Lücke

Mit einer Art “Rede an die Nation” im Rathaus von Philadelphia erinnerte Joe Biden die Amerikaner daran, wie man eine Nation in Zeiten des Aufruhrs zusammenbringen kann.

MATT ROURKE

Amerika droht in den Modus einer Dauerkrise zu geraten. Die Covid-19-Pandemie kommt nicht unter Kontrolle, sie hat bereits mehr als 100 000 Menschenleben gefordert. Mit mehr als 40 Millionen Arbeitslosen haben die wirtschaftlichen Probleme gerade erst angefangen. Und die Massenproteste in Amerikas Städten nach dem Tod von George Floyd werden von einer so tiefsitzenden Wut über strukturellen Rassismus angetrieben, das kein schnelles Ende zu erwarten ist.

Eine Pandemie wie 1918, Unruhen wie 1968 und Wirtschaftsprobleme wie 2008 – so viele Krisenherde auf einmal brannten noch nie in den USA. Und nie zuvor gab es so wenig Führung aus dem Weißen Haus. In diese Lücke stößt nun Joe Biden hinein, der nach Siegen bei den Vorwahlen am Dienstag in Indiana, Rhode Island, Maryland, New Mexico, Montana, Pennsylvania, South Dakota und dem District of Columbia kurz davor steht, die Nominierung seiner Partei auch formal im Sack zu haben.

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Mit einer Art “Rede an die Nation” im Rathaus von Philadelphia erinnerte Biden die Amerikaner daran, wie man eine Nation in Zeiten des Aufruhrs zusammenbringen kann. Mit ruhiger Hand nimmt der 77-Jährige die Schutzmaske vor seinem Gesicht ab. “Ich kann nicht atmen,” sagt er mit entschlossenem Blick in die Kamera und erinnert dann daran, dass dies die letzten Worte Floyds waren. Dann schlägt er eine assoziative Brücke zwischen dem Covid-19-Erreger, der den Opfern die Luft nimmt, und der Pandemie des Hasses.

“Ich kann nicht atmen” sei das, was Millionen Amerikaner nicht in ihren letzten Momenten, sondern in ihrem Alltag erlebten. Es sei Zeit, darauf zu hören. So klingen die Worte eines Präsidenten, der die Nation angesichts einer historisch beispiellosen Doppelkrise tröstet, aufbaut und führt. Doch sie kommen nicht aus dem Mund des Amtsinhabers, sondern seines Herausforderers. Trump ist nicht nur abwesend, sondern gießt Öl ins Feuer. Er macht das lebensrettende Tragen von Masken während der Pandemie zu einem Politikum und droht das Militär gegen Amerikaner einzusetzen, die grundlegende Veränderungen im Land fordern.

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Zurück bleibt ein Vakuum, das gefüllt werden muss. Diese Erkenntnis dämmert auch im Beraterkreis des designierten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten. Zum Beispiel Senator Chris Coons aus Bidens Heimatstaat Delaware, der den Stellvertreter des ersten schwarzen Präsidenten im Weißen Haus einzigartig auf diesen Moment vorbereitet sieht. Coons wünscht sich deshalb mehr Auftritte von Biden in der Öffentlichkeit.

Zum Beispiel in Minneapolis, dem Epizentrum der Bürgerrechtsproteste, wo Floyd unter dem Knie eines weißen Polizisten einen qualvollen Tod starb. Sicher ist, dass Biden auf Einladung der Familie kommenden Dienstag nach Houston reisen wird, um an der Beerdigung teilzunehmen. Eine unübersehbare Geste. Trumps Unfähigkeit zur Empathie kann Biden ebenfalls für sich nutzen. Er tat es, als er in den vergangenen Tagen vorsichtig aus der Quarantäne auftauchte.

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Er besuchte den Schauplatz nächtlicher Proteste in Wilmington, traf sich am Montagabend mit der Gemeinde der schwarzen “Bethel A. M. E. Church” und richtete sich am Dienstag aus Philadelphia an die Nation. Es war der Ort, an dem Barack Obama seine große Rede über das Rassenverhältnis hielt. Doch mit Reden allein ist es vor allem für die jungen Aktivisten nicht getan. Sie erwarten mehr von Mann, dessen Kandidatur die Afroamerikaner mit dem politischen Wunder am sogenannten Super-Dienstag gerettet haben.

Jetzt sei es an ihm, dem schwarzen Amerika in der Doppelkrise aus Pandemie und Polizeigewalt zu helfen. Die Parteistrategen haben erkannt, dass sie Biden im Moment nicht als "Präsident des Übergangs” verkaufen können, sondern als einen, der grundlegende Reformen anbietet. Er scheint zu verstehen, dass er die Stimmung auf der Straße aufnehmen, kanalisieren und für Veränderungen nutzen muss. Deshalb kehrt er nicht als Kandidat, sondern als Schattenpräsident in das öffentliche Leben zurück.

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