Kommentar über Präsident Bolsonaro

Die Folgen der Ignoranz

Sollte Bolsonaro die Corona-Infektion überstehen, wird er daraus auf alle Fälle politisches Kapital schlagen. Er könnte bei seinen Anhängern den Nimbus der Unbesiegbarkeit stärken, meint Klaus Ehringfeld.
09.07.2020, 07:30
Lesedauer: 3 Min
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Von Klaus Ehringfeld
Die Folgen der Ignoranz

Mit dem Coronavirus infiziert: der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro.

MARCOS CORREA/DPA

Kleinlaut und einsichtig ist Jair Bolsonaro eigentlich nicht. Doch nun hat der sonst so angriffslustige brasilianische Machthaber tatsächlich einen Anflug von Demut gezeigt. „Ich begann, mich am Sonntag ein wenig schlecht zu fühlen“, sagte Bolsonaro in einer improvisierten Pressekonferenz. „Ich muss zugeben, ich hätte nicht gedacht, dass es mich treffen könnte.”

Kurz zuvor hatten die Ärzte ihm die Gewissheit gegeben: Der rechtsextreme brasilianische Präsident hat sich mit dem Coronavirus angesteckt. Es ist die Folge einer monatelang geübten Ignoranz gegenüber der heimtückischen Lungenkrankheit. Seit Ausbruch der Pandemie in seinem Land Ende Februar hat sich der Präsident hartnäckig gegen die Schutzmaßnahmen im Alltag gestellt, verzichtete in der Öffentlichkeit zumeist bewusst auf einen Mund-Nase-Schutz und hat sich trotz steigender Infektionszahlen immer wieder mit seinen Anhängern gezeigt, löste Menschenaufläufe aus und erlaubte Selfies.

Aber der Respekt vor der Erkrankung hielt bei ihm nicht wirklich lange an. Als der erste Schreck überwunden war, schaltete er schon wieder in den Angriffsmodus. Mit Corona sei es wie mit Regen, dozierte er nach der Diagnose. „Irgendwann erwischt er dich.„ Dann nahm er seine Maske ab, ging einen Meter zurück und sagte zu den Reportern: „Schaut in mein Gesicht. Es geht mir gut.“

Es mag ja den einen oder anderen Brasilianer geben, der nun so etwas wie Schadenfreude empfindet. Schließlich hat der Präsident sich bisher gegenüber den annähernd 67 000 Opfern und mehr als 1,6 Millionen infizierten Landsleuten zynisch und menschenverachtend gezeigt. Ihm war das Wohl und Wehe der Bevölkerung stets weniger wert als die Wirtschaft des größten Landes Lateinamerikas. Aber wer jetzt hofft, er werde seine Politik ändern und Corona nicht mehr als „kleine Grippe“ abtun, der dürfte sich getäuscht haben.

Denn Bolsonaro wird versuchen zu zeigen, dass die Erkrankung so harmlos ist, wie er behauptet. Und dass das Malariamittel Hydroxychloroquin wirkt, das er gegen Corona propagiert. Ärzte hingegen bestreiten die Wirksamkeit entschieden. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor ernsten Nebenwirkungen bei dauerhafter Einnahme. Bolsonaro hingegen betonte, er fühle sich nach der Einnahme einer erhöhten Dosis bereits deutlich besser.

Aber was passiert, wenn die Krankheit bei dem 65-Jährigen einen schweren Verlauf nimmt? Schließlich gehört Bolsonaro aufgrund seines Alters und seinen Vorerkrankungen zur Risikogruppe. Zudem litt er bereits unter einer schweren Lungenentzündung, und er leidet immer noch an den Folgen eines Messerattentats im Wahlkampf 2018 durch einen offensichtlich verwirrten Angreifer.

So oder so, wenn er die Krankheit übersteht, wird er daraus auf alle Fälle politisches Kapital schlagen, so wie er es seinerzeit auch nach dem Anschlag im Wahlkampf tat. Er könnte bei seinen Anhängern den Nimbus der Unbesiegbarkeit stärken. Und er könnte ganz nebenbei von den vielen politischen Skandalen ablenken, in die er seit einigen Wochen verstrickt ist und die im Zusammenhang mit dem Rausschmiss von Justizminister Sérgio Moro stehen.

Dieser weigerte sich, Ermittlungen gegen die Söhne des Präsidenten zu stoppen. Bolsonaros ältester Sohn soll in einen Korruptionsskandal während seiner Zeit als Abgeordneter in Rio de Janeiro verwickelt sein. Ein weiterer Sohn hat enge Verbindungen zu Bolsonaro-Anhängern, gegen die wegen Verbreitung von Fake-News ermittelt wird.

Doch all das wird vermutlich in den kommenden Wochen durch das tägliche Bulletin über den Gesundheitszustand des Präsidenten in den Hintergrund gedrängt. Zumal Bolsonaros Umfragewerte kontinuierlich in dem Maße sinken, wie die Zahlen der Toten und Infizierten steigen und seine politischen Skandale publik werden. Aber nach wie vor steht ein Drittel der Bevölkerung hinter dem Staatschef. Und er hat die Unterstützung der Militärs, die inzwischen zehn der 22 Minister des Kabinetts stellen.

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