Kommentar über Verschwörungstheorien

Corona-Leugner brauchen einen Feind

Die Leugner der Corona-Krise brauchen einen Feind, den man für die Folgen der Epidemie verantwortlich machen kann, meint unser Gastkommentator, der Bremer Politikwissenschaftler Lothar Probst.
04.10.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Lothar Probst
Corona-Leugner brauchen einen Feind

Er ist einer der bekanntesten deutschen Verschwörungstheoretiker in Sachen Corona: Attila Hildmann.

Christophe Gateau /dpa

Die Corona-Leugner verschiedener Provenienz finden mit ihren kruden Feindbildern nicht nur in der eigenen Anhängerschaft Gehör. Umfragen bestätigen, dass Verschwörungstheorien in mehr als 25 Prozent der Bevölkerung eine Resonanz finden. Ob Bill Gates, die Merkel-Regierung, die jüdische Weltverschwörung oder geheime Mächte – sie alle wollen das Coronavirus angeblich benutzen, um uns unsere Bürgerrechte zu nehmen und für ihre Pläne gefügig zu machen.

Corona-Leugner brauchen einen Feind, den man für die Folgen der Epidemie verantwortlich machen kann. Der rationale Kern dieses Wunsches liegt in der Natur der Bedrohung. Das Virus ist für die meisten Menschen eine abstrakte Gefahr. Die Ansteckungszahlen, der R-Wert oder die Übersterblichkeitsquote sind statistische Größen. Weder sieht man das Virus, noch stellt es für viele gesunde Menschen – so glaubt man – eine konkrete Bedrohung dar.

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Ein Vergleich von Pandemien und Kriegen macht den Unterschied deutlich. Der Ausgangspunkt von Kriegen, die Interessen der Kriegsparteien und das Kriegsgeschehen, lassen sich politisch und historisch einordnen. Und man kann Verantwortliche benennen: aggressive Mächte, kriegslüsterne Machthaber, selbstorganisierte Milizen.

Beim Corona-Virus jedoch fehlen sowohl ein eindeutig auszumachender Ursprung als auch eine klare Zurechnung der Verantwortung. Der „Feind“ ist unsichtbar und diffus. Für die öffentliche Wahrnehmung und Verarbeitung hat dieser Unterschied erhebliche Folgen. Die Spanische Grippe hat vor etwas mehr als hundert Jahren rund 500 Millionen Menschen infiziert und weitaus mehr als 50 Millionen Menschen das Leben gekostet.

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Sie forderte mehr Tote als der Erste Weltkrieg und fast genauso viele wie der Zweite Weltkrieg. Im Bewusstsein der Nachwelt aber spielt sie eine viel geringere Rolle. Generationen später wissen viele nicht einmal, welche verheerenden Folgen die Spanische Grippe hatte. Während es Tausende von wissenschaftlichen Büchern über die beiden Weltkriege in vielen Sprachen gibt, wurde die Spanische Grippe in nicht einmal 400 Veröffentlichungen und in nur wenigen Sprachen behandelt.

Auch wenn heute die hygienischen Verhältnisse und die medizinische Versorgung auf einem ganz anderen Niveau sind als vor hundert Jahren, sind die realen Gefahren einer Pandemie weitaus größer, als sie im öffentlichen Bewusstsein verankert sind. Gerade deshalb klammern sich die Corona-Leugner so verbissen an ihre Verschwörungserzählungen. Sie brauchen einen Feind, um ihre Ängste im Zaum zu halten.

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Zur Person

Unser Gastautor ist Politikwissenschaftler und war bis 2016 Leiter des Arbeits­bereichs Wahl-, Parteien- und Partizipationsforschung am Institut für Politikwissenschaft der ­Universität Bremen.

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