Verteidigungsminister soll bei Doktorarbeit geschummelt haben

Bremer Professor bringt Guttenberg in Bedrängnis

Bremen·Berlin. Der beliebteste deutsche Politiker gerät weiter unter Druck: Karl-Theodor zu Guttenberg soll bei seiner Doktorarbeit geschummelt haben. Diesen Vorwurf erhebt der Bremer Professor Andreas Fischer-Lescano.
16.02.2011, 20:40
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Professor bringt Guttenberg in Bedrängnis
Von Norbert Holst

Bremen·Berlin. Der beliebteste deutsche Politiker gerät weiter unter Druck: Karl-Theodor zu Guttenberg soll bei seiner Doktorarbeit geschummelt haben. Diesen Vorwurf erhebt der Bremer Professor Andreas Fischer-Lescano. Der Wissenschaftler ist in Guttenbergs Promotionsschrift auf zahlreiche Textpassagen gestoßen, die wortwörtlich abgekupfert sein sollen - ohne dass sie als Zitat kenntlich gemacht sind. Auch seien einige der Quellen nicht im Literaturverzeichnis aufgeführt.

Das Buch ist 475 Seiten dick und trägt den Titel "Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU". Guttenberg hatte seine Doktorarbeit 2006 an der juristischen Fakultät der Universität Bayreuth eingereicht, sie bekam die Bestnote "summa cum laude". Als "dreistes Plagiat" und "Täuschung" bewertet Fischer-Lescano nun die wissenschaftliche Arbeit des Ministers. Nach eigenen Angaben ist der Professor für Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht am Bremer Zentrum für europäische Rechtspolitik eher zufällig durch eine Google-Recherche auf die Textstellen gestoßen, als er an einer Rezension über das Buch gearbeitet hat.

"Wir sind überrascht, was für eine Resonanz die Sache gefunden hat", sagt eine Mitarbeiterin des Professors. Der hatte sich gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" geäußert und ist bis auf Weiteres für Medienvertreter nicht zu sprechen. "Herr Fischer-Lescano hat gesagt, was er zu sagen hatte."

In der noch nicht veröffentlichten Rezension für die Fachzeitschrift "Kritische Justiz" nimmt Fischer-Lescano hingegen kein Blatt vor den Mund (der Text liegt unserer Zeitung vor). "Der wissenschaftliche Ertrag der Arbeit ist bescheiden", kritisiert er die Lektüre. Im Anhang stellt der Bremer Forscher auf sechs Seiten die Zitate aus Guttenbergs Buch den vermeintlichen Originalen gegenüber. Sie sind offenbar überwiegend Wort für Wort deckungsgleich. Die Quellen sind Texte aus der "Neuen Zürcher Zeitung", der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", gedruckte Fachvorträge und Forschungsliteratur. Das Vorgehen Guttenbergs, so schreibt Fischer-Lescano weiter, sei "so systematisch", dass die Anerkennung als eigenständige wissenschaftliche Arbeit infrage gestellt werden müsse.

Der Minister hat die Anschuldigungen prompt zurückgewiesen. "Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus." Die Anfertigung der Arbeit sei seine eigene Leistung gewesen. Einer Prüfung seines Textes sehe er gelassen entgegen. Die Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft an der Universität Bayreuth wollte sich gestern auf einer turnusmäßigen Sitzung mit dem Fall befassen. Sollten die Vorwürfe zutreffen, könnte Guttenberg der Doktortitel nachträglich aberkannt werden.

Spitzenpolitiker der Opposition reagieren mit Häme auf die Vorwürfe. "Wenn die Regierung die in China verbreitete Neigung zum Plagiat kritisiert und mehr Respekt für geistiges Eigentum fordert, muss sie das auch in den eigenen Reihen sicherstellen", frotzelt SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann. Und Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sagt: "Egal ob vorsätzliches Plagiat oder einfache Schlamperei: Guttenberg hat zum ersten Mal das Problem, dass er die Verantwortung auf keinen anderen abschieben kann."

Für CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich hingegen ist das Ganze eine "politische Sauerei": "Die Vorwürfe gegen den Minister sind ein politisch motivierter Angriff von ganz Linksaußen." Hintergrund dieser Anspielung: Fischer-Lescano ist Kuratoriumsmitglied des politisch links stehenden Instituts Solidarische Moderne, zu dessen Gründern unter anderem Andrea Ypsilanti (SPD), Sven Giegold (Grüne) und Katja Kipping (Linke) gehören.

Jetzt muss sich von Guttenberg ein weiteres Mal in eigener Sache verteidigen. Ohnehin hat er Ärger im Kabinett wegen der Bundeswehrreform, die Vorgänge um die "Gorch Fock" und geöffnete Feldpost sind ebenfalls noch nicht aufgeklärt. Für diese Affären kann Guttenberg allenfalls politisch verantwortlich gemacht werden. Der Vorwurf des Betrugs indes trifft den Kern seiner Popularität: Es geht um seine Glaubwürdigkeit.

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