Grenzanlagen bei Dover

In Kent entsteht ein Parkplatz nur für den EU-Ausstieg

Das Örtchen Ashford in der britischen Grafschaft Kent gleicht einer Baustelle. Dort entsteht einer der größten Parkplätze Europas, um dort künftig die Lkw für den Transit nach Europa abzufertigen.
02.12.2020, 21:21
Lesedauer: 2 Min
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In Kent entsteht ein Parkplatz nur für den EU-Ausstieg
Von Katrin Pribyl

Umkreist von Bäumen liegt die kleine Kirche an diesem Tag fast verschlafen da. Das Dach des aus dem 13. Jahrhundert stammenden angelsächsischen Gotteshauses ragt in den wolkenbehangenen Himmel, einige der verwitterten Grabsteine stehen seit hunderten von Jahren im Garten. Es könnte ein Ort der Einkehr sein, hier in Sevington, einem Vorort von Ashford in der englischen Grafschaft Kent. Zwischen der Kirche und der Gemeinde mit ihren Tudor- Häusern herrschte trotz der nahen Autobahn M 20 vor allem Idylle. Im Juli aber hatte die Ruhe ein Ende. Seitdem ist dort eine Baustelle. Die Bagger rattern und schaufeln Erde aus der riesigen Grube, ein Lastwagen nach dem anderen trägt den Schutt ab, Arbeiter in leuchtender Schutzkleidung sind im Einsatz. Tag und mittlerweile auch Nacht wird gearbeitet; es eilt. Ab 1. Januar schon sollen auf der 27 Hektar großen Fläche knapp 2000 Lastwagen Platz finden, um zum einen vor der Fahrt in die Europäische Union oder nach der Ankunft vom Kontinent abgefertigt zu werden und zum anderen das Nadelöhr Dover zu entlasten. Bisher können die Lastwagen direkt auf die Fähre oder zum Eurotunnel in Folkestone rollen, um ihre Waren auf den Kontinent zu liefern. Ab 31. Dezember ist das Königreich kein Mitglied des europäischen Binnenmarkts mehr und gehört auch nicht mehr zur Zollunion. Weil die Lage des Hafens inmitten der Kreidefelsen keine Erweiterung erlaubt, werden Anlagen im Hinterland wie jene in Ashford notwendig, um die zusätzlichen Kontrollen zu bewerkstelligen. Die britische Regierung wurde sich dieser Realität offenbar erst im Sommer bewusst. Sie kaufte Parkplätze sowie verfügbares Land auf – und begann die gigantische Zollstelle zu bauen.

Die Menschen in Kent, die beim Referendum 2016 mit 59 Prozent mit überwältigender Mehrheit für den Austritt aus der EU stimmten, blicken nun mit Sorge in die ungewisse Zukunft. Könnte sich der „Garten von England“, wie die Grafschaft voller Stolz genannt wird, zur „Toilette von England“ entwickeln? Das befürchten Kritiker, wenn künftig unzählige Lkw in Staus feststecken. Schon jetzt finden die Menschen in den Büschen am Straßenrand und auf Parkplätzen regelmäßig uringefüllte Zwei-Liter-Flaschen, wie Sharon Swandale erzählt. Sie lebt am Ortsrand von Mersham, nur wenige Minuten von der Baustelle entfernt, und ist Sprecherin der lokalen Gruppe „Village Alliance“, die seit der Planung des Areals die Bewohner über die Maßnahmen informiert und mit Erfolg dafür kämpfte, dass ein Teil der Fläche der Natur überlassen bleibt – als grüne Pufferzone zwischen Mersham und dem Riesenparkplatz.

„Alles geht so schnell“, sagt Gartendesignerin Swandale und zeigt auf den geteerten Teil, wo letzte Woche lediglich ein Haufen aufgeschüttete Erde lag. Sie sei nicht per se gegen das Projekt. „Aber wir versuchen, die negativen Auswirkungen auf die Anwohner zu reduzieren“, so die Britin, die den Umstand nicht unerwähnt lässt, dass die Gegend um Ashford ein Überschwemmungsgebiet ist. Je mehr Fläche zubetoniert wird, desto mehr kommt das Wasser woanders raus, was die Arbeiten immer wieder blockiert.

Unterdessen präsentiert sich die Transport- und Logistikbranche frustriert über den Mangel an Informationen vonseiten der Regierung. So sei etwa die Software nicht bereit. Und zu viele Unternehmen würden nicht wissen, wie sie sich vorbereiten sollen. Britische Behörden schätzen, dass pro Jahr 270 Millionen neue Zollerklärungen nötig werden. Bis zu 10 000 Trucks überqueren täglich den Ärmelkanal und nur vier Wochen bleiben, um ein Chaos zu verhindern.

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