EU-Austritt Brexit: verheerende Folgen für Großbritannien

Über das genaue Ausmaß streiten sich die Wirtschaftsexperten. Aber Großbritannien wird nach seinem Austritt wohl stärker unter den Konsequenzen leiden wird als die übrigen 27 Mitgliedstaaten der EU.
25.06.2016, 13:20
Lesedauer: 6 Min
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Von Mirjam Moll Katrin Pribyl

Über das genaue Ausmaß streiten sich die Wirtschaftsexperten. Aber Großbritannien wird nach seinem Austritt wohl stärker unter den Konsequenzen leiden wird als die übrigen 27 Mitgliedstaaten der EU.

Es geht um eine Menge Geld. Derzeit werden pro Jahr etwa 130 Billionen Euro an Transaktionen im Vereinigten Königreich abgewickelt. Nun, da das Referendum zugunsten des Brexit-Camps ausgefallen ist, wird die Europäische Zentralbank auf eine Verlagerung der Geschäfte bestehen. Bis zu 80 Prozent der in London ansässigen europäischen Banken sollen das Land angeblich verlassen wollen, sicher die Hälfte nicht-europäischer Geldhäuser dürfte ihrem Beispiel folgen. „Da wittern einige Häuser in den 27 verbleibenden Ländern Lücken, in die sie hineinstoßen können“, meint ein Abgeordneter des Europäischen Parlaments.

Für Großbritannien hätte dies verheerende Folgen: Experten rechnen mit einem Einbruch des Bruttoinlandprodukts von bis zu 34 Prozent, also mehr als einem Drittel. Im Gegenzug könnte die Jahreswirtschaftsleistung der Eurozone mit einem Schlag um acht Prozent in die Höhe schnellen. Damit nicht genug, droht der Handelsfluss zwischen der Insel und dem Festland mit einem Mal radikal unterbrochen zu werden. Dabei machen britische Unternehmen derzeit 50 Prozent ihres Umsatzes durch Geschäfte mit den übrigen 27 Mitgliedstaaten. Ähnlich stark ist die Abhängigkeit beim Import in das Vereinigte Königreich.

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Der Export dürfte sich schon alleine deshalb vermindern, weil Großbritannien künftig auf die vier Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarktes verzichten muss: den freien Güter-, Dienstleistungs-, Kapital- und Personenverkehr. Wahrscheinlich wird das Land auch von den zwischen der EU und 38 Partnern vereinbarten Handelsabkommen ausgeschlossen – und muss praktisch bei null anfangen, um bilaterale Verträge auszuhandeln.

Waren und Dienstleistungen werden damit automatisch teurer, die Nachfrage dementsprechend geringer. Auch deshalb rechnet der Chef des Deutschen Wirtschaftsinstituts, Marcel Fratzscher, mit einer weiteren deutlichen Abwertung des Pfundes. Experten halten einen Kursabfall gegenüber dem Euro von bis zu 34 Prozent für denkbar.

Doch offenbar überwogen auf der Insel andere Argumente als eine Risikoabwägung. In mehr als 900 Pubs lagen auch Bierdeckel aus, die fürs Gehen warben und dabei die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, attackierten. Diese meint, die Auswirkungen des Austritts wären „ziemlich schlimm bis sehr, sehr schlimm“. Auf den knallroten Bierdeckeln am Tresen heißt es dagegen: „Wir müssen die Kontrolle zurückbekommen.“

Hinter der Kampagne steckt Tim Martin, der Gründer der Pub-Kette JD Wetherspoon. Doch so selbstbewusst wie der Unternehmer sehen die Situation nur wenige in der Geschäftswelt des Königreichs. Es sind vor allem kleine und mittelständische Firmen, die sich etwas vom Austritt erhoffen. Für sie ist der freie Zugang zum europäischen Binnenmarkt weniger bedeutend.

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Dagegen geht in den Konferenzräumen und Produktionsstätten von Banken, Großunternehmen und Verbänden die Angst um. Denn die EU ist der wichtigste Exportmarkt für die britische Wirtschaft. 45 Prozent der Waren- und Dienstleistungen gehen über den Ärmelkanal und nach Irland.

So schrieben etwa die Auto-Hersteller in den vergangenen Jahren eine wahre Erfolgsgeschichte auf der Insel. Rund 1,6 Millionen Fahrzeuge liefen nach Angaben des Verbandes der britischen Auto-Industrie (SMMT) im Jahr 2015 vom Band. Davon landeten mehr als 1,2 Millionen im Ausland. Nach Deutschland und Spanien ist das Königreich der drittgrößte Auto-Hersteller der EU – dank Investoren aus der Fremde. Ob beim japanischen Konzern Nissan, bei Jaguar Land Rover, den BMW-Töchtern Mini und Rolls-Royce oder bei Bentley, das zu Volkswagen gehört: „Teil Europas zu sein, ist entscheidend für die Zukunft dieser Industrie und um Jobs, Investments und Wachstum zu sichern“, sagte der SMMT-Chef Mike Hawes. Eine Umfrage unter Mitgliedern ergab, dass 77 Prozent einen Verbleib als am besten für ihr Geschäft betrachteten.

Unternehmen wie der Luftfahrt- und Rüstungskonzern Airbus oder der weltweit zweitgrößte Triebwerksbauer Rolls-Royce empfahlen ihren Mitarbeitern, für eine Zukunft in der EU zu stimmen. Im Falle eines Brexits werde Rolls-Royce Entscheidungen über Investitionen in Großbritannien zunächst auf Eis legen. „Wir alle müssen im Hinterkopf behalten, dass künftige Investitionen sehr stark von dem wirtschaftlichen Umfeld abhängen, in dem das Unternehmen tätig ist“, hieß es von Airbus.

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Schon im Februar warnten die Chefs von mehr als einem Drittel der großen britischen Unternehmen, darunter Shell und BP, dass bei einem Abschied aus der EU Arbeitsplätze und Investitionen aufs Spiel gesetzt würden. Mit 80 Prozent glaubt zudem der überwiegende Teil der Mitglieder der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer, dass sich der Brexit negativ auf ihr Unternehmen auswirken wird.

Auch die mächtige Finanzbranche ist mehrheitlich pro-europäisch eingestellt. In der Londoner City, Europas größtem Finanzplatz, sitzen viele ausländische Banken, die von der Themse aus Kunden auf dem ganzen Kontinent bedienen – was nach einem Brexit ungleich schwieriger wird. Aus den Fluren der Banken ist zu hören, man habe Notfallpläne in der Schublade.

Würden Institute nach Paris oder Frankfurt ziehen? Allein im Bankensektor könnten mehr als 50 000 Stellen wegfallen, so Paola Subacchi vom politischen Thinktank Chatham House in London. Angeblich wollen 80 Prozent der europäischen und 50 Prozent aller nicht-europäischen Geldinstitute, die derzeit an der Themse logieren, die Insel nach dem Brexit verlassen.

Glaubt man der überwältigenden Mehrheit der Experten, sind die Aussichten düster: So werde der Ausstieg das Land in eine lange Rezession stürzen und die Wirtschaft innerhalb von zwei Jahren mindestens eine halbe Million Jobs kosten, wie eine Studie des britischen Finanzministeriums ergab. Er werde einen „sofortigen und heftigen Schock“ auslösen, warnte Schatzkanzler George Osborne. Er hatte bereits vorab gedroht, nach einem Sieg der „Brexiteers“ müsse er die Steuern erhöhen und Ausgaben kürzen.

Seine Gegner wiegeln ab, doch auch Volkswirte erwarten einen Konjunktureinbruch. Immerhin sind zu viele Fragen offen: Zu welchen Bedingungen können künftig Geschäfte mit dem Kontinent gemacht werden? Wie sehen die Handelsabkommen aus? Wann werden sie geschlossen? Diese Ungewissheit werde die Wirtschaft schwer belasten und Investitionen sowie Neu-Einstellungen verzögern.

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Zudem halten es viele für Wunschdenken, dass die Briten alleine bessere Handelsverträge mit anderen Staaten aushandeln können als die mächtige EU. Das Wirtschaftsargument galt als das stärkste der EU-Freunde auf der Insel. Und prominente Unterstützung erhielten sie nicht nur von internationalen Organisationen wie der OECD oder dem IWF, sondern auch von Notenbank-Chef Mark Carney.

Der Kanadier, der seit drei Jahren die britische Zentralbank führt, warnte, ein EU-Austritt stelle eines der größten Risiken für die Stabilität des britischen Finanzsystems dar. Später legte er nach, dass das Pfund an Wert verlieren und die Konjunktur leiden könnte. Er ging sogar noch weiter: Statt zu wachsen, könnte die Wirtschaft über längere Zeit schrumpfen. Der führende Unternehmensverband des Landes, CBI, sieht durch den EU-Austritt fast eine Million Arbeitsplätze bedroht.

Als „Angstmacherei“ schmetterte die „Leave“-Kampagne solche Prognosen ab: Haben damals, vor der Finanzkrise, nicht alle diese Autoritäten versagt, als es darum ging, den Crash 2008 vorherzusehen?

Doch schon jetzt hat das britische Pfund schmerzhaft an Wert verloren. Der Devisenmarkt wird als empfindlichstes und aussagenkräftigstes Stimmungsbarometer gesehen. Bei einem Brexit „können britische Familien nur verlieren, und das sollten wir nicht riskieren“, warnte vor wenigen Tagen Schatzkanzler Osborne. „Wer das anzweifelt, braucht sich nur anzuschauen, was gerade an den Finanzmärkten passiert.“

Ohnehin ist Großbritannien von den Folgen eines Austritts weitaus stärker betroffen als die übrigen EU-Länder. Zwar rechnet die Bertelsmann-Stiftung mit zusätzlichen Ausgaben allein für Deutschland in Höhe von 2,5 Milliarden Euro, und andere Studien fürchten, dass deutschen Exporteuren bis 2019 Einbußen von bis zu sieben Milliarden Euro drohen könnten. Die Euler-Hermes-Gruppe geht deshalb davon aus, dass die Zahl der Insolvenzen in der Bundesrepublik steigen dürfte – und zwar um 1,2 Prozent, so die Einschätzung von Chefvolkswirt Ludovic Subran.

Damit käme Deutschland aber noch vergleichsweise günstig weg. Der Schaden wird für die Niederlande, Frankreich und Belgien mit erwarteten 2,5 Prozent zusätzlichen Pleiten noch viel größer. Eine Entwicklung, die auch auf die Jahreswirtschaftsleistung der EU drücken dürfte. Allein in den Niederlanden könnte ein Rückgang von 2,4 Prozent drohen. Und dennoch: Der wirtschaftliche Schaden für Großbritannien wird wohl um ein Vielfaches höher. Alle diese Argumente und Berechnungen haben bei einer knappen Mehrheit nicht verfangen – die Rechnung aber bezahlen alle, zu 100 Prozent.

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