Reportage aus Grenzgebiet zu Nordkorea

Brücke in eine andere Welt

Die Grenzstadt Dandong lebt vom Handel mit Nordkorea. Doch seit die chinesische Regierung im Weltsicherheitsrat den verschärften Sanktionen zugestimmt hat, hat sich das Leben dort verändert.
05.10.2017, 08:29
Lesedauer: 7 Min
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Brücke in eine andere Welt
Von Felix Lee
Brücke in eine andere Welt

Die Freundschaftsbrücke zwischen Dandong in China und Nordkoreas drittgrößter Stadt Sinuiju ist die Lebensader zwischen Nordkorea, das sich völlig abschottet, und der Außenwelt.

Felix Lee

Die Fischerboote liegen fest vertäut am Kai. Das Deck ist mit einer schwarzen Plane abgedeckt. Sie soll den Anschein erwecken: Hier steht alles still. Doch der noch dampfende Motor weist darauf hin, dass die Schiffe vor Kurzem noch in Betrieb waren. Unter der Plane sind zudem Kisten zu sehen. Es riecht nach Fisch.

Plötzlich rast ein älterer Mann mit einem Stock in der Hand auf die Gruppe zu. „Was macht ihr hier?“, brüllt er und versucht, einem von ihnen die Kamera aus der Hand zu reißen. „Rück sofort die Bilder raus“, schreit er aufgebracht und weist seine Mitarbeiter an, den Besuchern den Weg zu versperren. So weit kommt es nicht. Nach kurzem Handgemenge gelingt es der Gruppe, das Hafengelände zu verlassen.

Geschäftsmann Jiang

Geschäftsmann Jiang

Foto: Felix Lee

„Sie sind offenbar sehr nervös“, sagt Jiang hinterher. Der 42-Jährige ist von Berufs wegen eigentlich Geschäftsmann. So sieht er an diesem Vormittag nicht aus. Er trägt ein Baseballcap. Und mit seinem etwas zu groß sitzenden Heavy-Metal-T-Shirt macht er den Eindruck, als hätte er im Kundengeschäft schon länger keinen Vertrag mehr abgeschlossen. „Die Geschäfte laufen schlecht“, gibt er zu. Deswegen betätige er sich nun als Fremdenverkehrsführer. Der Gruppe wollte er den Fischereihafen zeigen am Mündungsgebiet des Yalu, dem Grenzfluss zu Nordkorea. Dass die Behörden nun sehr viel strenger kontrollierten, bekämen derzeit alle in der Region zu spüren, erzählt er. Vor ein paar Tagen hätten ihn Freunde besucht. Sie wollten sich mit ihm betrinken. „Warum? Weil sie unglücklich sind über die weggebrochenen Geschäfte.“

Seitdem die chinesische Regierung vor einem Monat im Weltsicherheitsrat den verschärften Sanktionen gegen Nordkorea zugestimmt hat, sind die Behörden in der Grenzregion rigoros dabei, die Vorgaben auch tatsächlich umzusetzen. Das ist keineswegs selbstverständlich. Offiziell hatte Peking auch vorher schon die UN-Sanktionen gegen den einstigen Bruderstaat mitgetragen.

Doch zumindest in Dandong, der größten chinesischen Stadt entlang der Grenze zu Nordkorea, hatte sich kaum einer an die Vorgaben gehalten. Weder die Händler, die bereitwillig nordkoreanischen Funktionären Luxusartikel verkauften, noch die Zollbeamten oder das Grenzmilitär, die allzu oft ein Auge zudrückten und womöglich dafür Geld erhielten. So erzählt man es sich zumindest. Bis zuletzt bestritt Nordkorea 91 Prozent seines Außenhandels mit China.

Doch als am Morgen des 3. Septembers in Dandong die Erde bebte und sich wenig später herausstellte, dass Nordkorea erneut eine Nuklearbombe getestet hat – und zwar mit einer nie dagewesenen Sprengkraft – scheint auch Pekings Geduld mit dem einstigen Verbündeten am Ende.

Ein nordkoreanisches Hochzeitspaar fährt auf einem Schiff auf dem Yalu und schaut Richtung chinesische Seite.

Ein nordkoreanisches Hochzeitspaar fährt auf einem Schiff auf dem Yalu und schaut Richtung chinesische Seite.

Foto: Felix Lee

Jiang selbst hat das Beben nicht gespürt. Er saß zu der Zeit am Steuer. Sein neunjähriger Sohn habe ihm gleich eine Kurznachricht geschickt. Doch Jiang blieb gelassen. „Mich interessieren sie nicht mehr“, sagt er. Nordkorea habe schon so viele Tests verübt. Angst hat er keine. Auch glaube er nicht, dass wirklich Krieg ausbrechen werde. China will ihn nicht. Und ohne Zustimmung Pekings würden es die Amerikaner nicht wagen, Nordkorea militärisch anzugreifen.

Die Sanktionen jedoch – sie gelten. Das zumindest besagt ein Aushang, der am Eingang des Fischmarktes von Dandong an einer Wand hängt. Verboten ist die Einfuhr von Eisen, Kohle und Meeresfrüchten. Zudem darf auch keine Kleidung mehr aus Nordkorea importiert werden. Sämtliche nordkoreanische Gastarbeiter sind angewiesen, bis spätestens Ende des Jahres in ihr Land zurückkehren. Jiang vermutet, dass einige Fischer trotzdem weiter Meerestiere von und nach Nordkorea transportieren. „Und wahrscheinlich noch ganz andere Dinge.“

Yalu – der Grenzfluss zwischen China und Nordkorea. Auf beiden Seiten des Flusses erstrecken sich Zäune mit Stacheldraht. Nur im Stadtgebiet von Dandong nicht. Die Stadt ist das Tor zu Nordkorea. Früher hieß die Region Andong, der „friedliche Osten“. Einige Jahre nach dem Koreakrieg (1950 bis 1953) benannte Chinas damaliger Machthaber Mao Tsetung die Stadt um in Dandong, der „rote Osten“. Aus freundschaftlicher Verbundenheit zum Bruderstaat.

Dandong ist eine Handelsmetropole

Damit es die „imperialistischen Kräfte“, namentlich Südkorea, die USA und die Vereinten Nationen, nicht noch einmal wagten, den Nordteil der koreanischen Halbinsel zu annektieren, stationierte Mao Hunderttausende Soldaten im Grenzgebiet. Dandong wurde eine Garnisonsstadt. Das ist sie bis heute. Nur ist die Millionenstadt inzwischen auch Handelsmetropole. „Alles, was du in Dandong siehst, hat mit Nordkorea zu tun“, sagt Jiang. Entweder sei man Soldat oder man lebe vom Handel mit dem Nachbarn.

Mitten von der Innenstadt von Dandong aus erstreckt sich eine Stahlkonstruktion über den Fluss – die Freundschaftsbrücke. Sie trifft auf der anderen Flusseite auf Sinuiju, Nordkoreas drittgrößter Stadt. 1937 von den japanischen Kolonialherren erbaut, ist die Brücke heute die Lebensader zwischen Nordkorea und der Außenwelt. Über zwei Drittel des gesamten nordkoreanischen Außenhandels wird über sie abgewickelt.

Skeptischer Blick: ein nordkoreanisches Schiff auf dem Grenzfluss Yalu.

Skeptischer Blick: ein nordkoreanisches Schiff auf dem Grenzfluss Yalu.

Foto: Felix Lee

Dabei ist sie nicht einmal besonders breit. Nur eine Schienentrasse und eine Straße für Busse und Lkw führen über die Brücke – jeweils einspurig. Morgens um 9 Uhr wird der Grenzpfosten in Richtung Nordkorea geöffnet. Ab nachmittags geht es in die andere Richtung zurück. Fußgänger sind auf der Brücke nicht erlaubt.

Trotz der Sanktionen läuft der Grenzverkehr – allerdings sehr viel schleppender als noch vor einem Monat. Im Schritttempo rollen die zumeist abgenutzten Lastwagen über die insgesamt 941 Meter. Die Zeiten, als schier endlose Karawanen über die Brücke fuhren, sind vorbei. „Nach Nordkorea werden nur noch die notwendigsten Lebensmittel geliefert“, sagt Jiang. China habe die Kontrollen verschärft. Selbst kleine Lastwagenwürden nun durchleuchtet.“

Umso mehr blüht auf der chinesischen Seite der Tourismus. Direkt neben der Freundschaftsbrücke steht eine zweite etwas niedrigere Stahlkonstruktion, die alte Yalu-Brücke. Heute heißt sie „Duan Qiao“, zerbrochene Brücke. Das letzte Drittel in Richtung Nordkorea fehlt. Amerikanische Bomber hatten sie im Koreakrieg zerstört. Nur die massiven Pfeiler ragen aus dem Wasser.

Blick durchs Fernglas auf Nordkorea

Heute dient die Brücke als Mahnmal – und als Plattform für chinesische Touristen, um einen Blick der anderen Seite zu erhaschen. Am Brückenende stehen Ferngläser bereit. Zu erkennen sind auf nordkoreanischer Seite menschenleere Straßen und graue Fassaden, von denen der Putz herunterfällt. „Für uns Chinesen ist Nordkorea wie das eigene Land vor 40 Jahren“, sagt Jiang. „Das fasziniert uns.“

Auf der Dandong-Seite hingegen blinkt und lärmt es wie in Disneyland. Nur dass anstelle von Micky Mouse Statuen im Sowjet-Stil die Flaniermeile säumen. Dutzende chinesische Reisegruppen schlendern vorbei an Souvenirständen, die Spielzeugpanzer und Patronenhülsen anbieten. Einige Verkäufer versuchen, den Touristen eine Bootsfahrt aufzuschwatzen, immerhin die Hauptattraktion von Dandong.

Mit der Sonnenbrille und der schwarzen Weste wirkt der Bootsfahrer eher wie ein Agent aus einem James-Bond-Film. Zu diesem Image trägt auch sein Motorschnellboot bei. Mit 50 Kilometer die Stunde rast er mit Touristen an Bord über den Fluss. 250 Yuan, umgerechnet rund 30 Euro, kostet die gerade einmal viertelstündige Fahrt pro Person. „Der Fluss gehört beiden Seiten“, sagt der Bootsführer. Bis auf wenige Meter wagt er sich mit dem Boot ans nordkoreanische Ufer heran. Nur aussteigen dürfe man nicht.

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Foto: Felix Lee

Groteske Szenen spielen sich auf dem Yalu ab. Die chinesischen Touristen auf den Booten halten aufdringlich ihre Kameras auf die nordkoreanischen Hafenarbeiter und Grenzsoldaten. Sie müssen sich wie eine Attraktion in einem Zoo fühlen. Einzelne versuchen ihre Gesichter zu verdecken. Die meisten ignorieren den Trubel weitgehend.

An anderen Stellen würden die nordkoreanischen Grenzsoldaten die chinesischen Touristen schon mal mit Steinen bewerfen, berichtet der Bootsführer. Das passiere in Dandong nicht. „Hier sind sie das gewohnt.“ Nur vereinzelt legen die nordkoreanischen Soldaten das Gewehr an. „Eine extra Schaueinlage“, sagt Jiang. Ihm sei nicht bekannt, dass einer von ihnen jemals geschossen hat.

Chinesischer Ex-Militär: Xu Yan

Chinesischer Ex-Militär: Xu Yan

Foto: Felix Lee

Ein paar Hundert Meter weiter hat die Stadtverwaltung von Dandong sogar eine Ufertreppe aus Granit am Grenzfluss anlegen lassen. Für Schwimmer. Sogar öffentliche Duschen gibt es. An diesem späten Nachmittag sind es immer noch einige Dutzend zumeist ältere Herren, die im Yalu schwimmen und sich bis dicht ans nordkoreanische Ufer heranwagen. Xu Yan hat seine Runde schon hinter sich, sitzt geduscht auf der Treppe und lässt sich noch ein wenig von der Abendsonne wärmen. In den warmen Monaten würde er täglich eine Runde drehen. „Einmal rüber und zurück“, sagt der 67-Jährige. An manchen Tagen auch mehrmals. Er habe sonst ja nicht viel zu tun, sagt er.

Er war mal Soldat der Volksbefreiungsarmee. „Früher waren sie mal nett und freudlich zu uns“, sagt er und zeigt mit der rechten Hand auf die Grenzsoldaten auf der nordkoreanischen Seite. Das sei inzwischen aber anders. Nun würden sie schon mal recht ruppig werden und die Schwimmer vom Ufer scheuchen. Auch hier gilt: Nur nicht aus dem Wasser steigen. Dann sei alles sicher.

Das Schnellboot rast einige Kilometer den Fluss hinauf und steuert hinter den Büschen eine Stelle am Ufer an. Dort steht bereits ein weiteres chinesisches Touristenboot. Eine nordkoreanische Kutte mit einem Fischer nähert sich. Er hält eine Stange Zigaretten in die Luft, zudem eine Flasche Schnaps und in Plastikfolie verschweißte getrocknete Fische – Dinge, die auf chinesischer Seite in jedem Supermarkt erhältlich sind. Die chinesischen Touristen greifen dennoch gierig zu.

„Keine Sorge, ihr könnt auch gerne zuschlagen“, sagt Jiang. „Schnaps und Zigaretten fallen nicht unter die Sanktionen.“

Chinesische Sanktionen gegen Nordkorea

Lange galt China als loyaler Verbündeter Pjöngjangs. Spätestens seit dem nordkoreanischen Nuklearbombentest vor einem Monat reagiert jedoch auch das Regime in Peking mit scharfen Maßnahmen auf das nordkoreanische Atomprogramm. Als Folge der am 11. September verabschiedeten UN-Resolution 2375 hat China die Schließung aller nordkoreanischen Firmen im Land angeordnet. Bis Januar müssen sämtliche nordkoreanischen Firmen in China geschlossen sein, hat das chinesische Handelsministerium am vergangenen Freitag erklärt. Seit Anfang dieses Monats setzt China zudem einen weiteren wesentlichen Teil der Sanktionen um: So wird seit wenigen Tagen der Ölexport nach Nordkorea begrenzt. US-Präsident Donald Trump hatte Peking immer wieder vorgeworfen, nicht genug Druck auf Pjöngjang auszuüben. China ist Nordkoreas wichtigster Handelspartner; die jetzt beschlossenen Sanktionen treffen die kommunistische Diktatur daher hart.

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