Geteiltes Land

„Vergesst uns nicht“

Tankred Stöbe von Ärzte ohne Grenzen über die humanitäre Katastrophe im Jemen. In dem Bürgerkriegsland ist die Gesundheitsversorgung zusammengebrochen, es ist abgeriegelt und steht vor dem kompletten Zerfall.
17.11.2020, 19:20
Lesedauer: 4 Min
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„Vergesst uns nicht“
Von Birgit Svensson
„Vergesst uns nicht“

Kinder in einem Slum der von Huthi-Rebellen besetzten Hauptstadt Sanaa. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen arbeiten im Jemen in zwölf Krankenhäusern und Kliniken und unterstützen 20 Gesundheitseinrichtungen in 13 Provinzen des Landes.

Mohammed Mohammed/DPA

Herr Stöbe, gibt es Corona im Jemen?

Tankred Stöbe: Im Mai, praktisch aus dem Nichts, ist das Virus in das Land eingefallen und hat dort zu viel Leid und Tod geführt. Offiziell ist das nie wahrgenommen worden – es gibt im Jemen offiziell nur 2000 Infizierte und 600 Tote, übrigens die höchste Sterblichkeitsrate weltweit. Doch in Gesprächen mit den Ärzten im Krankenhaus haben wir erfahren, dass es kaum eine Familie im Jemen gibt, die nicht ein an Covid-19 erkranktes Mitglied hat. Meine Organisation Ärzte ohne Grenzen hat dann im Mai das erste Krankenhaus für Corona-Patienten im südlichen Jemen aufgemacht und das füllte sich binnen weniger Tage.

Wie groß ist das Engagement von Ärzte ohne Grenzen im Jemen?

Der Jemen ist eines der drei wichtigsten Länder, wo wir besonders aktiv sind. Es herrscht seit 2015 Bürgerkrieg und es gibt immer wieder Epidemien. Vor drei Jahren, als ich schon einmal dort war, mussten wir gegen Cholera ankämpfen, jetzt gegen Covid-19. Unterdessen geht das Kriegsgeschehen weiter. Eigentlich sollte ich als Intensivmediziner wegen Corona in den Jemen, habe aber zum großen Teil Bombenopfer und Minenopfer behandelt, Menschen, die Unfälle hatten, akute Notfälle also.

Gibt es denn überhaupt noch eine staatliche Gesundheitsversorgung dort?

Eigentlich nicht. Über die Hälfte der Krankenhäuser sind zerbombt. Diese tödliche Spanne zwischen erhöhtem Bedarf an medizinischer Versorgung und gezielter Zerstörung der Einrichtungen sehen wir ja in vielen Kriegs- und Krisengebieten. Aber im Jemen ist es extrem. Ein weiteres Merkmal des Konfliktes im Jemen ist, dass das Land völlig isoliert ist. Die Menschen kommen nicht raus. Es gibt ja kaum jemenitische Flüchtlinge. Im Norden riegelt Saudi-Arabien ab, im Süden und Westen das Meer und im Osten die Wüste zum Oman, wo die Menschen auch nicht rauskommen. Das heißt, es gibt innerhalb des Landes Millionen von Binnenflüchtlingen. Wir können kaum medizinische Ausrüstung importieren, weil das Land immer wieder die Grenzen schließt. Es gibt kaum Visa, um in den Jemen zu reisen, für Journalisten ist es fast ausgeschlossen. Lediglich humanitäre Helfer dürfen noch einreisen. Saudi-Arabien wacht peinlichst darüber, wer rein und raus geht. Deshalb bitten mich die Jemeniten immer wieder, „vergesst uns nicht, ihr seid die einzigen, die rauskommen, die berichten können, wie es uns geht“.

Und wie geht es den Menschen?

Für mich war es schlimm zu erfahren, wie viele Menschen, die wir unfallgeschädigt versorgen, auch seelisch traumatisiert sind. Ein Beispiel ist eine junge Landwirtin, die jeden Morgen aufs Feld ging, um dort Futter zu suchen für die Tiere und dabei auf eine Landmine trat, die ihr rechtes Bein zerfetzte. Sie ist über den Verlust des Beines schwer depressiv geworden. Das heißt, ein chirurgisches Trauma geht oft einher mit einem seelischen Trauma. Die Lage im Jemen ist so katastrophal, dass man noch nicht einmal sagen kann, wie viele Menschen in den letzten fünf Jahren seit Anfang des Bürgerkrieges ums Leben gekommen sind. Die Schätzungen schwanken von einigen Zehntausend bis über Hunderttausend Toten. Der Konflikt wird immer komplexer. Als ich vor drei Jahren dort war, gab es noch die Zweiteilung des Landes, im Norden die Huthi-Rebellen, im Süden die von Saudi-Arabien, den Emiraten und den USA anerkannte Regierung. Jetzt ist es so unübersichtlich, dass man kaum noch weiß, wer wo das Sagen hat. Es ändert sich fast wöchentlich. Interessen für das Land, für die Zukunft der Jemeniten, sind nicht mehr erkennbar. Je länger ein Konflikt nicht gelöst wird, desto schwieriger wird es eine Lösung zu finden.

Gab es Kämpfe und Angriffe, als Sie vor Ort waren?

In Aden selbst ist es gerade verhältnismäßig ruhig, aber die Frontlinie verläuft nur etwa 50 Kilometer nördlich der Stadt. Die verändert sich auch ständig. Doch haben wir in unserem Krankenhaus immer wieder Verletzte, die von der Frontlinie zu uns gebracht werden. Deshalb ist der Krieg für uns Helfer jeden Tag präsent. Für die Weltöffentlichkeit aber ist es ein vergessener Krieg. Ich habe eine unserer Ärztinnen morgens gefragt, wie sie zur Klinik käme. Sie sagte mir, dass sie jeden Tag Angst hätte aus dem Haus zu gehen, weil sie nicht wisse, ob sie lebend in der Klinik ankomme. Der Verkehr sei tödlich. Man wisse nie, ob man in einen Schusswechsel gerate oder eine Bombe hochgeht. Zivilisten werden immer wieder in diesen Konflikt mit hineingezogen. Vor allem für Frauen ist dies ein extrem tödlicher Konflikt.

Wovon leben die Menschen eigentlich?

Von Eselszucht zum Beispiel. Benzin ist zu teuer geworden, also setzen sie wieder Esel ein, um Waren zu transportieren. Auch Menschen werden in Eselskarren von einem Ort zum anderen gefahren. Wer Esel besitzt, macht im Jemen gerade ein gutes Geschäft. Der einzige Wirtschaftszweig, der sonst noch gut funktioniert, ist Kat, die Kaudroge (grüne Blätter, die in die Backenhöhlen geschoben und gekaut werden. Der Saft hat eine berauschende Wirkung. Anm. d. Red.). Staatsangestellte haben das Nachsehen. Ärzte und Lehrer sind seit Jahren nicht mehr bezahlt worden.

Wie muss man sich denn den Alltag dort vorstellen?

Im Jemen sind keine Sicherheitsstrukturen mehr erkennbar. Es gibt keine Möglichkeit die Polizei anzurufen, wenn ich mich bedroht fühle oder einen Rettungsdienst. Die Menschen sind vollkommen auf sich selbst gestellt. Was dann auch dazu führt, dass sie sich selbst verteidigen müssen. Das ist ein Grund, warum es so viele Schussverletzungen gibt. Die Jemeniten, die eigentlich sehr warmherzige, nachbarschaftliche Gastfreundschaft leben, werden in diesem Konflikt zu Feinden. Das Land steht komplett vor dem Zerfall. Eine Friedenslösung habe ich nicht erkennen können.

Das Gespräch führte Birgit Svensson.

Info

Zur Person

Tankred Stöbe (51)

ist Internist, Rettungs-

mediziner und Buchautor. Seit 2015 ist er Mitglied des internationalen Vorstandes von Ärzte ohne Grenzen. Er kam vor Kurzem von einem Einsatz im Jemen zurück.

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