Panne bei Ergebnis-Erfassung der Vorwahl

Chaos in Iowa verstärkt die Verunsicherung der Demokraten

Die Vorwahl der US-Demokraten im Bundesstaat Iowa war von Unstimmigkeiten geprägt. Der Fehlstart spielt Außenseiter Bloomberg in die Karten.
04.02.2020, 20:51
Lesedauer: 4 Min
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Chaos in Iowa verstärkt die Verunsicherung der Demokraten
Von Thomas Spang
Chaos in Iowa verstärkt die Verunsicherung der Demokraten

Bernie Sanders ist einer der Kandidaten der US-Demokraten. Die erlebten bei ihrer Vorwahl in Iowa eine peinliche Panne.

Pablo Martinez Monsivais/dpa

Pete Buttigieg standen die Strapazen des langen Flugs noch ins Gesicht geschrieben. Trotzdem versuchte er, nach der Landung in New Hampshire die Aura des Siegers zu verbreiten. Er fühle sich „phänomenal“, sagte der Bewerber im Morgenfernsehen, nachdem er sich in der Wahlnacht keck selbst zum Sieger der Vorwahl der Demokraten in Iowa ausgerufen hatte. Das einzige Problem für Buttigieg bestand darin, dass er seine Behauptung mit keiner einzigen offiziellen Zahl untermauern konnte. Wie auch Bernie Sanders nicht, der weniger bombastisch, aber genauso entschieden seinen Sieg ausrief. „Ich habe das Gefühl, wir haben hier eine sehr gute Nacht gehabt“, verkündete der demokratische Sozialist seinen Anhängern. „Der Wechsel kommt.“ Als Siegerin sah sich auch Elizabeth Warren, die vor ihrem nächtlichen Aufbruch nach New Hampshire erklärte: „Es ist zu knapp, um ein Ergebnis aufzurufen.“

Selbst Amy Klobuchar tat so, als gebe es etwas zu feiern. Ihr Team verbreitete die Behauptung, die Senatorin habe Joe Biden überholt und auf Platz fünf verwiesen. Der Vizepräsident wiederum machte das Beste aus einer Wahlnacht, die weit hinter den Erwartungen seines Teams zurückblieb. „Wir haben unseren Teil an Delegierten gewonnen“, versicherte er, während Ehefrau Jill ein wenig betreten ins Publikum schaute.

Unstimmigkeiten

Während sich alle Kandidaten irgendwie zu Siegern erklärten, stand Iowa als Verlierer fest. Das lag an einer Panne bei der Erfassung der Ergebnisse aus den fast 1700 Parteiversammlungen. Die hatten pünktlich gegen 19 Uhr Ortszeit in Schulen, Turnhallen, Kirchen, Gemeindezentren und Wohnhäusern begonnen. Nach zwei Stunden hatten die Wähler entschieden. Die Ergebnisse waren für 22 Uhr erwartet worden. Während die Kandidaten, ihre Wahlkampfteams und die großen Fernsehsender von Minute zu Minute ungeduldiger auf die ersten harten Zahlen warteten, teilte die Partei mit, es gebe „Unstimmigkeiten“, die bei einer „Qualitätskontrolle“ überprüft werden müssten. Später versicherte Sprecherin Mandy McClure, es handele sich lediglich um ein Zählproblem. „Das war kein Hacker-Angriff.“

Der ehemalige Parteichef der Demokraten in Iowa, Derek Eadon, fand eine andere Beschreibung für das Chaos: „Ein systemweites Desaster“. Es begann mit dem Versagen einer hastig entwickelten App, mit der die Verantwortlichen die Ergebnisse übermitteln sollten. Dann versuchten diese vergeblich, das Telefon-Backup-System zu benutzen. In ihrer Not schickten einige die Resultate via Twitter, Facebook oder E-Mail, an die sie Fotos der Ergebniskarten hängten. Auf CNN konnten die Zuschauer mitverfolgen, wie der Verantwortliche für Story County, Shawn Sebastian, nach eineinhalb Stunden Wartezeit endlich jemanden in der Parteizentrale von Des Moines erreichte. Als jemand abhob, entschuldigte sich Sebastian beim Moderator. Zu spät. Die Parteifreundin hatte schon wieder aufgelegt. Sebastian musste noch einmal anrufen.

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Nach zwei Krisengesprächen der Parteiverantwortlichen in Iowa mit den empörten Teams der Kandidaten und einem nächtlichen Pressebriefing hieß es kurz nach zwei Uhr in der Nacht, die Ergebnisse würden im Laufe des Dienstags bekannt gegeben. Die Genauigkeit der Resultate sei wichtiger als Schnelligkeit. Doch diese geriet mit jeder weiteren Stunde ohne Klarheit immer weiter infrage. Es dauerte nicht lange, bis sich Gerüchte über eine Sabotage des Vorwahl-Prozesses verbreiteten. Anhänger von US-Präsident Donald Trump taten alles, um Unfrieden zu schüren: Das Partei-Establishment der Demokraten versuche, den Sozialisten Sanders um seinen Sieg zu bringen. Diesen Verdacht hegte auch die linke Abgeordnete und Sanders-Unterstützerin Ilhan Omar, die behauptete, die fehlerhafte App sei von jemanden entwickelt worden, der Buttigieg unterstütze.

Das Wahlkampfteam Michael Bloombergs, der in Iowa nicht angetreten war, machte keinen Hehl aus seiner Schadenfreude über das Chaos, das dem Milliardär nach Einschätzung von Analysten hilft, weil es so keinen klaren Favoriten gibt. Hätten sie Bloomberg-Technologie eingesetzt, ätzte Wahlkampfmanager Kevin Shelley, lägen Ergebnisse vor. Verdächtig aggressiv reagierte das Biden-Team, das noch in der Nacht in einem Schreiben an die Parteifreunde in Iowa umfassende Aufklärung verlangte, bevor irgendein Ergebnis veröffentlicht werde. Je länger die Bekanntgabe des Wahlsiegers verzögert wird, desto mehr könnte der ehemalige Vizepräsident den Effekt eines schlechten Abschneidens in Iowa abfedern. Hartnäckig hielten sich Spekulationen, dass Biden aus dem Führungsquartett der demokratischen Bewerber an letzter Stelle landete. Warrens Wahlkampfmanager Roger Lau erklärte, zwischen Buttigieg, Sanders und Warren sei es knapp. „Biden ist abgeschlagen auf dem vierten Platz.“

Höhere Wahlbeteiligung

Unklar blieb zunächst auch, wie stark die Empörung über das Impeachment im Senat die Demokraten mobilisiert hat. Die Partei teilte mit, die Wahlbeteiligung liege „in dem Bereich der von 2016“. Vor vier Jahren hatten 171.000 Wähler an den Vorwahlen teilgenommen. Damit bliebe die Beteiligung um mehrere zehntausend Stimmen hinter den Erwartungen zurück. Die Nachwahl-Umfragen zeigen, dass deutlich mehr Frauen (58 Prozent) als Männer (42 Prozent) an der ersten Vorwahl teilnahmen. Die Wählerschaft war zu 91 Prozent weiß, und etwa ein Drittel beteiligte sich zum ersten Mal. Ganz besonders am Herzen lagen den Wählern die Gesundheitsversorgung, das Klima und das Auseinanderklaffen der Wohlstandsschere.

Das Chaos in Iowa verstärkt nach Ansicht erfahrener Beobachter wie Ann Kuster die Verunsicherung der Demokraten, die nach einem Kandidaten suchen, der Donald Trump schlagen kann. „Ich habe noch nie eine so hohe Zahl an unentschiedenen Wählern gesehen“, sagte die Abgeordnete aus New Hampshire, das nun noch mehr Aufmerksamkeit als sonst erhält. Nur knapp ein Drittel der Wähler im nächsten Vorwahl-Bundesstaat hat sich laut einer aktuellen Umfrage der University of New Hampshire bereits auf einen Kandidaten festgelegt.

Was erklärt, warum es alle eilig hatten, noch in der tiefen Nacht in den Granitstaat aufzubrechen. Bei Ankunft auf dem Flughafen gab ein Aktivist dem ehrgeizigen Kandidaten Buttigieg eine Mahnung mit in den Wahlkampfschlussspurt: "Iowa pflückt Mais, New Hampshire wählt Sieger aus.“

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