Terror gegen Satiremagazin

Prozess im Fall „Charlie Hebdo“ hat begonnen

Im Januar 2015 erschütterte das Attentat auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ die Welt. Nun beginnt der Prozess gegen mutmaßliche Helfer - und erneut eine Debatte über Mohammed-Karikaturen.
03.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Pol O‘Gradaigh,Christian Böhmer, Andrea Krogmann und Sabine Kleyboldt

Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen hat der Prozess um den blutigen islamistischen Terroranschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ begonnen. Im neuen Justizpalast im Nordwesten von Paris erschienen am Mittwoch elf der insgesamt 14 Angeklagten. Die übrigen drei, darunter eine Frau, sind flüchtig; ob sie noch leben, ist unklar. Es sind 49 Verhandlungstage geplant, der jetzt schon historisch genannte Prozess soll dann Mitte November enden.

Vor einem besonders zusammengesetzten Gericht für Terrorfälle wird eine mehrtägige Anschlagsserie aufgerollt, bei der im Januar 2015 insgesamt 17 Menschen getötet worden waren. Die Anschläge trafen nicht nur die Redaktion von „Charlie Hebdo“, sondern auch einen koscheren Supermarkt in Paris. Die drei Täter wurden damals von Sicherheitskräften erschossen.

Der Prozess ist in jeder Beziehung außergewöhnlich: Beteiligt sind 200 Nebenkläger und 94 Anwälte. Es sollen 144 Zeugen und 14 Experten aufgerufen werden. Das hochmoderne Gerichtsgebäude wurde von Hunderten Polizisten gesichert, wie Medien berichteten.

Den Angeklagten wird vorgeworfen, in unterschiedlicher Weise bei der Vorbereitung der Anschläge geholfen sowie einer terroristischen Vereinigung angehört zu haben. In den meisten Fällen drohen laut Staatsanwaltschaft hohe Haftstrafen von bis zu 20 Jahren. Beschuldigte sollen beispielsweise Waffen besorgt oder eine Unterkunft zur Verfügung gestellt haben. Zehn von ihnen saßen im Gerichtssaal in Glasboxen, die von vermummten Polizisten bewacht wurden. Im Saal herrschte Maskenpflicht. Der Vorsitzende Richter Régis de Jorna erklärte, dass der Prozess wegen der historischen Bedeutung gefilmt werde. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo teilte via Twitter mit, das Gerichtsverfahren müsse ein „Moment der Wahrheit, der Würde und der Gerechtigkeit“ sein.

Die Anschläge hatten vor gut fünfeinhalb Jahren auch weltweit enormes Aufsehen erregt. Eine Welle der Solidarität unter dem Schlagwort „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“) prägte die Zeit danach. Es ist der erste große Prozess um die verheerenden islamistischen Terroranschläge, die Frankreich 2015 und 2016 tief erschütterten. Bei islamistisch motivierten Terrorakten kamen im Land bisher mehr als 250 Menschen ums Leben. Zu den Anschlägen auf die Konzerthalle „Bataclan“ und Restaurants im Pariser Osten vom Herbst 2015 – dabei starben 130 Menschen – wird es einen weiteren Prozess geben.

Bei dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ waren zwölf Menschen getötet worden, unter ihnen bekannte Zeichner wie Stéphane Charbonnier (Charb) oder Jean Cabut (Cabu). Die Täter, die Brüder Chérif und Said Kouachi, wurden nach Tagen auf der Flucht erschossen.

Der Islamist Amedy Coulibaly erschoss am Tag nach dem Anschlag auf das Satiremagazin eine Polizistin im Süden von Paris und tötete am Tag darauf vier Geiseln in einem koscheren Supermarkt, bevor er selbst bei der Erstürmung des Gebäudes erschossen wurde.

Nach den Attacken gingen Millionen Menschen überall in Frankreich auf die Straßen. In Paris gab es einen Marsch mit Staats- und Regierungschefs, angeführt vom damaligen Staatspräsidenten François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Das Satiremagazin veröffentlichte anlässlich des Strafprozesses die Mohammed-Karikaturen erneut. Das Sonderheft mit der Titelzeile „Tout ça pour ça“ (etwa: „Viel Lärm um nichts“) solle am Mittwoch erscheinen, teilte das Blatt am Dienstag auf Twitter mit. „Wir werden niemals kuschen. Wir werden niemals aufgeben“, erklärte „Charlie-Hebdo“-Herausgeber und Karikaturist Laurent Sourisseau alias Riss laut französischer Nachrichtenagentur AFP. In einem Editorial des Blattes heißt es, dass alle Zeichnungen, die ursprünglich im Jahr 2005 von der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ veröffentlicht und ein Jahr später von „Charlie Hebdo“ übernommen wurden, auf die Titelseite der neuen Ausgabe gehoben wurden. Daneben zeige das Heft auch eine Karikatur des islamischen Propheten, die von dem 2015 getöteten Zeichner Cabu stamme. Mohammed-Karikaturen galten damals als Hintergrund der Attacke auf die Redaktion. Die Veröffentlichung der Karikaturen in Dänemark hatte gewalttätige Demonstrationen in mehreren islamischen Ländern ausgelöst. Die Darstellung des Propheten ist im sunnitischen Islam streng verboten.

Am Mittwoch folgte prompt Kritik an der erneuten Veröffentlichung der Karikaturen – vom türkischen Außenministerium, aber auch vom Observatorium zur Bekämpfung von Extremismus an der Kairoer Al-Azhar-Moschee. An die älteste Moschee Ägyptens angegliedert ist eine Universität, sie gilt als eine der bedeutendsten Lehrautoritäten des sunnitischen Islam. Der Schritt sei „eine ungerechtfertigte Provokation der Gefühle von rund zwei Milliarden Muslimen weltweit“, kritisiert die Moschee laut der Zeitung „Al-Ahram“.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+