Trauer um Filmemacher

Chronist des Unsagbaren: Claude Lanzmann ist tot

Sage und schreibe zwölf Jahre hat Claude Lanzmann an dem epochalen Filmprojekt „Shoah“ (1985) gearbeitet. Zuletzt war es ruhig geworden um den Filmemacher, der am Donnerstag gestorben ist.
05.07.2018, 22:16
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Chronist des Unsagbaren: Claude Lanzmann ist tot
Von Hendrik Werner
Chronist des Unsagbaren: Claude Lanzmann ist tot

Ausgezeichnet: Im Februar des Jahres 2013 nahm Claude Lanzmann bei der Berlinale im Land der Täter mit sichtlicher Rührung den Ehrenbären für sein Lebenswerk entgegen.

dpa

Seine intellektuelle Bestimmung fand der französische Filmemacher und Journalist Claude Lanzmann, der am Donnerstag im Alter von 92 Jahren in Paris gestorben ist, vergleichsweise spät – und doch rechtzeitig genug, um als Erneuerer der europäischen Erinnerungskultur in die Geschichtsbücher einzugehen. 1973, da war der Nachkomme jüdischer Immigranten aus Osteuropa Ende 40, drehte er „Pourqoi Israel“, seinen ersten Dokumentarfilm.

Es war dies endlich das Medium, mit dem er hoffte, an die Grenze des Sagbaren vorzudringen, zu einem beispiellos lastenden Trauma: jenem unsäglichen Zivilisationsbruch, der hierzulande vor der Veröffentlichung seines bewegenden Hauptwerks unter der Chiffre Auschwitz eher verschwiegen als thematisiert wurde. Sage und schreibe zwölf Jahre hat Claude Lanzmann an dem epochalen Filmprojekt „Shoah“ (1985) gearbeitet.

Die Lakonik des Titels besagt wenig über den technischen und vor allem emotionalen Aufwand, den die Fertigstellung dieses Solitärs in Anspruch nahm. Neuneinhalb Stunden dauert dieser ästhetische und moralische Meilenstein in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Wer sich diesem zweiteiligen Dokumentarfilm aussetzt, wird – und soll – ihn nicht mehr vergessen: Lanzmann befragt darin Zeitzeugen der Shoah, Opfer wie Täter.

"Eine Krücke für die Gefühle"

Keine einzige Leiche zeigt der Film, dafür unendlich langsame Kamerafahrten entlang der Orte, an denen sich der organisierte Völkermord an den Juden zutrug. Und intensive Interviews, die bisweilen an Verhöre erinnern – und das Grauen der nationalsozialistischen Vernichtungslager auch deshalb so beklemmend transportieren, weil sie den enormen Verdrängungswiderstand der Opfer vorführen.

Darunter ist auch der Erzählstrang, der Abraham Bomba zugeeignet ist, jenem jüdischen Friseur, der Jüdinnen in der Gaskammer des Konzentrationslagers Treblinka das Haar abschneiden musste. Lanzmann interviewt ihn in einem Frisiersalon in Tel Aviv. Zum einen, weil er hofft, die gleichen Gesten „könnten eine Stütze sein, eine Krücke für die Gefühle, und sie würden ihm vielleicht die Arbeit an den Worten, die Demonstration erleichtern, die er vor der Kamera würde vollbringen müssen“.

Zum anderen hatte Bomba dem Regisseur vor den Dreharbeiten anvertraut, ohne Schere und Kamm in der Hand würde er nicht über dieses horrende Furchtzentrum sprechen können. Als Lanzmann mit sanfter Insistenz zur zentralen Frage kommt, ringt der Friseur vor seiner stockenden Antwort lange um Fassung: „Was haben Sie empfunden, als Sie zum ersten Mal all diese nackten Frauen und Kinder in die Gaskammer strömen sahen?“

In Materialien zur Schlüsselszene erläutert Lanzmann den Bezugsrahmen: „Nackt, zu Tode erschrocken von den Peitschenhieben der ukrainischen Wachen, kamen die jüdischen Frauen, jeweils 70 pro Schub, in die Gaskammer, wo 17 ausgebildete Friseure auf sie warteten, sie auf zu diesem Zweck bereitgestellten Holzbänken Platz nehmen ließen und ihnen mit vier Scherenschnitten all ihr Haar abschnitten. Als ich Abraham während des Drehens bitte, diese Gesten zu wiederholen, packt er den Kopf seines Freundes, seines angeblichen Kunden, und zeigt, wie und mit welcher Schnelligkeit er vorging, indem er den Kopf hin- und herdreht: ‚Man schnitt so, hier …und da … diese Seite … diese Seite, and it was all finished.‘ Zwei Minuten pro Frau, nicht mehr. Ohne die Schere wäre die Szene hundertmal weniger suggestiv, hundertmal weniger stark gewesen. Aber vielleicht hätte sie nicht einmal stattfinden können: Die Schere macht es möglich, dass er seinen Bericht veranschaulichen und zugleich fortsetzen, wieder Atem und Kraft schöpfen kann, so unmöglich und verzehrend ist es, was er zu sagen hat.“

Diese Szene ist zugleich unendlich peinigend und ungeheuer bedeutsam. „Man kann sich einfach nicht vorstellen, was es bedeutet, einen Mann wie Abraham Bomba vor der Kamera zum Sprechen zu bringen“, sagte Lanzmann 2013 in einem Interview. „Es ist eigentlich unmöglich. Es ging nur, indem ich mich so gut vorbereitete, dass ich schon alles wusste und meinen Gesprächspartnern in schweren Momenten zu Hilfe kommen konnte.“

Eine eindringliche Ästhetik

Die Philosophin Simone de Beauvoir, die sieben Jahre mit Lanzmann in einer eheähnlichen Beziehung war, erlebte im Jahr vor ihrem Tod noch die Fertigstellung des Films, von dem sie wusste, wie viel Schweiß und Tränen, Konfrontation und Trauerarbeit er gekostet hatte. „Ich habe nie etwas gelesen und gesehen, was mich so deutlich das Grauen der ‚Endlösung‘ empfinden ließ, etwas, das mit solcher Klarheit ihre höllischen Mechanismen ans Licht gebracht hätte“, gab sie 1985 zu Protokoll. „Ein Monument“ sei dieser Film, „das es den Menschen generationenlang ermöglichen wird, einen der düstersten und rätselhaftesten Augenblicke ihrer Geschichte zu verstehen“.

Diesem Verständnis arbeitet eine eindringliche Ästhetik zu, die der Singularität des Zivilisationsbruchs korrespondiert: „Es gibt in ‚Shoah‘ keine Sekunde mit Archivmaterial, weil dies nicht die Art ist, wie ich denke und arbeite, und, nebenbei gesagt, solches Material gibt es gar nicht“, sagte Lanzmann einmal. „Wenn ich einen Film gefunden hätte – einen geheimen Film, weil das Filmen verboten war –, gedreht durch die SS, in dem gezeigt wird, wie 3000 Juden – Männer, Frauen, Kinder – gemeinsam sterben, in der Gaskammer des Krematoriums 2 in Auschwitz. Ich hätte ihn nicht nur nicht gezeigt, ich hätte ihn sogar vernichtet. Ich kann nicht sagen, warum.“

Pope visits Auschwitz-Birkenau

Für sein Hauptwerk "Shoah" drehte Claude Lanzmann auch Szenen am deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Foto: dpa

Das Obszöne, das von einem solchen Film ausgegangen wäre, hat Lanzmann noch verschiedentlich thematisiert. Vor allem aber die Initiation, die ihm die Dreharbeiten ermöglicht hatte. „Ich machte zwar den Film, aber der Film machte auch mich“, sagte er in einem Interview. Dies umso mehr, als sein Wissen über den Holocaust zuvor „gering und dürftig“ gewesen sei. Mit den Dreharbeiten von „Shoah“ aber habe er sein Thema gefunden, das ihm Pflicht und Lebensinhalt gewesen sei. So hart es ihn auch oftmals angeweht habe.

Einfühlsam und intelligent

Lanzmanns hoher Politisierungsgrad wie auch sein Beharrungsvermögen rühren von seinem jugendlichen Engagement in der kommunistischen Jugendbewegung Frankreichs her, der französischen Widerstandsbewegung. Zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs studierte er, der als einer unter wenigen Franzosen schon bald wieder ins Land der Täter reiste, in Tübingen Philosophie. Später arbeitete er als Lektor an der Freien Universität Berlin und verdingte sich als Herausgeber der von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir begründeten Zeitschrift „Les Temps modernes“.

Lanzmann setzte sich für ein Ende des Algerienkriegs ein – und reiste als Journalist nach China und Korea. Dem Film widmete er sich erst Anfang der 70er-Jahre. Auf die Doku „Pourquoi Israel“, in der er seine Auseinandersetzung mit der eigenen jüdischen Identität thematisiert, und die zwölfjährige Arbeit an „Shoah“ folgten weitere Filme, die der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Gräuel geschuldet waren, darunter „Sobibor“ und „Der letzte der Ungerechten“.

Zuletzt war es ruhig geworden um diesen unbeirrbaren Kämpfer gegen das Vergessen, der in Paris mit seiner dritten Ehefrau Dominique Petithory zusammengelebt hatte. Wegbegleiter würdigten Lanzmann am Donnerstag als scharfsinnigen Dokumentarfilmer. Er habe einfühlsam und intelligent vorgeführt, was die Shoah war, sagte der Nazi-Jäger Serge Klarsfeld. Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, sagte, Lanzmann habe „mit seinen Bildern all denen eine Stimme gegeben, die in der Dunkelheit der Shoah in den deutschen Vernichtungslagern verstummten und ermordet worden sind. Seine Filme sind Werke gegen das Verschweigen, Verdrängen und Vergessen.“

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