Corona-Krise

Rezession von historischem Ausmaß

Die Corona-Pandemie hat die europäische Wirtschaft zur Vollbremsung gezwungen. Der Schock sei so groß wie nie zuvor seit der großen Depression in den 1930er-Jahren, sagt die EU-Kommission.
06.05.2020, 19:05
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Rezession von historischem Ausmaß
Von Detlef Drewes

Brüssel. Die Corona-Pandemie stürzt Deutschland und Europa in eine Rezession von historischem Ausmaß. Bis zum Ende dieses Jahres bricht die Konjunktur in der EU um 7,5 Prozent, in der Euro-Zone sogar um 7,75 Prozent ein. Zwar rechnet die Brüsseler EU-Kommission für 2021 mit einer deutlichen Erholung von 6,0 beziehungsweise 6,25 Prozent – aber frühestens im Jahr darauf könne das Niveau vor der Krise wieder erreicht werden, heißt es.

Es sind dramatische Zahlen, die die Behörde am Mittwoch im Rahmen ihrer alljährlichen Frühjahrsprognose vorgelegt hat. Und dieses Zahlenwerk ist „mit einem höheren Grad an Ungewissheit behaftet als üblich“. Denn die Berechnungen wurden für den Stichtag 22. April vorgenommen und gehen von einer schrittweisen Lockerung des Shutdowns ab Mitte Mai aus. „Eine schwerere und länger andauernde Pandemie als derzeit erwartet könnte zu einem weitaus stärkeren Rückgang des Bruttoinlandsproduktes (BIP) führen als derzeit angenommen“, heißt es in der Prognose. Dabei steht nach den Worten von EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni schon jetzt fest: „Europa erlebt einen wirtschaftlichen Schock, wie wir ihn seit der Großen Depression (in den 1930er-Jahren, d. Red.) nicht mehr gehabt haben.“

Die Zahlen spiegeln den bislang für undenkbar gehaltenen Einbruch wider. Demnach geht die Produktion in den einzelnen Mitgliedstaaten zwar sehr unterschiedlich, aber doch überall dramatisch zurück. Die Palette reicht von Polen mit einem Minus von 4,3 Prozent bis zu Griechenland (minus 9,75 Prozent). Für Deutschland wird mit einem Absturz der Jahreswirtschaftsleistung um 6,5 Prozent und einer Erholung im kommenden Jahr von 5,9 Prozent gerechnet. Frankreich verzeichnet ein Minus von 8,2 Prozent und klettert 2021 wieder um 7,4 Prozent nach oben. Italien rutscht sogar um 9,5 Prozent ab, kann danach aber nur um 6,5 Prozent wieder zulegen. Spanien verliert 9,4 Prozent und schafft 2021 eine Erholung um 7,0 Prozent.

Dementsprechend klettert auch die Arbeitslosigkeit in der EU nach oben – von 7,5 Prozent 2019 auf 9,6 Prozent in diesem Jahr. 2021 geht sie dann nur leicht auf 8,6 Prozent zurück. Nach den Berechnungen der EU-Behörde sind jene Staaten „besonders anfällig“, in denen ein hoher Anteil der Arbeitnehmer mit befristeten Kurzzeitverträgen beschäftigt ist. Eine Schlüsselrolle spiele der Tourismus, der in einzelnen Regionen der wichtigste Wirtschaftszweig sei. Deshalb seien wichtige Faktoren beim Wiederanfahren der Wirtschaft das Tempo bei der Aufhebung der Corona-Auflagen, die Abhängigkeit der Volkswirtschaften vom Reiseverkehr und die finanziellen Spielräume im Haushalt. „Eine solche Divergenz stellt eine Bedrohung für den Binnenmarkt und die Eurozone dar“, sagte Gentiloni. Dennoch könne sie durch entschlossenes, gemeinsames europäisches Handeln abgemildert werden. Besonders schlecht werde sich der Arbeitsmarkt für junge Menschen entwickeln. „Alle EU-Länder sind betroffen, und es wird erwartet, dass alle Länder in diesem Jahr eine Rezession erleben werden“, sagte Kommissions-Vize Valdis Dombrowskis.

Die Inflationsrate fällt 2020 zunächst auf 0,2 Prozent, ehe sie im nächsten Jahr auf 1,1 Prozent ansteigt. Aber auch dies wäre weiter unter der Marke von knapp zwei Prozent, die die Europäische Zentralbank (EZB) als ideal für die Konjunktur ansieht. Dennoch werde 2021 für die Gemeinschaft und vermutlich auch für die Weltwirtschaft von deutlicher Erholung gekennzeichnet sein, hieß es in Brüssel. Allerdings könnten die Rückgänge nicht vollständig wieder aufgeholt werden.

Die jetzt errechneten Entwicklungen berücksichtigen bereits die gewaltigen Anstrengungen, die die Mitgliedstaaten und die EU als Ganzes beschlossen haben. Rund 3,4 Billionen Euro wollen die Regierungen zur Stützung ihrer Unternehmen und Dienstleister sowie für staatliche Sozialleistungen aufwenden. Mit entsprechenden Folgen für die Staatsverschuldung. Die Defizite dürften deutlich steigen.

Die Neuverschuldung schnellt im Durchschnitt aller EU-Mitglieder auf 8,5 Prozent hoch – 3,0 Prozent sind gestattet. Davon ist auch Deutschland massiv betroffen. 2019 hatte die Bundesrepublik – zum ersten Mal seit 2002 – die erlaubte Höchstgrenze für den Anteil der Schulden an der Jahreswirtschaftsleistung von 60 Prozent wieder unterschritten. Aufgrund der milliardenschweren Hilfsprogramme dürfte der Schuldenberg nun wieder auf 76 Prozent anwachsen.

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