Kommentar über die zweite Corona-Welle Nicht weit vom Ziel entfernt

Das Leben mit dem Coronavirus funktioniert nicht unter Quarantäne-Bedingungen, sondern nur im Rahmen einer wohldosierten Öffnung, meint Markus Peters. Alle Kennzahlen sprechen im Moment dafür.
02.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Nicht weit vom Ziel entfernt
Von Markus Peters

Es ist nur eine kleine Grafik in den sozialen Medien, die einen Zusammenhang zwischen der Sterblichkeit in der US-amerikanischen Stadt Denver auf dem Höhepunkt der Spanischen Grippe Ende des Jahres 1918 und die Einführung beziehungsweise Einstellung von Gegenmaßnahmen nahelegt. Diese Grafik soll angeblich den Beweis liefern, dass schon in den kommenden Wochen eine zweite Welle von Sars-CoV-2-Infektionen über Deutschland hereinbrechen werde.

Man muss kein Virologe sein, um einschätzen zu können, dass eine 100 Jahre alte Statistik aus den USA nicht seriös mit der gegenwärtigen Situation vergleichbar ist. Was sie verschweigt: Denver war damals Teil eines größeres Ausbruchsgeschehen, das den amerikanischen Westen im Dezember 1918 erheblich stärker traf als die Großstädte im Osten, die den Höhepunkt der Pandemie schon im November überstanden hatten.

Kennzahlen deuten nicht auf Zweite Welle hin

Für Deutschland deutet im Moment keine Kennzahl darauf hin, dass es zu einem Anstieg der Infektionen und zu einer zweiten Welle kommt. Seit Anfang April sinkt die Zahl der gemeldeten neuen Fälle in Deutschland beständig. Ende März/Anfang April wurden durchschnittlich etwa 5400 Neuinfektionen pro Tag gezählt, Mitte des Monats durchschnittlich etwa 2500 Fälle pro Tag. In dieser Woche liegt die Zahl der Neu-Infektionen in Deutschland durchschnittlich bei 1317 Personen pro Tag.

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Allerdings sagen diese Zahlen nichts über das aktuelle Infektionsgeschehen aus. Sie geben wegen der Inkubationszeit und des Meldeverzugs Informationen über die Situation vor etwa zehn Tagen. Noch liefern die verfügbaren Daten keine Erkenntnisse darüber, ob die Lockerungen seit dem 20. April zu mehr Ansteckungen geführt haben. Diese Effekte werden spätestens in der kommende Woche sichtbar. Dann wird deutlich, ob die vielstimmigen Warnungen berechtigt waren oder nicht. Bis dahin haben alle anderen Aussagen den Charakter eines Blicks in die Glaskugel, der stets verzerrt.

Missverstandene Reproduktionszahl

Um das gegenwärtige Infektionsgeschehen schätzen zu können, haben die Statistiker die Reproduktionszahl entwickelt, die Anfang der Woche für Irritationen sorgte, als sie kurzfristig auf einen Wert von 1 kletterte. Von steigenden Infektionszahlen und dem Beginn einer zweiten Welle war die Rede. Wer solche Sätze vorschnell in die Welt setzt, stellt lediglich unter Beweis, dass er sich mit diesem sogenannten R-Wert bisher noch nicht näher beschäftigt hat.

Denn erstens ist er kein Ergebnis einer Messung, sondern eine Schätzung auf Basis zurückliegender Werte. Zweitens stieg der Wert gar nicht außerhalb der angegebenen Fehlertoleranz an, sondern wurde lediglich von 0,96 auf 1 aufgerundet. Drittens wird bei niedrigeren Fallzahlen der R-Wert in den kommenden Wochen stärker schwanken, da sich einzelne Verzerrungen – zum Beispiel der Meldeverzug am Wochenende – stärker auswirken. Am Freitag lag der R-Wert übrigens wieder bei 0,79.

Verdopplungszeitraum liegt bei 67,5 Tagen

Auch andere Kennzahlen haben ihre Tücken: Die Verdopplungszahl, die ursprünglich von der Bundesregierung als Indikator für etwaige Lockerungen ins Feld geführt wurde, ist klammheimlich beerdigt worden. Sie liegt inzwischen bei 67,5 Tagen. Das Abflachen der Kurve ist erreicht. Auch die kumulierte Gesamtzahl der Fälle ist eher unerheblich. Aussagekräftiger ist die Zahl der akut Infizierten in Deutschland. Die lag am Freitag bei 27.377 Fällen. Ein solcher Wert wurde zuletzt am 24. März registriert, zu Beginn der Kontaktsperre. Auch die regionale Situation muss künftig eine wichtige Größe werden, wenn es um die Frage geht, ob Schulen, Kitas oder Restaurants wieder öffnen dürfen: Während im oberpfälzischen Landkreis Tirschenreuth die Inzidenz (Zahl der Fälle pro 100.000 Einwohner) bei 1536 liegt, beträgt sie im ostfriesischen Emden gerade 33,9.

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Der wichtigste Wert aber bei der Frage nach etwaigen Lockerungen bleibt die tägliche Zahl der Neu-Infektionen. Professor Lothar Wieler, Chef des Robert Koch-­Instituts, sprach in dieser Woche davon, dass die mehr als 400 Gesundheitsämter etwa 1000 neue Fälle pro Tag nachverfolgen könnten. Wenn einzelne lokale Ausbruchsherde entdeckt und schnell eingedämmt werden können, ist eine Aufhebung der Kontaktbeschränkungen und eine Rückkehr zur Normalität möglich. Von dieser Zahl sind wir nicht mehr weit entfernt. Klar ist aber auch, dass wir mit dem Virus bis zur Entwicklung eines Impfstoffes oder eines Medikaments leben lernen müssen. Das funktioniert allerdings nicht unter Quarantäne-Bedingungen, sondern nur im Rahmen einer vorsichtigen, wohldosierten Öffnung.

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