Kommentar über Urlaub in Zeiten von Corona

Die Sehnsuchtsorte liegen vor der eigenen Haustür

Erst wenn die Menschen Vertrauen finden in regionale und durchdachte Lösungen, kann es mit der Sommersaison etwas werden, schreibt Hans-Ulrich Brandt.
04.05.2020, 05:00
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Die Sehnsuchtsorte liegen vor der eigenen Haustür
Von Hans-Ulrich Brandt
Die Sehnsuchtsorte liegen vor der eigenen Haustür

Urlaub mit Abstand: Viele Menschen hoffen darauf, dass das im Sommer in Deutschland möglich sein wird.

Peter Kuchenbuch-Hanken /dpa

Der Schock kam zur besten Sendezeit, abends, gleich nach der „Tagesschau“, in einem dieser unzähligen ARD-Extras zur Corona-Krise. Und es ging um eine Öffnung der Grenzen, um eine mögliche Lockerung der Reisewarnungen, sprich: um ein wenig Zuversicht in dieser von Einschränkungen so geprägten Zeit. Doch mit nur einem Satz beendete Deutschlands Außenminister all die mühsam genährten Illusionen. „Einen normalen Urlaub wird es nicht geben“, verkündete Heiko Maas ganz undiplomatisch. Um hinterherzuschicken: Es gebe im Moment nun wirklich keinen einzigen Hinweis, der darauf hindeute, dass die weltweite Reisewarnung gelockert werden könne.

Das schien so etwas wie der Abgesang auf den Urlaub 2020 zu sein. Die letzten Träume, wenigstens im Spätsommer noch an irgendeinem Strand in Südeuropa liegen zu können oder durch eine hippe Metropole zu bummeln, sie waren ausgeträumt. Viel mehr Enttäuschung ging nicht.

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Die Konsequenz war ernüchternd: Weiter auf Balkonien versauern; die längst ausgetretenen Pfade im Umkreis der eigenen Haustür abflanieren; keine Erholung vom tristen Alltag zwischen Familie und Homeoffice in Sicht. Ein Schock, ausgelöst durch einen Satz. Und obwohl seitdem fast zwei Wochen vergangen sind, hat er immer noch Bestand. Aktueller Kommentar der Bundeskanzlerin: „Reisen innerhalb Europas stehen jetzt noch nicht auf der Agenda.“ Unglaublich!

Aber kann die schönste Zeit des Jahres wegen einer Pandemie einfach ausfallen, von oben herab abgesagt werden? Immerhin ist Deutschland Spitzenreiter bei der Zahl der Auslandsreisen – die Deutschen stehen damit noch vor Amerikanern und Briten. Selbst im hintersten Winkel der Erde ist die Wahrscheinlichkeit groß, Landsleute zu treffen. Doch das ist nur die eine Seite der Reiselust Made in Germany. Mehrheitlich zieht es uns nämlich gar nicht fort – 55 Prozent bevorzugen den Urlaub im eigenen Land.

Die Schlagbäume werden wieder hochgezogen

Und genau deshalb keimt Hoffnung auf. Auch wenn der freie Reiseverkehr in Nachbarländer wie Österreich, Frankreich oder Dänemark auf absehbare Zeit nicht möglich sein wird, zwischen Bremen und Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg werden peu à peu die Schlagbäume wieder hochgezogen.

Urlaub daheim in Deutschland – wohl noch nie dürften die Sehnsuchtsorte der reisewütigen Teutonen so nah vor der eigenen Haustür gelegen haben wie in diesem Sommer. Wenn Spanien oder Italien, die traditionellen Top-Ziele, unerreichbar sind, dann eben um die Ecke. Da ist es egal, wenn die Ferienflieger nicht abheben, und die Kreuzfahrt-Giganten am Kai bleiben. Für den Weg nach Norderney, an die Müritz oder ins Allgäu reichen Auto, Zug oder Rad.

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Deshalb hoffen jetzt Millionen Urlaubsbedürftige auf Lockerungen – und mit ihnen die Tourismusbranche. Auf 100 Milliarden Euro jährlich wird ihr Umsatz in Deutschland geschätzt. 40.000 Reiseveranstalter stünden vor dem Nichts, fiele die Sommersaison aus. Eine „wirtschaftliche Kernschmelze“ hat das der Chef des Tourismusverbands Nordsee und Niedersachsen, Sven Ambrosy, gerade im Interview mit dieser Zeitung genannt.

Urlaub im Ausnahmezustand ist keiner

Doch bei allem Verständnis für die Nöte der Hoteliers, Anbieter von Ferienwohnungen und Gastronomen – Urlaub im Ausnahmezustand ist keiner und folglich darf es ihn nicht geben. Wie generell in der Corona-Krise gilt auch hier: Der Gesundheitsschutz der Bevölkerung hat Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen. So wie es der Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro fordert, geht es nicht. Der hatte seinen Sorgen um die leere Lagunenstadt mit einem dramatischen Appell Luft gemacht. „Jedem, der sich in den kommenden Monaten bewegen kann, sage ich: Kommt nach Venedig.“

Verzweiflung ist kein guter Ratgeber. Erst wenn die Menschen Vertrauen finden in durchdachte regionale Lösungen, wenn sie spüren, dass Tourismus und Gesundheitsschutz sich nicht ausschließen, kann es mit der Sommersaison noch etwas werden. Urlaub wird sich neu definieren müssen in Zeiten von Corona. Viel spricht dafür, dass es gelingt.

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