Kommentar über die Corona-Lage in Spanien

Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen

Spaniens Gesundheitssystem ist kaputtgespart worden. Es fehlt an Personal, um Kontaktpersonen von Infizierten aufspüren und so die Ansteckungsketten unterbrechen zu können, meint Ralph Schulze.
10.09.2020, 05:00
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Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen
Von Ralph Schulze
Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen

Schüler in Pamplona: Trotz strenger Corona-Regeln nimmt in Spanien die Zahl der Infizierten deutlich zu

ALVARO BARRIENTOS/DPA

Bereits im Frühjahr war das spanische Königreich das EU-Land mit den meisten Corona-Fällen. Nun schwappt die zweite Welle durch Europa, und Spanien ist erneut trauriger Spitzenreiter bei den Neuerkrankungen. Woran liegt es, dass das südeuropäische Land in diesem Spätsommer wieder ein europäisches Hochrisikogebiet ist?

Die aktuelle Entwicklung ist alarmierend und löst in ganz Europa die Sorge aus, dass die Lage in Spanien wieder außer Kontrolle geraten könnte. Die Corona-Zahlen verheißen nichts Gutes: Anfang der Woche übersprang die Summe der seit Epidemie-Beginn registrierten Infektionen die 500 000-Marke. Das sind gut doppelt so viele Erkrankungen wie in Deutschland, dem größten EU-Land.

Momentan werden in Spanien täglich 9000-10 000 neue Infektionen registriert – ein unrühmlicher Rekord. Die Krankenhäuser füllen sich wieder. Annähernd 1000 Menschen werden jeden Tag mit Komplikationen der Covid-19-Erkrankung eingeliefert. Wenn diese verhängnisvolle Entwicklung nicht gestoppt werden kann, droht ein neuer Kollaps der Hospitäler. Das weckt Erinnerungen an das Drama im Frühjahr, als spanische Krankenhäuser hoffnungslos überfüllt waren. Tausende überwiegend ältere Covid-19-Kranke konnten wegen fehlender Hospitalbetten nicht behandelt werden und starben.

Die wöchentliche Fallhäufigkeit Spaniens liegt bereits bei über 100 Fällen pro 100 000 Einwohner – nirgendwo in Europa ist das statistische Ansteckungsrisiko größer. In Madrid kletterte dieser Risikowert mittlerweile auf 250 – erheblich mehr als in den Hotspotländern USA, Brasilien oder Indien. Alles in allem ein Armutszeugnis für den EU-Staat, dessen Politiker gerne behaupten, Spanien habe „das beste Gesundheitssystem der Welt“.

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Die neue Corona-Krise hat verheerende Auswirkungen auf den Tourismus des Landes, das im Jahr 2019 das beliebteste Urlaubsziel der Deutschen war. Die Reisewarnungen Berlins und anderer Regierungen brachten den internationalen Tourismus nicht nur auf Mallorca zum Stillstand. Eine ökonomische Katastrophe, denn das Urlaubsgeschäft ist eine der wichtigsten Einnahmequellen Spaniens.

Die Leichtigkeit, mit der sich das Virus in Spanien ausbreitet, überrascht auch deswegen, weil Spanien die strengsten Corona-Gesetze Europas hat: Im Frühjahr galt ein striktes Ausgangsverbot, das sogar Sport und Spaziergänge untersagte. Und jetzt, nach der zweiten Virus-Welle, gilt eine strenge Maskenpflicht – auch wenn man alleine auf der Straße ist. Zudem wurde ein weitgehendes Rauchverbot in der Öffentlichkeit beschlossen.

Doch trotz vielleicht sogar übertrieben harter Gesetze bekommt Spanien die Epidemie nicht in den Griff. Warum? Liegt es am lockeren spanischen Lebensstil, zu dem Umarmungen und Wangenküsschen gehören? Oder ist die spanische Bevölkerung nachlässiger im Umgang mit der Hygiene als andere Nationen? Vermutlich nicht. Südeuropäische Nachbarländer mit ähnlichen Begrüßungsritualen haben erheblich weniger Corona-Probleme. Und in Sachen Hygiene: Die große Mehrheit der Bevölkerung stellt die Corona-Regeln nicht infrage. Entsprechend spielen Corona-Proteste derzeit auch keine Rolle.

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Wahrscheinlicher ist, dass andere Faktoren entscheidend sind, etwa das schwächelnde Gesundheitssystem. Dieses ist in den letzten Jahren kaputtgespart worden. Spanien gibt heute weniger für die Gesundheit aus als der EU-Durchschnitt. Besonders verhängnisvoll ist der Mangel von Corona-Ermittlern, die Kontaktpersonen von Infizierten aufspüren und so die Ansteckungsketten unterbrechen können. Zudem sind die Testlabors total überlastet: Kranke mit Corona-Symptomen müssen bis zu einer Woche auf das Testergebnis warten. Mit solchen Defiziten ist es unmöglich, die Virusausbreitung zu stoppen.

Experten kritisieren, dass es an Personal, Geld und politischer Weitsicht fehlt. So ähnlich klangen schon im Frühjahr die Klagen von Ärzten, Pflegern und Krankenschwestern. Sie fühlen sich vom Staat im Stich gelassen. All das legt den Schluss nahe: Spanien hat seine Lektion aus dem Drama im Frühjahr, die 28 000 Menschen mit dem Leben bezahlten, nicht gelernt.

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